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Jüdische Rundschau · 1904-02-19 · Heft 8 (19.2.1904) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No; 8. Seite 71. JÜDISCHE RUNDSCHAU. den polnischen Juden zu ziehen, denn naturgeinüss sind es hauptsächlich däe mit den schwersten Krankheiten behafteten Juden, die »n einem ausländischen Krankenhause Heilung Stichen. Interessant aber ist es, sich durch einen Blick auf die statistische Übersicht darüber zu orientieren, ob sich unter dcesen zumeist ziemlich schweren Krankheitsbildern nicht diese oder jene krankhafte Disposition in besonders erhöhtem Masse : geltend macht. Man könnte da den verschiedenartigsten Gesichtspunkten folgen. Nicht uninteressant dürfte — um eines herauszugreifen ’־־־-־ die Bemerkung sein, dass in den letzten 30 Jahren nur 2 oder 3 Fälle von Lebercirrhose — eine der Säufcrkrankheiten par excellence — zur Beobachtung gelangten. Aber nicht derartigen Einzelfrageai wollen wir uns zuwenden, sondern einer betrübenden Erscheinung, die den Juden, der an die Zukunft seines Volkes glaubt, der es als die Aufgäbe der kommenden Geschlechter betrachtet, die Rcgeneration dies jüdischen Volkes herbcizufiihrej!, der Schwierigkeiten dieser Aufgabe erst voll bewusst werden lässt — einer betiübenden Erscheinung, die uns durch die Erinnerung an den ganzen Komplex ihrer Ursachen mit einem Schlage das Bild vergangener unseliger Jahrhund&rte hervorzaubert. An einem Material von ca. 500 internen Fallen zeigt unsere Statistik, ähnlich wie in früF.eren Jahren, dass, während so allgemein verbreitete Krankheiten wie die Ltnigenschwindsucht nur ■4 Prozent und die Herzklappenfehlcr nur 3 Prozent sämtlicher Fälle darsteüen die Neurasthenie und Hysterie nicht .weniger' als 15 Prozent aller überhaupt zur Behandlung gefangten Falle umfasst. Und man muss, um den ganzen Ernst dieser Zahl begreifen zu können, diese schweren Formen mit ihren umfassenden, oft kaum beeinflussbaren Symptomenkomplexen gesehen haben! Dem Arzt, der dieses Krankenmaterial kennt, schwebt das Bild des neurasthenischen Juden und der hysterischen Jüdin als Typus vor; ja selbst das des hysterischen jüdischen Mannes ist für ihn keine Rarität Das sind jene Gestalten, denen das Elend furchtbarer Jahrhunderte die Diagnose: ins Gesicht geschrieben hat. ' * Zwar sind das alles Binsenwahrheiten. Es ist schon soviel über die schweren nervösen Reizzuständc unter den Juden geschriebe« worden. Aber es ist menschlich — das diene mir zur Entschuldigung —, sich die banalsten Tatsacheri, wenn sie sich in einem konkreten Falle besonders handgreiflich präsentieren, immer wieder zu Gemüte zu führen; siud ja solche "Augenblicke oft die einzigen, in denen man-derartige ,,Binsenwahrheiten!“ erst völlig begreift gegen deren wahrhafte Erfassung die Gewöhnung abstumpft. Ein zerstörendes Naturereignis,.eine Judenverfolgung löst in geistig Hoch- und Tiefstehende« die gleichen Gedanken aus, höchst triviale Gcdankengängc, aber so tief erfasst und so intensiv durchlebt wie nie zuvor. .... .; ’ Fünfzehn Prozent! Die Arbeitsleistung, die kommende Generationen bei. der Emporheliung der jüdischen Massen auf das Niveau des körperlich, und geistig vollwertigen Menschen werden aufzubieten haben, wird eine heroische sein müssen; Aber wie das Herz nur dann zu arbeiten vermag, wenn ein Mindestmass von Widerstand im Adersystem herrscht, so wird auch das Bewusstsein der Schwierigkeiten der Regeneration unseres Volkes die Energie der Arbeitswilligen reizen. tiDdDdDdftd&dDdbdDdDdbdO AAAdD £ dCX&dB dB dßdOdbdDdDdD&dDdftdfrdDd&dD&fi&äDdfrdfr « nuo uci uc<vc6uu6. g Berlin. Die Vorbereitungen für unsere am Montag, dem 7. März in der Ressource zur Unterhaltung, Oranienburgerstrasse 13, stattfindende Purimfeier sind in vollem Gange. Die 1 heaterauiiiihrung des Abends wird uns ein Schlemieidrama aus der Feder Dr. Jungtnann's bringen. Eintrittskarten zum Preise von 1,50 Mfc. (für unsere Mitglieder 1 Mk.) sind von der Expeditio.1 der ״Rndschau“ zu beziehen. Es wird eine besonders grosse Beteiligung erwartet. B. Z. V. Berlin. Akademische Gruppe der Berliner Zion'stischei j Vereinigung. Ara Montag, d. 22. d. M., findet ln Richter’s Hotel ״König von Portugal“, Burgstrasse TT, die Fortsetzung der Diskussion über Dr. Franz Oppenhelmer’s Referat ״Grcss- und Kfeinkolodsation“ (besonders über die landwirtschaftlichen Pioduktivgcnossenschaften) statt. Der Referent sowie samtliehe Diskussionsredner haben Ihr Erscheinen zugesagt. Da nach den vorliegenden Meldungen zur Rednerliste alle Richtungen zu Worte kommen werden, verspricht die Sitzung einen höchst lehrreichen und interessanten Verlauf zu nehmen. Vor Beginn der Diskussion wird eine kurze Wiederholung des Oppcnheimerschcn Referats gegeben werden, vor allem für diejenigen bestimmt, die dem Vortrage selbst nicht beiwohnten. Distriktsbureau Berlin. Der von dem .Distriktsbureau Berlin nach Beendigung des fünften Zionisteiikongresses eingcfür das moralische Wesen in der kulturellen Assimilation einer Nation an eine andere. So ist es denn nicht verwunderlich, dass die Juden trotz der bedeutenden Zunähme extensiver Bildung bei ihnen, doch nicht denjenigen moralischen und intellektuellen Aufschwung genommen haben, den man von solcher Bildungsfähigkeit und Bildung hätte erwarten sollen. Im Gegenteil beweist allein schon der Umstand, dass sich dauernd eine grosse Zahl von reichen und ״studierten1‘ Juden nicht schämt, sich der gesellschaftlichen oder sozialen Stellung wegen taufen zu fassen, dass gewisse Kreise der jüdischen Gemeinschaft zugleich mit dem Schwinden nationalen Sinnes auch starke Einbtisse an ihrer Moral erlitten haben. , Es ist charakteristisch für die sittliche Gefahr, die in der Anpassung an die sie umgebenden Völker für die Juden liegt, dass die ungarischen Juden, die sich -־.ganz gleich mit welchem Erfolge — am meisten bestreben, jhr angestammtes Volkstum abzustreifen und •sich der herrschenden .Nation unbedingt anzuschliessen, auch bei weiteitv die niedrigste Stufe der Moral innerhalb der europäischen Judenheit einnehmen. Es ist nicht blosser Zufall, dass es ein Anhänger Abraham Geiger’s war, der seinen kulturellen Fortschritt in dem schönen Worte dokumentierte: ״Die orthodoxen Juden müssen alle-gehängt werden.“ Man glaubte eben der Moral und Bildung genug genossen zu haben, wenn man alles Jüdische von sich abzustreifen suchte, und sich mühte, es ini Aeussercn den Feinden seines Volkes nachzutun. Die Schuld an diesen Missständen trifft zum grossen Teile den Staat, welcher von den Juden als Entgelt für die Emanzipation die möglichste und schnellste Anpassung an die herrschende Nationalität verlangte, während er im Interesse der Kultur und zu seinem eigenen Besten sich hätte bemühen sollen, dass die jüdische Nationalität mögliclist gewahrt bliebe. Statt dessen ging er so weit in der Betätigung des Gegenteils, dass er sogar diejenigen Juden, die sich um der Karriere U. dgl. willen hatten taufen lassen, welche sich also einen zwar nicht juristischen, wohl aber moralischen Meineid hatten zu Schulden kommen lassen, im Staatsdienste nach Möglichkeit beförderte, während sich jene zurückgesetzt־ sahen, welche den sittlichen Mut hatten, Juden zu• bleiben. Mag aber die Schuld an diesen Missständen sein, wessen sie wolle, unsere Pflicht ist es. ihnen nach Möglichkeit zu steuern. Uns ziemt es, dort. aufzubauen, ־wo andere zerstört haben; Wehn wir aber neu aufbauen wollen, so müssen w ir uns klar werden, was uns mangelt, und was wir im Allgemeinen und im Einzeinen zu vertreten haben. . ’ - ־ :

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