Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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״>.** n,«»י־יץ־^״^ייי*,^׳ ׳ •£, M ♦ ן # 1 kl W 1 U rf I i Seite 70. ~־ ~ JÜDISCHE RUNDSCHAU.?•!־ ־ ■־־ " No. 8. i^tler ohne Voreingenommenheit in ehrlicher Wissenschaft- :./Hc&er• Arbeit nach Wahrheit ringt ׳ £ £. In diesem Sinne aber können wir nicht jenes Land 5: ,״ ־faßp ,Europa“ betrachten; in dem Jede ,.Wahrheit“ mit *>;; *"•־Knute und Zwangsarbeit, mit Polizeigewalt und Sibirien bestraft wird. Als auf dem russischen Aerztekongress der vor 10 Tagen in Petersburg abgehalten wurde, bei .י , •iner besonderen Beratung über Sozialhygiene und Be- .kämpfung der Tuberkulose die Forderung diskutiert wurdd, dass die Aerzte in Presse und Versammlungen belehrend wirken sollten, sah die Staatsgewalt hierin einen Angriff auf sich selbst. Als dann der Aerztekongress die Gefahren besprach, die sich in gesundheitspolizeilicher Beziehung in dem grossen Reichsiudenghetto entwickeln, und dabei die Forderung gestellt wurde, dass den kranken Juden die Erholung in der Landluft und die Gesundung in Bädern gestattet werden möge, da verfiel der Kongress der polizeilichen Auflösung. Es ist auch zu arg, die Forderung: Ungläubige Juden sollen orthodoxe Landluft einatmen. Kurz vorher hat in dem- . selben Petersburg ein Kongress von Technikern und Gewerbetreibenden getagt. Als nun einer der Hauptschuldigen von Kischinew — also einer von denen, die gerichtlich nicht belangt werden — das Wort ergriff, erhob sich bei einem Teile, der mit den Mördern von Kischinew und ihren Anstiftern nicht identifiziert sein wollte, Widerspruch, und es erfolgte ein Antrag, den Mann vom Kongresse auszuschliessen. Das genügte, um den Kongress polizeilicherseits ״wegen politischer Kundgebungen“ zu schiiessen. Denn es zeugte dieser Antrag von revolutionärer Gesinnung, wider den durch zwei Jahrtausende geheiligten Brauch des Judenschlagens . Ein wesentliches Moment aber, das die russische Presse gegen Japan als Asiatentum und für die Europa- Würdigkeit Russlands anführt, ist die B e k e n n t n i s - trage. Die japanischen Religionen, die Budzo- Philosophie und die Fo-Konfession gehören dem Buddhismus an, der dem indogermanischen Indien entstammt, während sich Russland zu dem aus dem Semitismus hervorgegangenen Christentum bekennt Aber die Zugehörigkeit zur Kirche bedeutet noch lange nicht das Europäertum einer Nation. ״Gott folgt nicht immer dem Urteil der Kirche“, sagt Petrus Lombardus*), ״denn die Kirche urteilt zuweilen aus Unwissenheit, Gott aber immer nach der Wahrheit." Der Buddhismus, dem das Judentum im übrigen ja eigentlieh konträr entgegengesetzt ist, aber ist insofern asiatisch und nicht europäisch, als er in der Tat sich von religiösen Verfolgungen fast immer rein gehalten hat. Wir Juden haben, wie in diesem Blatte bereits ausgeführt wurde, bei dem Kampfe zwischen Japan und' Russland kein anderes Interesse als unsere nichtjüdischen Mitbürger, das Interesse der Humanität und der Wahrheit. Aber wir wenigstens sollten uns davon fern halten, von der Gefahr zu faseln, die der weissen Rasse durch die gelbe drohe. Denn wir sollten uns erinnern, dass man uns gerade von diesem gleichen falschen und gefälschten Rassestandpunkte aus das schwerste Unrecht, zufügt. Und wenn wir vielleicht gegenüber einer grossen und volkreichen Nation, die unsere Brüder niederknutet, den duldsamen Standpunkt einnehmen möchten,, dass ״die ärgsten Studenten die frömmsten Prediger“ werden, so dürfen wir darüber nicht vergessen, dass sie uns zwar Moral predigen wollen, aber darum doch für lauge Zeit noch die ״ärgsten Studenten“ sind. Eljaqtm. Eine kurze Bemerkung zu einem Krankenhausbericht. Von Dr. Sandler- Breslau. Die Krankenhäuser pflegen alljährlich eine statistische Übersicht über das in dem abgelaufcncn Jahre zur Behandlung gelangte Krankenmaterial zu veröffentlichen. Ich habe die Jahresübersicht der medizinischen Abteilung eines Krankenhauses abgeschlossen, dessen Hauptmaterial sich aus Juden Russisch-Polens zusammensetzt. In diesem Bericht kommt auch diesmal — wie alljährlich — eine Erscheinung zum Ausdruck, die den zionistisch denkenden und hoffenden Juden, so oft er an sie erinnert wird, immer *wieder mit schweren Sorgen erfüllen muss. Es wäre gewiss verkehrt, aus der Schwere der Krankheitsbildcr einen Schluss auf die Gesundhcitsverhäitnisse unter •) sent 1. IV. dist. 18. Kanaan und Hellas. ■> .' ' Von Heinrich Löwe. Je mehr man beflissen ist, in unserem nationalen Kampfe nach Art gewisser chauvinistischer Richtungen europäisch-nationaler Parteien eine politische Ueberreiztheit erblicken zu wollen, von der glücklicherweise gerade im naüortaljüdischen Lager nichts zu merken ist, um so nachdrücklicher und entschiedener muss es unsererseits betont werden, dass wir in allererster Linie einen Kulturkämpf führen. Denn wenn wir überhaupt in der ״Nation" ' nicht eine farblose Gemeinschaft zufällig vereinigter Menschen, etwa eine auf gewissen geographischen Punkten gemeinsam wohnende Gruppe erblicken, sondem in ihr. die historisch gewordene Kulturgemeinschaft sehen, so ist es nur natürlich, dass wir in strenger Denkfolge das Wesen nationaler" Arbeit im Kampfe für die . volkstümliche Kultur .erblicken.' Denn das ist eben der Unterschied zwischen Volk und* Nation auf der einen Seite, zwischen blosser Bevölkerung und Rasse andererseits, dass die beiden letztgenannten Begriffe auf rein ' äusserllch.en Unterscheidungsmerkmalen beruhen, währead das Volkstum geistige Faktoren zu seiner Voraus- Setzung hat. Der physische Typus des Deutschen unterscheidet sich im allgemeinen .recht v/enig von dem des Nordfranzosen, und doch ist der Unterschied im Denken und Fühlen beider Volksstämme unverkennbar. Die Arbeiten Taine’s sind auch in deutscher Uebersetzung durchaus von französischem Geiste durchweht, während Ranke’s Geistesprodukte selbst in der besten französisehen Uebertragung den deutschen Ursprung weder in der Denkweise noch in der Darstellung irgend verleugnen. Was wir hier von den Historikern ausfiihren, das hat nicht minder Geltung bei den Philosophen, Dichtern, bei allen geistigen Arbeitern, ja sogar in der exakten Naturforschung und Mathematik. Darum aber muss eben der wahre Nationalismus nicht darauf bedacht sein, die räumlichen Grenzen des Volkstums mit überlegener physischer Gewalt auszudehnen, sondern mit intensiver psychischer .Schaffensfreudigkeit die Kultur zu heben sich bemühen, und sie in ihrer nationalen Eigenart immer mehr und mehr zum Eigentume des Gesamtvolkes zu machen. Zugleich aber ergibt sich hieraus, dass eine allgemeine Geisteskultur ohne nationale Grundzüge undenkbar, und dass es dem Einzelnen wie der Gesamtheit unmöglich ist, ohne Schädigung des sittlichen Selbst die nationale Eigenart aufzugeben. Ist dies doch der letzte Grund für die verhältnismässig niedrige Stufe der Moral bei so vielen, die ihr Vaterland oder ihr Volk auf- ן geben, liegt doch gerade darum eine so grosse Gefahr * 1 i!! * 4 fA \