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Jüdische Rundschau · 1904-02-19 · Heft 8 (19.2.1904) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Bei dem Kampfe, der im fernen Osten ausgebrochen ist, haben sich die Sympathien des deutschen Bürger- Standes sehr entschieden jenem kleinen Inselvolke zugewandt, das in ähnlicher Weise gezwungen ist, für seihe Existenz zu kämpfen, wie es die Burenrepubliken waren, die fa auch erst dann die Kriegserklärung folgen Hessen, als sie die Grenzen bereits überschritten hatten. Und doch wusste alle Welt, dass sie die Angegriffenen waren. Der Unterschied liegt freilich darin, dass ihre Gegner ein Kulturvolk waren, während die ״Preussen des Ostens“ bei einer Niederlage jene Truppen in ihr gesegnetes Land hereinbrechen sehen würden, von denen in der Zeit der deutschen Befreiungskriege das Wort ging: ״Lieber noch die Franzosen als Feinde, denn die Russen als Freunde!“ Man hat nicht ohne Geschick versucht, aus dem Streite der beiden Nationen einen Rassekrieg zu konstruieren. Indem man von der au! sprachlicher Basis ruhenden Zugehörigkeit der Slawen zum indogermanischen Völkerkreise ausging, und das russisch-turanisch-mongolische Völkqrgemiseh der Grossrussen als den Vertreter der weissen Rasse gegenüber einer gelben Gefahr hinstellte, hat man das in Rasse- und Nationalfragen sehr leicht zu betörende ״Berliner Tageblatt“ verführt, an leitender Stelle mit dem bevorstehenden grossen Ringen der weissen und der gelben Rasse dem spiessbürgerliehen Verstände zu drohen, und in dem jüdischen Leser — das Tageblatt h a t jüdische Leser — das falsche Bild hervorzurufen, als sei das kulturelle Europa durch die Kosakenheere vor dem Ansturm der Mongolen zu schützen. Ja! Das kulturelle Europa! Damit hat es so seine eigene Bewandtnis. Das kulturelle Europa hat nämlich nicht nur einen Shakespeare und Goethe, nicht bloss einen Kant und Robert Mayer, nicht allein einen Miräbeau und eine Bertha von Suttner hervorgebracht. Das kulturelle Europa hat auch die Pilckler und Bruhn, die Ahlwardt und Liebermann von Sonnenberg, die Stöcker und Mucker erzeugt. Das kulturelle Europa hat auch neben den eigenen Kindern Stiefkinder; und wenn es schon die eigenen im Hause geborenen Kinder nicht liebt und mütterlich behandelt, wenn sie am! und schwach sind, so hat sie noch bei , weitem weniger mütterliche Gefühle für ihre Stiefkinder. Und das verlassenste lind verfolgteste Stiefkind der Mutter Europa sind jene Juden, die das ״Berliner Tageblatt“ eben noch als Angehörige der weissen Rasse in Anspruch nahm gegenüber dem gelben Osten, und die unter dem gleichen Zeichen desselben Rasse- und Religionshasses, den man russischerseits gegen Ostasien erregen möchte, verfolgt und rücksichtslos unterdrückt werden. Nur zwei Völker Europas freilieh mongolischer Rasse, die Magyaren und besonders die Türken haben ihren Rassehass nicht an dem unglücklichen Judenvolke ausgelassen, während segar die Polen, die von allen Völkern indogermanischer Zunge noch am menschlichsten mit den Juden umgingen, nicht rein von grossen und unmenschlichen Judenvertolgungen geblieben sind. So ist es denn nicht einmal eine Abweichung von ihrer ganzen Richtung, wenn dieselbe ״Nowoje Wremja“, die die Mordtaten und Gewaltakte von Kischinew und Hornel verherrlicht und in allen Tonarten gepriesen hat, in einem Extrablatt erklärte: ״Die Asiaten zeigten sich als Asiaten, sie vermochten nicht einmal den äusseren Anstand zu bewahren usw.“ Denn, dieses selbe Blatt hat niemals Anstand genommen, auch die Juden als ״Asiaten“ anzugreifen, und keine Lüge ist so grob und handgreiflich, dass nicht ״Nowojc Wremja“ sie über die Juden schriebe. Während in Deutschland die ״Staatsbürger-Zeitung" und die ״Deutsche Hochwacht“ immerhin die Ausnahmen in der Presse bilden, darf man getrost sagen, dass nur einige wenige russische Blätter sich — soweit es die Zensur gestattet — bemüht haben, über die Juden Wahres zu schreiben. Die russische Presse steht im allgemeinen auf der Höhe jener deutschnationalen Blätter, die mit ebenso grossem Mute wie kühner Phantasie aus den ermordeten Juden von Kischinew* ebensovlele erschlagene Christen machten, wobei ihnen freilich der Umstand entgangen ist, dass Bessarabica eine wallachische und keine nennenswerte russische Bevölkerung hat. Wenn freilich ״Bessarabets“ und seine deutschen Gesinnungsgenossen der Massstab europäischer Gesittung wäreiv so hätten die ״Asiaten" alle Veranlassung, dem Geschick zu danken, dass sie nicht zu Europäern werden liess. Wenn es aber ein Vorzug Europas ist, dass es die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung — bisher freilieh mehr noch den Worten nach — als das uriantastbare Gut der Menschheit hingestellt hat, so w׳ird auch Jener ״Asiat“ ein Mitglied dieser europäischen Kulturfamilie,

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