Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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fra3f*»L«rCTWMI « Ol. «fci I Na 7. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 61. reizenden Hokersces gelegenen Dorfe Jelenowka leben zahlreiche Vertreter der grossrussischen Dissidentensekten ..Molokancn“ und ״Sabbatharier“ (״Subotniki“). Diese letzteren feiern nach jüdischem Brauch statt des Sonntags den Sonnabend. Den ״Sabbathariern“ ist «5 in den letzten Jahren gelungen, eine grosse Anzahl der MMokanen zu ihrem Glaubensbekenntnis zu bekehren. Es sind lauter echt russische Bauern, die aus den zentralen kernrussischen Gou\ernemcnts Wcmmesch und Tarnbow nach dem Kaukasus übersiedclten. Den Gottesdienst verrichten sie in Bethäusern, die nach dem Muster jiidrsener Synagogen errichtet sind. Der Verfasser wohnte mehrmals dem Gottesdienst der Judensekten bei, der nach dem kirchliehen Gebrauche der russischen Juden verrichtet wird und , voll Andacht verläuft. Unter den Sabbathariern gibt cs auch solche, die sich nach, den südwestlich :•n Gouvernements begaben, um sich dort 1r.it jüdischen Mädchen zu verheiraten. — Auf die an eine Frau gerichtete [־rage: ״Warum haben heute früh beim Gottesdienst eure Männer gesungen: ,Sei gesegnet. Allmächtiger, dass du uns nicht zu Frauen machtest!־?‘■ mitwortete dem Verfasser!ächeind die Frau: ״Das verletzt uns Frauen nicht. Fs sind doch Männer, die solche Gebyte verfassen.״ Als er die Bauern fragte, seit wann sie Jesum Christum leugnen, antworteten diese ihm: ..Dies naben bcreits unsere Vater, vielleicht auch Grossväter getan.“ Da viele Sabbatharier, mit denen der Verfasser sprach. zuerst .Molokanen waren, so warf er vor ihnen folgende Frage auf: ״Wenn auch eure Grossvater zu der Judensekte gehörte:!, so waren doch eure L'rgrcssväter als Mciokancn Christen. Ihr wisst sicherlich, was im Gesetz Moses’ über die fren.den Molker setht. Dort heisst es doch, dass die Ammoniter und Moabiter nie, die Idumäer und Ägypter dagegen im dritten Ge* schlecht in das Volk Gottes aufgeu.ommen werden können. Also selbst wenn man ctu mit den Aegypten» vergliche, so könntet ihr erst im dritten Geschlecht in die jüdische Volksgemetnschaft aufgenommen werden.*• Darauf erbie't der Verfasser zur Antwort von den Bauern: ״Al! dies ist uns bekannt. Erlaube aber, an dich folgende Frage zu richten: Wohin sind die zehn israelitischen Stämme gekommen, die in die assyrisehe Knechtschaft geführt wurden?" — ״Sie haben sich wahrscheinlich über die ganze Erde verstreut, Einige Bücher gelehrte haben die Vermutung aufgcstclit, dass gegenwärtig diese zehn israelitischen Stämme in irgend einem europäischen Volksstamm stecken. Es gibt auch solche Gelehrte, die glauben, dass es die Russen sind.“״Auch wir glauben," versetzte mit Genugtuung ein alter Bauer, ״dass der Allmächtige diese zehn israelitischen Stämme weise in Russland bewahrt. Lies nur das dritte Buch Esras. Dort wird berichtet, wie Sich diese zehn Stämme in einem weitcntlcgcucn Lande verborgen haben. Wir glauben, dass dieses Land Russland sei. In demselben Buch heisst es auch, dass eine Braut erscheinen werde, die in der Erde verborgen Hegt. - Wer ist nun diese Braut ,־ ׳״— Das sind wir, die zehn Judenstämme." Der Alte lud dann den Verfasser ein, ihm ins Gebethaus zu folgen und der Gemeinde- Versammlung beizuwohnen. . . . Die Bauern wiesen Juwatschcw üe:1 Ehrenplatz hinter einem grossen Tische an, der in der Mitte des Bethauses Staad, und baten ihn, ihnen einige Stellen in drai dritte:: Buche Esras zu erklären. Auch wollten sie serr.c Ansicht über die Braut, die die Juden Gemeinschaft versinnbildlicht und noch unter der Erde schlummert, hören. Diese Vorliebe für Auslegungen und Deutungen der Bibel und besonders so apokrypher Bibel- Abschnitte, wie dieses Buches Esra, war für den Gelehrten dar bc«te Beweis, dass die Bauern von Mclokanen ab>;:minien. Er lenkte daher das Gespräch auf das frühere Thema zurück: ״Wie habt ihr cs vermocht, ihr echte Russe::, euch so leicht*׳ ücr/cns und Kv.püifccv vom Hcihr.d ab.mwe; der.?*״ - ־ ־Auf Erden ist es doch ganz unmöglich, den Lebenswandel zu ichreu. der. Jesus lehrt. Was gab er dem: neues für das Erdenleben?" versetzte einer der Anwesenden. Diesem fiel ein alter Bauer ins Wort: ..Hat de:•:•, Christus nichts neues verkündet? Nicht für u:;s zu lebe;:, sonder:: a׳.!ssc!:liessi:ch für unsere .Mitmenschen? Al’e Menschen zu lieben, sogar die Feinde, zur selben Zeit sich zu verleugnen — dies ist die neue Lehre, die Israel!ücht kannte. Aus dem Alten Testament kannten die Juden das Gebot. Gott zu lieben, durch das Neue Testament hat aber Christus die Liebe zum Nächste.! verktu:d;r.. Eben deshalb ist es den Juden so schwer, unter den anderen Völkern, besonders unter den Christen, zu leben. Die Jude:: halten nur sich für das auserwählte Volk, sie leben nur für sich selbst; die Christen müssen dagegen iedenr.au: ahne Unterschied ais ihren Nächsten, als einen jüngeren Bruder Christi betrachten." Auch diese Replik des alte:: Sabbuthariers hat den Verfasser in der Ansicht bekräftigt, dass zwisehen dieser Judensekte und den Molakar.en eine enge Verbindüng bestehe. Er erklärt: ״Die Sabbatharier verhalten sich im Unterschied zu den Juden zum Heiland und zum Neuen das ist unser Volk, das vielgeschinähte, grausam nieder-! getretene, aber immer wieder sich emporraffenda Volk, das sich gerade eben auf seine■ Zusammengehörigkeit besinnt, und auch ich gehöre dazu. Seht Ihr mir etwa das Gedemütigtsein der Jüdin als solcher an? Trage ich nicht stolz und kühn (allerdings vielleicht zum erstenmale im Leben) mein Haupt? Sehe ich nicht mit freiem, ' zukunftsfrohem Blick um mich? Ich würde mit keinem von Euch, wer er auch sei, tauschen! Seht Ihr mir dies nicht an, mir, der Jüdin?“ —; Gleich während der ersten Stunden meines dortigen 1 Aufenthalts stürmten diese und ähnliche Gedanken am mich ein, auch von vielen Gesinnungsgenossen wurde mir ein gleiches bekundet. Ueberhaupt waren wir Be- ־ kannten ans alle darin einig, dass man die Vorgänge, die j Stimmungsbilder, besonders aber natürlich die Kongress-; Verhandlungen selbst miterlebt haben muss — schildern i lässt sich alles dies nur schwer. . Was mich betrifft, hatte ich für das, was sich an den I folgenden Tagen ausserhalb des Stadtkasinos begeben, j für Zeit und Ort nur ganz schwankende Begriffe. Basel | selbst sah ich nur unter dem Zeichen des Kongresses, i in dem die Stadt auch tatsächlich stand — auf Weg und ן Steg tauchte die blauweisse Kokarde auf, in den Schaufenstern waren Herz!-und Nordau-Bilder ausgestellt und I in einer Musikalieniiandiung sah ich sogar einen Herzl-! walzer prangen. Den Einwohnern selbst schienen diese Erscheinungen nicht gerade aufznfallen. Allerdings schien man auch spöttisch neugierigen, aber weit mehr doch interessierten Bücken zu begegnen. Jedenfalls stand soviel fest, dass in Basel jedes halbwüchsige Kind mehr vom Zionismus wusste, als mancher junge Jude oder jüdische Junge und Alte itn weiten Deutschen Reiche. Das sind Zionisten ־— hörte man oft im Vorübergehen die Kit1 inen sich gegenseitig aufmerksam machend, halblaut sagen. Dabei ist zu bemerken, dass, wie ich aus sicherer Quelle erfahren, in allen dortigen Schulen die Bewegung ׳und deren Zweck erklärt wurde. Es traf sich nun. dass meine Wohnung jenseits des Rheines, d. h. vom Kongresshause aus am anderen Uier des Flusses gelegen war und ich musste mehrere Male des •Tages die Brücke passieren. Sonderbar, so oft dies geschehen musste und so wenig fremd mir gerade der Anblick dieses Flusses ist, ich musste jedesmal unwillkürlich an das Geländer treten und meine Blicke und Gedanken in die leise rauschenden Wogen des Stromes versenken, und so wenig es hier eine Parallele geben kann — immer wieder musste ich an die Wasser Babylons denken, an denen unser Volk einst unter heissen Tritnen die verlorene Heimat beweinte, an denen es die ewig unvergänglichen Worte sprach: ״Verdorren möge meine Rechte, könnte ich ie dein vergessen, Jerusalem!“ Und da ich über diese t