Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651341-2651349--01048-2657879- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No, 7, Sette 00. JÜDISCHE RUNDSCHAU. .Verhältnis der jüdischen zur nichtjüdischen Bevölkerungs- Ziffer Russlands zu erwarten wäre. Und dann ist der Krieg; für die russischen Juden von schwerem Nachteil, weil kein :,Krieg vorübergeht, ohne Chauvinismus als seine nächste Folge- und Begleiterscheinung hervorzurufen, dessen Aeusserungen sich natürlich gegen die ja am wenigsten geschützten Juden kehren werden, als Wut oder als Uebermut, je nachdem Niederlagen oder Siege seine unmittelbaren Ursachen sind. * In einem einzigen Falle — und das ist wahrhaftig bezeichnend — könnte der Krieg auch eine gute, für die ‘^russischen Juden segensreiche Folge haben. Wenn nämlich Japan* die Mandschurei behaupten oder als Sieger an China übergeben sollte, so wäre den Juden damit die Möglichkeit . gegeben, dort zu wohnen, während sie Russland von dort erbarmungslos vertreibt. Das wäre aber auch die einzige wirtschaftlich-günstige Folge, die der Krieg für die russisehen Juden vielleicht bewirken könnte. Unter den durch den Ausbruch der Feindseligkeiten wirtschaftlich Geschädigten befinden sich auch die Besitzer "russischer Staaispapiere. Soweit es sielt dabei um Christen handelt, haben wir für sie nur ein aufrichtiges Bedauern. Soweit es aber sehr zahlreiche Juden angeht, und das ist leider vielfach in grösserem Masse der Fall, so haben sie es wahrlich nicht besser verdient. Nur die Juden, denen leider trotz allem, was die Gegner von der jüdischen Solidarität sagen, das Gefühl der Zusammengehörigkeit noch in hohem Masse mangelt, bringen es fertig, durch den Kau: seiner Papiere einen Staat zu unterstützen, der sie unterdrückt. Bei allen Sympathien für das Volk der aufgehenden Sonne wünschen wir dem Kriege einekurze Dauer, wünsehen wir, dass möglichst wenige Opfer fallen mögen. Möge das Sinnbild der japanischen Nation, die aufgehende Sonne, das Symbol des hoffentlich bald kommenden Friedens sein. Und auch für unser Volk, das es so sehr nötig hat, wünschen wir ja ein Plätzchen an der Sonne. Nachträgliohs Kleinigkeiten vom sechsten Zionistenkongress. Vor. E. G u t m a n n. ״Basel!“ rief man in das Abteil unseres Wagens hinein und gleichzeitig bemerkte man in den schmalen Gängen draussen uniformierte Männer, die lebhaft mit den Reisenden verhandelten. Es war die Zollkontrolle und wir fuhren eben in den badischen Bahnhof ein. — Ängstlich bückte ich auf mein ״bescheidenes“ Handkörferchen und der ״Uniformierte“, der diesen Blick aufgefangen und von der wenig prunkvollen Aussenseite des Gepäckstückes auf sein Inneres schlossen mochte, ging still lächelnd an mir und meinem Körte rchen vorüber. — Es war also in der letzten Augustwoche vergangenen Jahres. Reise, Hitze, Interesse und Erwartung —־ denn es war der erste Kongress, den zu besuchen ich im Begriff stand, hatten mich doch ziemlich mitgenommen und müde und abgespannt lehnte ich in einer Wagenecke. — Bel dem Rufe Basel aber war ich wie elektrisiert emporgeschnellt; abgeschüttelt war alle Müdigkeit, weggefegt die leise an mich herangekrochene pessimistische An- Wandlung, und frisch und fröhlich wie ein junges Mädchen sprang ich ״alte Frau“ aus dem Zuge und liess mich ו Christliche Judensekten in Dem Kernru ssen auf dem flachen Lande;st seit Jahr* hunderten der eigenartige Drang nach religiöser Erkentnis und Glaubenswahrheit eigen. Was in Westeuropa besonders nach den Wütigen Zeiten der gewaltigen Religionskriege allmähkct! in streng umgrenzte Rahmen gesetzt worden ist und imvauddbare Grundlagen erhalten hat — die Einteilung der Staaten. Völker und Völkerteile in streng dogmatische Glaubensbekeximnissc —, das befindet sich noch jetzt in Russland im Zustande des Werdens sowie des Kampfes um die Existenz und Ausbreitung. Trotz der schrecklichsten, blutigsten Verfolgungen seitens der offiziellen Kirche und der Regierung, die Tausende von ״Abtrünnigen“ in düstern Kerkern schmachten liess, nach den öden, eisigen Gefilden Sibiriens verbannte, Hunderte und Aberhunderte bald auf den Scheiterhaufenwarf, bald zur Selbstverbrennung veranlasstt־, gibt es jetzt in Russ-!and mehr als zehn Millionen Bauern, die mit der zarischen ft! יי" י׳ Kirche auf dem Kriegsfur-s stellen und ihren eigenen Glaubensfcekcr.ntnissen kauen wie sie 5 Mildigen. Die Gr iichtririker), der Stundisi icissen, weitve t,e oung cer der ter, MTiicm der S nl Ai :gläubigen und n von Adepten — ist teils in j der grauen geschichtlichen Vergangenheit, tci's in der aller* 1 zählender Sekten und R- :ns; ute: neuesten Zeit zu suc hen. Stand Sehr interessant ist ehe Geschieh.te und der gegenwärtige der sogenannten ״J u d e n - S c k t e n" (Jidowskaja leresji; die E xisteaz und die Er:׳־!ge d-'eser Judnsekten ־.d um so bezeichnender für die russischen Verhältnisse und das geisfg-kirch’icne Lebet! auf dem flachen Lande, als man in den russischen Regierungskreisen seit Jahrhunderten systeniatisch bemüht ist, den Anschein zu erwecken, als ob den! russischen Volke gleichsam angeborener Hass und nationalinstinktive Abneigung gegen die Juden!nr.ewohr.tef!, wo es sich doch in allererster Linie um eine von der Staatsgewalt und der kirchliche;! Hierarchie grosgezogene und mit allen Mitteln der ״Staatskunst“ geförderte ״staatsretter.de Kampfniethode" handelt. In dem jüngst erschienenen Januarheft der gediegenen russischer! Zeitschrift ״Istoritscheski Wjestnik“ ist eine höchst bemerkenswerte Studie des Forschers Juwatschew über die Kaukasischen Sektierer jüdischen Bekenntnisses veröffentücl'.t. Der Verfasser besuchte im vorigen Jahre das Eriwar.er Gouvernement im Kaukasus. In dem in der Nähe des, von der Elektrischen ins Innere der alten Bundesstadt tragen. Do!t angelangt und schon auf dem Wege dahin, bot sich meinen erstaunten Blicken ein seltsames, eigenartiges Leben und Treiben dar. Momentan musste sich der Eindruck aufdrängen, als ob Basel gar keine eigentlichen Bewohner hätte, als ob es nur von diesen auf- und abwogenden fremden Gestalten bevölkert wäre. Und in der Tat, fremd und fremdartig waren viele Erscheinun - gen, von denen hier Strassen und Plätze wimmelten. Was mir am meisten auffiel war. dass viele davon nicht einmal jüdischen Typus hatten, und gerade die am meisten ins Auge fallender! hatten ihn nicht — kurz, das Strassenbild Basels trug in jenen Tagen ein ganz internationales Gepräge. Und doch waren die Menschentnassen, die dieses Bild darstellten, von einem' ״einheitlieh“ grossen und ungeteilten ״Nationalgefiihl“ durchdrungen, einem Nationalgetühi von so augenscheinlich starkem Einfluss, ein ״Solidaritätsbewusstscin“ von soleher Macht und Kraft, dass sich jeder Jude, selbst wenn er Antizionist war, was ich aus dem Munde eingesessener Baseler hörte, unwillkürlich davon forigerissen fühlte, und mancher ״Skeptiker“ ist in jenen Tagen ״Nationaljude“ geworden. Ich selbst hätte es am liebsten jedem mir Begegnenden zu gerufen: ״Seht, das sind wir.