Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1904-01-29 · Heft 5 (29.1.1904) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 5 (29.1.1904)
Date
1904-01-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651341-2651347--01014-2657843
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 5. Seite 40. meinem Bruder nach Baidenburg gehen. Als ich durch einen finsteren Waid kam, war es mir, als ob mir allerhand Stimmen etwas zu riefen. Ich bekam Angst, und es war mir, als wenn ich gewarnt wurde, umzukehren. Ich tat es. Am Abend sah ich von meiner Stube aus dicke Gestalten mit schwarzen Gesichtern und schwarzen Händen auf dem Zaim sitzen. In der Haft habe er am Tage nach der Einlieferung auch Erscheinungen gehabt, -r- Präs.: Wir wollen zunächst über diesen Punkt in die Beweisaufnahme cintreten, denn es handelt sich darum, festzustellen, ob dieser Angeklagte heute verhandlungsfähig ist, und ob er bei Begehung der Tat zurechnungsfähig und für die Tat verantwortlich zu machen ist. Zeuge Schneidermeister Freidank erinnert sich nicht, dass der Angeklagte Unsinn geredet oder von Gespenstern gesprochen habe. — Präs.: Waren Sie an dem Abend, an dem Levy totgeschlagen sein soll, mit dem Angeklagten in dem Gasthaus zusammen? — Zeuge: Mein, nur vorher in der Schmiede 0y rf I O 11 ג c c der Geselle auch mitgetrunken habe und dass es nur ein Liter Schnaps im ganzen gewesen sei. — Gastwirt Schtilke erinnert sich nicht, dass Mahn von •Gespenstern gesprochen habe, woiii aber habe er manchmal gesagt, dass er keine Ruhe habe. — Pfarrer Jaimke bestätigt, dass der Angeklagte im Frühjahr 1903 bei ihm gewesen sei und ihm geklagt habe, dass Teufe! hinter ihm her seien — Kreisarzt Dr. König hält den Angeklagten Hahn für verhandlunsfuhig und hat aus dem bisherigen Vorlauf der Verhandlungen den Eindruck gewonnen, dass der Angeklagte bei Begehung der Tat im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war. Wie glücklich darf sich der Angeklagte Hahn schätzen, dass er im 20. und nicht im 16., 17. oder IS. Jahrhundert in Preussen vor den Richtern stand. Man hätte ihm zwar nicht für den ״gestorbenen“ Juden ein Jahr Gefängnis aulgebrummt. — um die Lappalie hätte man sich gar nicht gekümmert —, aber man hatte ihm vorher an seinem Leibe das Stigma nachgewiesen, mit dem ihn der Teufel gezeichnet, als er sich־ ihm verkauft. Dann hätte nicht einmal die ״Staatsbürger-Ztg.“ in ihrer charakteristischen Liebe und Barmherzigkeit den "*?•חי bedauert und bemitleidet, wie sic das in ihrem Schlussartikel tat, der so unendlich bezeichnend ist für die Denkweise, die dem ״gestört enen“ Lewy das Leben gekostet hat, dass er hier unverkürzt seinen Abdruck finden soll: H Der Tod des Juden Levy tu Stegers. Wir brachten in den letzten Nummern den Bericht Über «ine Gerichtsverhandlung m!m׳K ... z, der ein Vorfall 7uc׳n!ndc lag. der seinerzeit viel Aufsehen erregte. Am 29. September vor. Js. starb in einem Gasthause zu Stegers im Kreise Schlochau ein aus Warschau zugewanderter angeblicher Schriitsstzer Berthold Levy, der am Abend zuvor in eine Schlägerei verwickelt gewesen war. In den jüdischen Zeitungen erschienen sofort Artikel, in denen behauptet wurde, der Tod Levy’s sei durch die unglaubliche Roheit einer Schar von Antisemiten herbeigeführt worden. Diese hätten den armen Levy unter Anwendung von Gewalt veranlassen wollen, niederzuknieen und das Vaterunser berzusagen, und da er dies nicht gekonnt habe, so auf ihn' eingeschlagen, dass er sich nur noch mühsam in einen Schuppen habe schleppen können, wo er dann verschieden sei. Das Urteil, welches einen der beiden angeklagten Christen mit einem Jahr. Gefängnis belegt, den andern völlig ireispricht, musste demjenigen, der nur aus der Judenpresse unterrichtet war, unverständlich erscheinen. Wir hatten jedoch schon damals darauf hin gewiesen, dass sich der Vorgang na ch dem Cham!- her der 1 u artig en nt eist stre nggläubiz kathol! sch en Be Völker ung garn 1 <2 4 , . 1 dieser־.! Weise abgespielt hab er. könnt e. und die Ger! י:נ tsve rhandl ung nat,!- י V\«c UCl UV! A f •זי" :;•re *:* /rhe m da (TI 2׳ von ae.u jüdi sehen Blättern g T »*>-׳ v. - Sw bene Rarste Ilune: ein \'t j [ .;ge \ 'erdrei n:!1g der Tatsac! c;l war. Der fl ף rr **•1H •.blic! c Sei setzer;:!׳. Lev y hat durch seht du ־ckaus ungel; orig־. s um 1 roh.*: er\ י־ tu!- ten die Gewnlttatigke iter erst provo; ־.hrt. Zur. i! ms:!'Cias t ..:te er Jen Briefträger, i . 11C m er sich 1: n:er , ״ 1 n . ־o #ן)‘ .'Cil, e:n höh erer Postbeamter zu sein. , , . 1 . » .1 tuC>S cp. :•1 2' '} 4t I; gkeit e:nmis ritte. Dann crlat: ne er sich ge.־ .:n d c :::: (11$ t: m:se An- WCS enden Bemerkung en. die di vSC 211 h!10 chste V * * i J 4 . j׳n nt י 15Sten. So äusserte er. we Ctv \S!US ' c:edc r auf * ie f: ■Je kä MIC» wii r de man ihn stein: een . und sehlies slich ver!: **. J ״.r. i:u ן ״ ״־« J er s einerseits freiwillig (?!) ntederknie te tut 1 ״V c w GaS P ater ־׳oste: abplärrte, in dreister Weise die Religion der katholischen Wirtshausgäste. Die körperliche Züchtigung, die er dafür erhielt, war "somit garnicht so unverdient, und er scheint sich auch selbst nicht sehr durch sic beschwert cefükit zu heben. Wenigstens Hess er sich’s nach der Art seiner zeihen Snmniesgenossen auch nach der fiir ihn passiv verhuRncn Schlägerei noch im Kreise seiner angeblichen Mörder geraden, vermutlieh weil es Freischnaps gab. Er ist auch, am andern Morgen noch ganz frisch umhergegangen. Der am 29. September erfolgte Tod des fast 60jährigen Mannes kann sonach auch auf ein Leiden, das er in sich trug, ohne direkter. Zusammenhang mit der Schlägerei erfolgt sein. Die Darstellung der jüdischen Blätter von dem mit satanischem Holm zu Tode gemarterten armen jüdischen Wanderer stellte also die Tatsachen geradezu auf den Kopf. Der Zweck aber war. der. Armsemken etwas anzuhängen indem man darauf hinwies, dass Stegers in dem bei den Reichstagswahlen von den Antisemiten eroberten Kreise Schlochou-Flatow liegt. Intern jüd sehe Blätter gingen soweit den antisemitischen Abgeordneten des Kreises, Bocklcr, direkt in die Sache hineinzuziehen, er habe auch in Stegers die Bevölkerung ״verhetzt“, er sei der intellektuelle Mörder des Berthold Levy. Genau wie schon so oft. vor An der Haitestelle. Skizze von B. Leiser. Der alte Postwagen schaukelte die schmale Dorf- Strasse entlang. Die Pferde liefen im Trab, aber am Kreuzweg an der Promenade zog der behäbige Kutscher die Leine an und fügsam hielten die alten Gäule. Hier stand eine Dame mit einem kleinen Jungen an der Hand, beide städtisch und gut gekleidet. Die Dame blickte Sich, als der alte Postwagen heranwackelte, und küsste -den Kleinen wiederholt und zärtlich auf die blühenden Wangen. Dann nahm sie dem jungen Dienstmädchen die kleine Juchtentasche ab und stieg ein. Der Kleine stand noch eine ganze Weile geduldig auf demselben Fleck und sah der schönen Tante nach, die nun wieder in die weite Welt hinausrollte. ״Adieu, liebe Tante,“ rief er laut dem davoneilenden Gefährt nach und winkte lebhaft mit seinen beiden.drallen Händchen. ״Adieu, mein lieber, *kleiner Rudolf,“ scholl es zurück, ״grtisse mir Papa und Mama noch vielmals!“ ... Bei einer Biegung der Landstrase entschwand das anmutige Bild ihren Augen.־. Sie seufzte leise, setzte das Täschchen neben sich und blickte in Gedanken verloren hinaus. Im Wagen sass nur noch ein Passagier, ein Mann in mittleren Jahren. Er war weder schön noch stattlich, aber seine Züge trugen den Stempel.der Intelligenz. Er hatte gelesen, als die Dame einstieg. aber mm betrachtete er sie verstohlen, ganz frappiert von ihrem Aussehen. Eine grosse, schlanke Erscheinung, vornehm in Haltung und Bewegung. Ueber das Gesicht trug sie einen feinen, weissen Schleier gespannt, aus dem ihre Augen hell und grau wie Stahl herausglänzten. Diese Augen musste er am meisten bewundern. Es lag etwas Besonderes in ihnen, soviel Ernst und auch wieder Träumerei und zwischendurch wie ein leichter Flor ein Hauch tiefer Melancholie. Sie war sicher dreissig Jahre alt. ob sie Frau oder Mädchen war, hätte er gern gewusst, sicher das letztere, sie hatte noch so schlanke Formen. Die Dame sah immer noch zum Fenster hinaus, und um ihren Mund lag mm ein Zug von leichter Wehmut. Es war einer dieser wundervollen Herbsttage, wie nicht jedes Jahr sie bringt. Wie eine alternde Schöne sich bemüht, alle ihre Reize zur Geltung zu bringen, so hatte der Sommer noch einmal all seine Pracht hervorgezaubert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.