Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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~7זך No. 4. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 35. kasisch) oder׳ Deutsch, einen Jargon zu nennen, geht so wenig an, als die Sprache der Siebenbürger Sachsen, der Sette und Tredec» Communi, oder die'eines Fritz Reuter und Klaus Groth so zu schimpfen. Man muss aber nicht etwa glauben, dass man nur die Sprache der russischen usw. Juden so benennt, obgleich diese es fertig gebracht haben, in unbewusster knechtischer Unterwürfigkeit diesen Schimpf im eigenen Munde werterzugeben, nein, Jeder Dialekt, dessen sich Juden in ihrer Besonderheit bedienen, hat sich das in gleicher Weise gefallen zu lassen. Der Sprachforscher, der doch am wenigsten geneigt sein sollte, die organische Fortbildung einer Sprache mit dem Radebrechen und Kauderwälschen ungeübter Ausländer gleich'zu benennen, hat dies nicht beachtet, wenn es sich um Judendalekte handelte. So nimmt Wilhelm Geiger in seinem und Kuhns so hervorragenden ■Grundrisse der iranischen Philologie durchaus keinen Anstand,־ d?s Judenpersisch regelmässig als Jargon zu bezeichnen,- obwohl er in dem gleichen Absätze die Altertümlichkeit dieser Judensprache und deren vielfache Berührung mit dem P<1zand durchaus zugestehen muss. Und es wird ihm nicht einen Augenblick einfjtllen, die ähnlichen Mundarten der Parsen in gleicher Weise anzurufeu. Darum kann man auch nicht etwa der Vermutung Platz geben, dass die Bezeichnung Jargon für das Jüdisch-Deutsche etwa nur einer einem Philologen nicht wohl anstehenden Verwechslung mit der Gaunersprache, die vieles den Juden und dem Hebräischen entlehnt hat, ihre Entstehung verdankt, sondern man hat die allgemeine Verachtung und den Hass, die man gegen den Juden empfand und noch empiindet, auf den Dialekt übertragen, den man als spezifisch Jüdisch ansehen musste. Und die Juden, die sofort bei der Hand sind, wenn es gilt, sich selbst zu beschimpfen, trugen kein Bedenken, diese Bezeichnung, noch dazu mit Dank, zu adoptieren, und quittierten über das Schimpfwort, indem sie es auf die eigene Sprache anwendeten. Und zwar als ganz besonderen ״Eigennamen“. Es ist dabei merkwürdig, zu beachten, wie die jüdischen Schriftsteller Osteuropas, die selbst die jüdisch-deutsche Sprache mit vieler Liebe und grossem Geschick pflegen, sich die grösste Mühe geben, die übliche Bezeichnung der Sprache als ״Jüdisch“ durch das Schimpfwort ״Jargon“ zu ersetzen. Sie verstehen offenbar nicht, wie sehr dieses Wort sie beschimpft. Ein Jargon wird das Sprechen der osteuropäischen Juden erst dann, wenn sie sich vergeblich bemühen, hochdeutsch zu sprechen, oder auf die hochdeutsche Sprache die Akzentuation des jtidischdeutscheu Diatekts übertragen, meist verbunden mit Gestikulationen, aie ln ihrer eigenen Umgebung nicht auffällig und gewiss entsprechend, aber für Berlin׳ nicht passend sind. Das Gemauschel der Juden in den preussischen Ostprovinzen wird hierdurch charakterisiert, und in Berlin kann man Studien hierüber machen. Aber das ist alles unendlich weit entfernt von der echten, unverfälschten und deshalb schönen jüdischdeutschen Sprache. ־•־ Die Abneigung, die der Deutsche gegen das Mauscheln hat, ist doppelt und dreifach so gross bei dem deutsehen Juden, und um so mehr, als er eben brühwarm aus Posen kommt und selbst das ״dialektfreieste Deutsch“ spricht. Dieser selbe Jude findet freilich ein kindliches Gefallen an den öden Mauschclcien, welche die Witzmacher und Posscnreesser der Börse ihnen täglich auftischen. Sie sind im Herrnteld-Theater das Stammpublikum, das seine eigene Missgestait belacht, indem es glaubt, polnische^ Juden zu sehen. Für diese Kreise ist das elende Machwerk ״Adrabty)“, ein dummes und dumm- ■dreistes Gesudel, die willkommenste Nahrung für den witzbcdürftigen ״Geist“. Dieselben Juden, welche Zeter und Lamento schreien, wenn sie eine dieser faden Witzeleien in der von ihnen als Lektüre so beliebten ״Staatshürgerzeitung“ lesen würden, haben keine 'gi533׳cr& Freude^ als die Hanswurstiaden, die alkss verspotten und ins Hässliche verz'erren, was den Juden und dem Judentum heilig ist. Es ist ein Ehrentitel für die National- Juden, in diesem Gesudel nur beschimpft zu werden. Diesen , elenden Jargon des Herrnfeld-Theaters, der nirgends gcsprochcn wird, dieses Gemauschel witzig und geistreich sein . wollender Skribenten nennt man merkwürdigerweise nicht Jargon, wohl aber den Volksdialekt, den• die fleissige und wackere Masse unserer Brüder in denjenigen Ländern spricht. 5n die sie sich aus der Verfolgung in Deutschland im Mittelaller gerettet haben. Der Sprache, weiche das Judentum im erkor, wurde dasselbe Geschick zute'l. wie Israel selbst im Galuth. Wenn mdn wissen will, warum die Juden in gleieher und sclimmerer Weise als ihre Feinde sich hieran beteiligten, so nehme man das Liederbuch von Jung-Juda in die Hand. Dort ist der Grund deutlich und klar zu ersehen. Es ist die allgemein herrschende Unwissenheit, welche 'die/ Herausgeber eines Liederbuches für Nationaljuden veranlasst, zu den hebräisehen Liedern eine Ueburschreibung mit lateinischen Buchstaben liinzuzufiigen. Freilich ist gerade die Jugend, an die sich das Liederbuch wendet, zu tief eingeschätzt, und es wäre besser gewesen, ihr nicht dieses Armutszeugnis auszustelleu. Aber so gross ist die Unwissenheit der Juden über alles, was jüdisch ist, dass sich eine so unglaubliche Beurteilung selbst in unsere Kreise wagen darf. Darum die Verachtung Israels irn Of11־׳.th durch sich selber. Wir aber wollen Front gegen diese .Misskennung machen. Schon, jetzt gibt es einen Anfang für eine zukünftige Entwieklung der hebräischen Sprache. Freilich nicht die in den Ländern der Diaspora gepflegte hebräische Litteratursprache trägt den Keim einer gesunden hebräischen Entwicklung in sich. Dem! sie steht zu sehr unter dem syntaktischen Einflüsse des umgebenden deutschen (jüdisch-deutschen) Dialektes; sie ist auch eine tote Sprache, und nur eine lebende Sprache verr.!ag sich zu entwickeln. Aber die Sprache der Kinder in Palästina lebt, wenn s'e auch noch auf einen engen Kreis beschränkt ist. Dort steht sie nur noch wenig unter dem Einflusse der deutschen Sprache und unendlich viel mehr unter dem des ebenfalls semitischen Arabisch. Dort kann und muss sie sich naturgemäss, d. h. gesund entwickeln. Aber noch lange Zeit wird vergehen, bis eine Majorität der Judenheit im stände sein wird, die alte angcstarr.mtc Muttersprache als solche zu meistern. Bis dahin wird der jüdische Volksdialekt, der spanische wie der pers'sche, der griechische wie der deutsche, für den grössten Teil der Judenheit den Mangel einer Nationalsprache wenigstens in etwas erträglicher machen. Es ist also im Interesse unseres Volkstums gelegen, diese Mundart vor der Verachtung zu schützen, die Feindseligkeit und Unverstand ihnen zuteil werden lassen. Wir werden auch dazu beitragen müssen, die wissenschaftliche Erschliessung gerade dieser Dialekte auch unsererseits besonders zu fördern und ihrem Untergänge entgegenzuarbeiten.! Wenn für viele Juden des Ostens die Aufgabe des Dialektes in den Westländern auch die Aufgabe der Jüdischen Stammes-! Zugehörigkeit bedeutete, so müssen wir diese Dialekte gegen; die Vorurteile schützen, die in ihre.׳ die Barbarei erblicken. : Darum vor all״ ::׳.«‘׳Fort mit dem SvJfmpfworte Jargon!“; Heinrich Loewe. Ess״ner Brief. Von BenBaruch. Sehr geehrter Herr Redakteur! . Die jüdische Gemeinde zu Essen hat in dieser Woche ein wirkliches, amregendes Ereignis erlebt, den Einzug des Zionismus. - Der Efnzug kam nicht ganz unerwartet. Denn ein eifriger Gegner, der Seelsorger der Gemeinde, Rabbiner Dr. Samuel, hatte den Zionismus durch einen Vortrag über ״Die Zionistische Bewegung •unserer Tage“ vor 8 Wochen förmlich eingela-den. Schon damals gab es ein scharfes Red cd!״'II zwischen dem zionistenfeindlichen Rabbiner und unseren Gg. Kaufmann, Dr. W. Friedemann und besonders cand. med. Elias Auerbach. Seittr f:\1y m * •יי־ * ־*IM*;»*®׳**׳ ä ■% »»pw«,*-»•*» yfmwt...1 m - f »|)f qyr;