Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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4 ו 4 י . t I * י 1 ו 11 , » : *!ח ן t 1*i. * וי Seite 34. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. •I. Die Sprache muss daher auch ein Verständigungsmittel zwischen allen •Qeschlechtern des Stammes sein, wenr^ sie von nat:onalem Werte sein soll. Aus diesem Grunde kann kein anderer Dialekt als nur die alte Muttersprache als NationaUdium angesehen werden. Wenn wir daran denken, einst im He'matlande unserer Ahnen das Land unserer Enkel zu erblicken, so müssen wir beizeiten Sorge tragen, unseren Nachkommen die h ebräische Sprache als Erbteil zu hinterlassen. Nicht weil die klassische Litteratur der Juden in dieser Sprache geschrieben, oder weil sie religiösen Erwägungen besonders teuer ist, müssen wir sie als National spräche pflegen, sondern weil sie mehr als alles andere den historischen Zusammenhang zwischen den frühesten und spätesten Geschlechtern unseres Volk es darstellt. Freilich ist der in omentane Wert, den das Hebräische für das nationale Judentum hat, wenigstens in;Mitteleuropa, vielleicht von geringerer Bedeutung als die Kenntnis der jiidisehen Geschichte und'der jetzigen Zustande unseres Stammes. Aber diese Augenblicksschätzung darf nicht für die dauernde Be- Wertung massgebend sein. Nur für die jetzige Lage bat in unseren Landern die hebräische Sprache mindern Wert. Wir würdenheute durch eine ausgiebige Pflege des Hebräischen e:ne unnötige und nutzlose Kraftvergeudung uns zu Schulden kommen lassen.’ die wir nicht verantworten können. Erst müssen wir durch innere Begeisterung unsere Stammesbrüder in Deutschland wieder zu uns zu rück geführt haben, ehe wir uns mit dieser schwierigsten Kulturaufgabe abgeben dürfen. Inzwischen muss uns die jüdische Geschichte ersetzen, was uns die Sprache nicht lösten kann. Ganz anders liegt das Verhältnis in jenen Landern, in denen bisher in weiteren Kreisen keine systematisch gepflegte Entfremdung vom rationalen Wesen der Judenheit stattgefunden hat. Wenn wir Osteuropa betrachten oder unseren Blick aui den Orient werfen, so sehen wir, dass e:ne umrtt-clbare Pflege des nationalen Idioms weder ausser dem Bereiche der Möglichkeit noch der Nützlichkeit liegt. Eine intensive Pflege des Hebrauchen ist das Gegebene für die Juden des Ostens und Südens, während diese Zeit iür uns noch nicht gekommen ist. Wir haben vorderhand noch den Kampf gegen die Assimilation in allen Formen zu verfechten und dem. Irrtum entgegenzutreten, als ob das einzelne Individuum das Recht hätte, sich ..zum Ausleben“ seines Selbst aus der Gesamtheit ausznschliessen. Dagegen ist irn grossen und ganzen dese Gefahr im Osten nicht vorhanden. Ausserdem erwächst uns dort ein wertvoller Bundesgenosse in dem Umstande, dass eine Pseudo -National spräche den Stammessiim in ein •ג greubare t’orm fasst. Diese Pscudn-Nationalsprache mag zum Hebräisehen in einem Verhälttrs stehen, wie eine aufgeputzte Vogelscheuche zu einem munteren Mädchen: aber wenn sie nur den einen Zweck erreicht, lästige und schädliche Vögel zu verscheuchen, soll sie uns schon recht und willkommen sein. Und diesen Zweck einer Vogelscheuch' erfüllen die verschiedenen ״Jargon‘‘ genannten Dialekie vollauf. Freilich werden wir nie vergessen, dass sie selbst ein Stück historischer Angleichung an die Umgebung, das heisst Assimilation, bilden. Es ist nämlich eine merkwürerge Tatsache, dass in regetmässiger Wiederkehr die Juden aller Länder und Erdteile dazu gekommen sind, aus der jeweiligen Landessprache heraus sich einen besonderen jüdischen Stammesdialekt in attertümelnden Formen zu bilden. Man ha♦ dies auf den konservativen Sinn der Juden zu rückgeführt- Mit Unrecht! Denn dieselben, welche diesen konservativen S'nn bei den Juden hervorhebeiu behaupten äucn, dass es keine Revolution gäbe, welche nicht von den Nachkommen der Hebräer direkt oder indirekt angestiftet und angezettelt worden sei. Vielmehr hegt der Grund zu der Bildung dieser jedesmal sich durch Altertümlichkeit auszcichnenden Dialekte ln der regelmässig erfolgenden sozialen Abschliessung der Juden von der übrigen Landesbevölkerung. Auch andere von der grossen Spraehgenosseusehdft räumlich oder sozial getrennte Volkssplitter haben noch immer viele Altertümlichkeiten der Sprache bewahrt, welche das Volk sonst schon aufgegeben hat. in den kleineren Kreisern mit engerem Famllienzusa nt men Schluss gehen tltere Sprachformen und alte W’örter von den Eltern auf die K:nder über, umsomehr wenn der betreffende Volkssplitter litterarisch gebildet ist, d. h., als die meisten seiner Glieder lesen können, während sonst die Sprache der Kinder die rcgclmassige Quelle vor. dialektischen Neubildungen ist. Darum haben nicht nur die■ persischen und bucharischen Juden, sondern auch die Parsen in ihren Dialekten viel altes Sprachgut aus der Sassanidenzeit erhalten, das bei den übrigen Iramcrn verloren gegangen ist. Aus dem gleichen Grunde findet man die heute älteste Form der arabischen Sprache bei den Bedu• inen, die in patriarchalischer Weise leben und bei denen ein regelmässiger Austausch zwischen den Vätern und den wohnen in Wort und Lied stattiindet. ln ganz derselben Weise muss man alnürkisches Sprachgut in erster Linie mcht be. den Osrnanen, sondern bei den Krim.sehen Tartaren und in Ader- Fki du! Juden aber bat sieh die Abbei.fseh.in suchen. Schliessung von dem. \ clksganzen. dessen Sprache sie eben erst kurz zuvor angenommen hatten, r e g e 1 m ä s s i g wiederholt. So sehen wir die Juden tanger als irgend* welche Aramäer die aramäische Sprache bewahren. Aus der byzantinischem. Zeit habet: sieh die Jude•:! in Makedonien ebenso wie ihre karäischea Brüder in Konstaati: opel und Jerusalem eine ältere Form des Neugriechischen in ihrer Weise fortgebilde;. Die Juden, deren Väter einst aus Spaniens Fluren verbannt wurden, haben noch heute tm tur!;:selten und arabischen Orient, der sie schützend autnahm, nicht aufgehört die Sprache hrer Feinde und Dränger zu pilegen und zu reden, die s.e zwar mit hebräischen Worten gemischt haben, aber doch in einer alteren Form bewahrten, als die Einwohner der pyrenäischen Halbinsel. Die Millionen deutscher Juden, die im späteren Mittelalter aus Deutschland nach Polen flüchten mussten, haben in ihrer neuen Heimat treu die Sprache des Landes bewahrt, das sie ausschloss. Wer altes deutsches Sprachgut vohlkonscrviert finden will, muss den Dialekt der im e:gentliehen Sinne ״deutsche n" Juden Polens und Russlands kennen lernen, in dem mehr alte Werter erhalten sind, als Ir, irgend einer sonstigen deutschen Mundart. Gerade das rauhe ״ch‘\ das den Deutschen in dem Munde des polnischen Juden so unangenehm das Ohr berührt hat dieser wie der Alemanne aus der alten Ausspreche des Deutschen heriihergerettet. jar manches poetische Wort, das uns in der deutschen Poesie archaisch sehen anmutet, will uns aber in gleicher Bedeutung und in gleicher Anwendung im täglichen Gebrauche der ״Jargon-Juden“ gar nicht gefallen. . . ' Was ist denn aber der Grund, weshalb uns andere Dialekte der deutschen Sprache nicht als Entstellungen anmuten, währernJ wir uns dem Jüdisch-Deutschen gegenüber bequemen, die Beschimpfung unsererseits gläubig nachzusprechen, die in der Bezeichnung ..Jargon״ liegt? Jargon heisst au! deutsch ..Kauderwälsch“, das ist der radebrechende Gauner• Jialekt der Wucherer von Cahors, der Kawertschen. Und was ist ein ,.Jargon“ arders als die im Munde eines Ausländers entstellte Sprache eines Volkes? Ein Jargon ist das Deutsche im Munde van Russen oder Engländern, die nach kurzem! Aufenthalte in Berlin oder Hamburg zu kauderwelschen anfaugeu. Ein Jargon ist das Arabische, das die Europäer im heiligen Lande leider sprechen. Ein Jargon Ist es, was man im Munde der Neger oder Indianer in den. Sctimokern liest; mit ׳,׳meti man erlaubt, den Geschmack und die Anschauungen unserer lugend zu verderben. Aber die Sprache, die sich im Munde der Juden des Ostens fortgepiianzt von Vater, auf $011:1 und die sich naturgemäss entwickelt und fortgeoildet hat, sei es nun ihr Spanisch, Griechisch, Iranisch" (Persisch und Kau- •1־