Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 33. Schon habt ihr die Herzen mit Unruhe erfüllt und dadurch .Unheil gestiftet. Es fragt sich ein jeder, was daraus werden kann? und es fragt sich ein jeder, ob jedesmal, wenn־ in Palästina eine Frage, die ihr anders entschieden hättet, von der Mehrheit angenommen wurde, ihr auch dann den Saal verlassen, und eine Spaltung Hervorrufen würdet? Was würde dann aus unserer Selbständigkeit werden? Nach dem VI. Kongress hat sich, wie ich glaube, die Zahl der Zionisten; bedeutend vermehrt. Vermutlich hat sie sich deswegen vermehrt, weil ״Uganda“ ein Produkt des Zionismus ist, das in’den Herzen der Juden lauten Nachklang geweckt hat. (Intelligente, die bisher der Bewegung ganz fremd waren, haben sich auf Grund von Uganda dem Zionismus zugewendet. Das ist für uns eine wichtige Eroberung.) Und sind wir Zionisten in Wahrheit nicht auch Juden zugleich, Juden, die die Greuel des Golus bitter beweinen und das jüdische Voik von Tod und Mord zu retten suchen? lind ist nicht der Zionismus selbst in unseren blutenden Judamerzen zu einer kolossalen Bevegung he ran gewachsen? Wie könnt ihr uns zerstückeln, zerteilen, das Jüdische von uns nehmen und das Zionistische uns lassen wollen? — Der Schmerz der Gegenwart ist bei uns innig mit dem Ideal der Zukunft verbunden, und dieses bekommt seine Nahrung von jenem. Also werdet ihr die beiden nicht voneinander trennen können. Nicht richtig ist die Behauptung mancher, die Frage von Uganda hätte nicht auf einem zionistischen Kongress behandelt werden sollen, sondern auf einem speziell ugandischen, und nicht von uns, sondern von anderen. Die Behauptung ist nicht richtig, weil der zionistische Kongress zugleich ein jüdischer ist, — und als solcher ist er auch ein ugandischer; — nicht richtig well Uganda uns durch die Vermittlung des Dr. Hcrzl vorgeschlagen wurde, der ־nicht nur ein zionistischer Delegierter, sondern auch der Führer des politischen Zionismus und der Präsident des zionistischen Aktions־ komitces ist, und in diesen Funktionen ist er verpflichtet (ja verpflichtet!), dem zionistischen Kongress das vorzulegen, was er auf politischem Wege erreicht hat, was an d?s Aktionskomitee gelangt ist; dementsprechend ist auch aer zionistische Kongress verpflichtet (unbedingt verpflichtet), es zu behandeln — cs anzunehmen oder abzulchnen, je nachdem cs die Majorität der Delegierten wünscht, wobei die M i n 0 r i t ä t 0 h u e weiteres dem V o t u in des Kongresses sich fügen muss. Von ״Anderen“ kann hier nicht die Rede sein, weil die englische Regierung sich mit ihrem Vorschlag an keine ״Anderen“ als Dr. Herzl gewendet hat, noch wenden konnte, weil bei uns kein ״anderes“ Aktions- Komitee als das zionistische existiert, noch existieren kann. Dass der zionistische Kongress sich nicht allein mit der Zukunit, sondern auch mit der Gegenwart beschäftigt, beweisst ~ wenn es der Beweise bedarf — das von Max Nordau fast jedesmal uns vorgelcsene Epos unseres sich alljährlich steigernden* Leidens, wobei ihm von niemandem der Vorwurf gemacht worden ist, er sei dem Zionismus unt'eu. Wenn es aber erlaubt ist, von Leiden der Gegenwart zu sprechen, so ist es auch eine Pflicht, von deren Heilung zu sprechen. Und Uganda ist ein Mittel zur Heilung. Nach den unterbrochenen Verhandlungen mit dem Sultan hätte der VI. Kongress etwas blass ausgesehen thne Uganda. Eine mächtige Regierung hätte in ihrem Lande den Zionismus unterdrückt, wenn nicht Aussicht Wäre auf eine massenhafte Emigration nach Uganda. .England, dessen grossmütig edler Vorschlag unserem Bewusstsein schmeichelt und uns in Augen der Völker erhebt, hätte von uns nichts mehr wissen wollen, wenn nicht auf dem Kongress die Frage von Uganda diskutiert und die Untersuchung der Ugandafrage angenommen wäre. Nein, meine lieben Zionsbrüder! Euer Gesichtskreis ist eng; ihr seht nur in die Weite und nicht zugleich in die Breite: unsere Lage ist. schlecht, nach allen Seiten schlecht, und in unserem unaufhörlichen Streben nach Zion müssen wir uns stest umsehen und überall das Nützliche und das Gute nehmen, das man uns bietet, und das man uns gibt;zuviel des Nützlichen wird man uns nicht bieten, zuviel des Guten wird man uns nicht geben, darauf dürftet ihr euch getrost verlassen, denn Bettler sind wir bei der Menschheit, ein Stiefkind, das nirgends geduldet und überall gejagt wird. Und wenn aut unserem Wege ein Smckchcn Erde und ein Brocken Brct uns gegeben wird, um unsere Glieder ausruhen, unsere Kräfte wieder Herstellen und weiter, weiter gehen zu können, so müssen wir das Geschenk annehmen, uns seiner freuen und dem grossmiitigen Geber unserti herzlichsten Dank aussprechen, denn wir dürfen uns nicht täuschen: unser Weg ist mühsam und 1 a n g. Odessa. D r. M. Tscher nie hoff. Nachbemerkung der Redaktion. Wir haben es kaum nötig, ausdrücklich hervorzuheben. dass sich diese Aus.T:hr.snge:1 über ..Uganda“ nicht mit der Ans.cht unserer Reuaktion über die!־rage einer jüdischen Besiedelung von Briiisch-Ostafrika decken. Wenn wir doch den Artikel T scherniehoris (unseres greisen Freundes mit dem jugendlichen Herzen), au leitender Steile bringen, so geschient das im Hinblick aut die allgemeinen Bemerkungen des Artikels, und auch in dem Bewusstsein, dass sein Eingreifen mehr zur Herstellung des Friedens in den Reihen der Zionisten beitragen wird. 213 Resolutionen nichtrussischer Zionisten, die immer das Bedenkliche haben, vielleicht einen Riss hervorzurufen. der bisher nicht existiert. Uns kann ja keineswegs daran liegen, Leute aus der Partei herausdrangen zu wollen, die zum Teil lange vor uns mit dem Einsetzen ihrer ganzen Person daran gearbeitet haben. Zion für das Jüdische Volk wieder zu erringen. Es gilt garnicht die Charkower Dissenters ן vom Zionismus abzudrängen. —- das ist ja auch unmöglich — י sondern ihnen die goldene Brücke zu bauen, aut der sie den 1 Weg zur Eint eit unserer Organisation bald zurückfir.den. Dazu kamt aber ein Mann wie Tschemichoü mehr beitragen als jeder andere, und darum gaben \vi־ ihm gern das Wort, auch wo wir eine andere Meinung hegen als er. Überhaupt kann es nur rützen, wenn jede ehrliche Meinung im Zionismus zur Sprache kommt. Nicht Meinungen schädigen die Einheitlichkeit der Partei, wohl aber das Misstrauen, das entstehen könnte* wenn man Meinungen nicht zun: Ausdruck kommen l'.esse, die |a doch existieren. Je grösser die Duldsamkeit innerhalb der Partei sein wird, gegenüber verschiedenen Anschauungen, um so fester gefügt ist unsere Organisation, und unser bester Kampf gegen Versuche, unsere Organisation zu stören ode zu zerstören, ist neben dem unentwegten Eintreten für unsere ilbstgeietzte Führung die grösstmögiiehste Duldsamkeit im ahnten des Basler Programms. H. L. Wer spricht Jargon? Wenn die national-jüdische Partei eine Wiederbelebung des jüdischen Volksgeistes als notwendige Ergänzung einer pf!:tischen Wiedergeburt Israels ansieht, und wenn nur eine jüdische Kultur unserem Nationalwesen in Zukunft bleibenden Wert verleihen kann, so gewinnt die nationale Sprache als Trägerbt dieser Kultur die denkbar grösste B'.deutung. Nicht ak ob die Sprache ein Kennzeichen der Zugehörigkeit zu irgend einem Stamme wäre, oder als ob sie gar ein notwendiges Merkmal einer Nation sein müsste, aber sie bildet das notwendige Vcrständigungsmittd zwischen allen Angehörigen 'der Nation. Die Glieder einer Nation sind aber nicht nur die gerade lebenden Personen; sondern alle Generationen haben gleichen Anspruch, als stets vorhandene Teile der Nation angesehen zu werden. s I! •"יילקיי«‘