Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 4. Seite 32. J kennt und ein jeder beklagt, die wir aber hoffen leicht heilen zu können; nur eine ist bedenklich und bringt uns zur Verzweiflung, Gas ist die bei jedem von uns stark verschärfte, ja zugespitzte Individualität. Diese Individualität ist beim einzelnen von uns eine bewährte, im ״Golus“ ausgebildete Widerstandsfähigkeit, die im gegenseitigen Verkehr sich auswuchs und in eine Hartnäckigkeit verwandelt hat. Als Widerstandsfähigkeit ist sie eine grosse Eigenschaft, ein Streben nach Freiheit, als Hartnäckigkeit aber ist sie ein grosser Fehler, ein Attribut des Sklaven. Als Widerstandsfähigkeit bedeutet sie für Uns die Rettung, als Hartnäckigkeit — das Verderben. Moses hat die Juden nach dem Golus von Aegypten als ein hartnäckiges Volk bezeichnet und in ihrer derart verschärften Individualität ihre Grösse, zugleich aber ihre Kleinheit gesehen; in dem zweitausendjährigen schweren Kampfe aber, wo ein jeder von uns gegen Hundert kämpfte, müsste sich zur Gegenwehr die Individualität des Juden, als Waffe gebraucht, noch mehr verschärft haben. Und so sind wir letzt unendlich gross und zugleich unendlich klein: einzeln genommen sind wir gross, geistig entwickelt, Ucbcrnicnschen sogar, im Zusammenwirken aber sind wir klein, kindlich unentwickelt, nicht fähig, ein gemeinschaftliches Werk zu verrichten — einen sozialen Stoff zu weben. An die zu sehr scharfe Individualität eines jeden von uns stossend, kann so ein Werk nur zerstückelt werden, ein soziales Gewebe kann nicht anders als vielfach durchbohrt und mehrfach durchschnitten werden. So sehen wir, dass wir uns schädigen und uns zu Grunde richten, sind aber zu hartnäckig in unserem Treiben, gleich einem unvernünftigen Kinde, das, ohne Bedenken, seinem Zerstörungstrieb nachgeht. Und es hilft keine Mahnung, es hilft keine Ueberzeugung. Nein! Wie wir sind, dürfen wir kaum direkt nach Palästina kommen, müssten wir beinahe zuerst unsere verschärfte Individualität im Verkehr mit einander abstumpfen, uns g e w ö h neu, die Meinung des Einzelnen dem allgemeinen Wohl zu opfern, wir müssten, mit einem Worte, uns beherrschen lernen, politisch erziehen und, wie gesagt, zu Bürgern herausbilden und zum sozialen Leben uns vorbereiten. Wir müsstet; einen Umweg, meiiivcwegen in Uganda eine Rast machen; bevor wir aus unserer Hölle in unser Paradies kommen, müssten wir eine Zeit lang in einem Purgatorium verbleiben, dort unsere Wunden auszuheilen, um gereinigt nach Palästina komm;11 zu können, von allen Lastern des Gclus befreit. Weil Palästina bei uns das heilige Land ist, das Kleinod, das uns teuer war, mit dem wir also ״art umgehen müssen, weil wir unser Land Israel mit ungeteilter Begeisterung . mit der Seele suchen, und weil wir niemals aufhören werden, alles zu tun, um uns endlich in das Land unserer nationalen Sehnsucht zu bringen, dürften vir emc solche Durchgangsstation für einen Teil unseres Volkes nicht unbedingt verwerfen. Der Zionismus hat sich tief in unsere Seele einge• wurzelt und innig mit unserem Geiste verbunden, so wird es keiner Kraft in der Weit mehr gelingen, uns von' einander zu trennen: wo wir stehen und wohin wir gehen, ist der Z ion ismus m it uns , er beherrscht unser Fühlen, unser Denken, unser Wirken, und ist zur notwendigen Bedingung unserer Existenz geworden. So werden wir ihn nach Uganda tragen und freundlich mit ihm dort zusammen leben; ich glaube sogar, dass er auch dort uns manchen Schmerz erleichtern und manche Wunde uns verheilen helfen wird. Und wir :: laufen nicht, wie manche glauben, — wie wenig sie ihrem Volke trauen — Gefahr, ihn irgendwo auf dem Wege zu verlieren, oder in Uganda zu begraben, wir werden ihn im Gegenteil überall mit unserem Blute nähren und aus unserer Seele ihn gross werden iassen, weil Palästina unser Ideal Ist, das Objekt unserer Träume, unser Sehnen, unser Hoffen, der Hauptgrund unserer Leistungen, das Endziel unserer Wünsche.’’') Wenn aber manche und sogar viele von unseren arggeprüften Brüdern in Uganda sich akklimatisieren und nach zweitausendiährigen schweren Leiden dort endlich Ruhe und Glück finden werden, so werden wir uns ihrer Freiheit freuen und uns sagen, dass sie sich für Palästina nicht eigneten, weil sic nicht das von uns gewünschte Element für Palästina uns boten. Und diese grade sind es, die wir eiligst nach Uganda sammeln sollten und nicht sich zerstreuen lassen durften, um dem Verderben entgegen zu gehen. Und es wird noch immer mehr als genug unserer Brüder geben, die mit der ganzen Kraft ihrer Begeisterung nach der alten Heimat streben und alle ilre Energie darauf verwenden werden, das Land zu erreichen und an der Brust der lieben Mutter den Schmerz der Vergangenheit — die Beleidigungen und Erniedrigungen im .Golus — in heissen Tränen zu ergiessen. Um was kümmert iiir euch, ihr Herren Neinsager. Söhne eines צם ל\צ' צור״ Warum empört ihr euch und reisst in Stücke das gemeinschaftliche Gewebe, das grosse Werk der Rettung und Belebung? Braucht ihr denn alle Juden der Weit, um Palästina zu bevölkern? Wieviel sind denn ihrer aus Aegypten ausgewandert, von Babel zurückgekehrt? Seid ruhig, es wird, wie gesagt, noch mehr als genug Juden geben, die ilmem Ideale leben, ihrer Mutter treu bleiben werden. Und was geht es euch an, wenn Uganda auf Kosten der W 01111 ä t i g - keit von Juden besetzt wird, der Wohltätigkeit, die dem Zionismus niemals dienen wird? Was geht es euch an, wenn ein Teil unserer hungrigen Brüder sich in Uganda satt essen, und ein Teil der der Emigration unteliegenden nicht nach Kanada gehen wlü, um dort vereinzelt und von der ganzen übrigen W’elt entfernt einer Vernichtung entgegenzugeheii, sondern es vorziehen, sich nach Uganda zu begeben, um dort itn eigenen Volke und mit dem eigenen Volke einer Auflösung entgegen zu wirken? Aber nehmt euch m acht und vergesst ja nicht, dass der grösste Teil der ihrem Volke mit Leib und Seele dienenden Zionisten, teils aus Ueberzeugung im g״ossen, teils um n i c 111 die Obstruktion zu fördern, es ganz mit Uganda hält und so kann es sich ereignen, dass ihr eines Tages mit einem kleinen Häuflein Gleichgesinnter ausserhalb der grossen Bewegung im Judentum euch befindet. Welch’ trauriges Gesicht werdet ihr dann machen! Wie einsam und verlassen werdet ihr dann dastehen! Und auch diese wenigen werden euch zuletzt untreu werden, um nicht apathisch liegen zu bleiben zu einer Zeit, wo ihr Volk in voller Begeisterung seiner Erlösung und Auferstehung schnellen Schrittes entgegen gehen wird. Aber ich nehme an, es werde euch gelirgen, eine Spaltung im Zionismus hervorzurufen und sogar den grössten Teil der Zionisten an euch zu ziehe?!, während die übrigen, die Andersdenkenden, ihrer kleinen Zahl wegen sich vom Zionismus — eurem Zionismus -- lossagen werden, werdet ihr mit diesen! Resultat zufrieden sein? Ihr könntet euch treuen, dem Zionismus Kopi und Hals abgeschnitten und ihn verkleinert zu haben? Und wen von euch werdet ihr an stelle des Dr. Herzl setzen? Und wer von euch wollte der Führer dieses so verkrüppelten. Zionismus werden? *) Vd. T sc he r 11 i c 110 f f: ״Das Stiefkind der Mensel!- ' heit“. 1900. Leipzig, Verlag von M. \V. Kaufmann.