Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. i ratur aufweisen, die ungefähr der des nordeuropäischen Sommers gleiche. Bei einer solchen Temperatur sei es wohl möglich, dass Europäer Ackerbau trieben und sich gesund erhielten. Nach seiner Ansicht sei sogar der in Aussicht genommene Landstrich zur Kolonisation geeigneter als Palästina, das heute in der Tat unfruchtbar wäre und in dem man mit einer feindlichen Bevölkerung zu rechnen hätte. Herr Dr. Citron glaubt nicht, dass die Malariafrage von irgend welcher erheblichen Bedeutung für die geplante Kolonisation sei. Die Insekten, die die Malaria von Mensch zu Mensch übertragen, sind in Höhen von!SCO—2001) m nicht mehr lebensfähig; daher sei an eine Ausbreitung durch etwa eingeschlepptc Malariafälle nicht zu denken. Ernster erscheint ihm schon die Schlafkrankheit, die wohl doch auch auf Europäer übertragbar sei. Für ganz besonders wichtig halte• er die Erforschung der etwa endemisch vorkonunenden Viehkrankheiteu, da ausgebreitete Viehseuchen eventuell jede Ansiedlung t!nmöglich machen würden. ־ Herr Dr. Mühsam weist auf den grossen Unterschied hin, der hinsichtiich der Akkiimatisationstähigkeit def süd- und nordeuropüischcn Völker bestände. Alle Kolonien, die von Spaniern, Italienern etc. bevölkert sind, gedeihen ausgezeichnet, während die Nordfranzosen, Eng-!ander und Deutschen sich zur Kolonisation nicht eignen. Die Juden ständen den Südeuropäe׳n zum mindesten gleich, und ebenso wie die Spanier in Mexiko und die Portugiesen in Brasilien seit Jahrhunderten ansässig wären und sich rasserein erhalten hätten, so könnte man auch für eine jüdische Atisiedlung in Ostairika eine durchaus günstige Prognose steilen. Herr Dr. Waldenburg hält eine Kolonisation in Ostafrika für äusserst bedenklich. Bei der immer zunehmenden Unfähigkeit der Mütter, ihre Kinder selbst zu stillen, werde man auf eingeborene Ammen angewiesen sein, und das bedeute bei der Durchseuchung dieser Volksstamme eine schwere Gefahr für das jüdische Volk. In seinem Schlusswort betonte Dr. Katz, dass er sich absichtlich jeder Acusscrung über das von der englischeri Regierung dem jüdischen Volke angebotene Land und seine hygienischen Verhältnisse enthalten habe. Unsere Kenntnisse darüber seien noch so mangelhaft, dass es durchaus falsch wäre, irgend welche Schlüsse aus den bisher vorliegenden höchst ungenauen und zum Teil sicherlich falschen Angaben zu ziehen. Hierin Klarheit zu schaffen, sei eben Aufgabe der nach Kongressbeschluss zu emsendenden Kommission, deren Ergehntsse man abwarten müsse. Ob es aber selbst unter den günstigsten Verhältnissen möglich sein würde, in dem tropischen Ostafrika eine dauernde Ansiedlung jüdischer Massen zustande zu bringen unter veiler Wahrung der Rasscreinheit, das sei eine Frage, die a priori nicht zu entscheiden sei. Herrn Dr. Mühsam gegenüber müsse er die Behauptung, dass die heutige Bevölkerung Brasiliens und Mexikos eine Mischbevölkerung sei. durchaus aufrecht erhalten. Vernichtunq oder Befreiung? Der Epilog von Kischinew. Von E l i i a h u. Vernichtung oder Befreiung? ln diese beiden Fragen fasste ein warmer Freund und Fürsprecher der russischen Juden Professor Errera in Brüssel, die Ausblicke in die Judenfrag׳' Russlands zusammen. Er kommt als Mensch mit tulilendem Herzen und modernem Sinn zu dem Schluss, dass nur die bürgediehe Gleichstellung'der Juden eine Lösung der Judenfrage in Russland bringen kann. An die Lösung der Frage durch Vernichtung der Juden glaubt er nicht, denn er betont mit Recht, dass es dazu einer dauernden Folge von Gewalttat und Unrecht bedarf, und ״die russischen Israeliten haben ein zähes Leben.“ Brutale Tatsachen aber werfen auch die logischsten Thearieeit über don Haufen. Wer wagt jetzt noch zu zweifeln, dass die Losung der russischen Judenpolitik Vernichtung heisst und nicht Befreiung? Mit schwerem Herzen sind wir zu der Uebcrzeirgung gekommen, aber wir mussten. Als die erste Kunde von den Kischinewcr Greueln kam, da glaubten wir an eine wahns'nnige Judenhetze, wie sie das Mittelalter so oft gesehen hat. Wir glaubten, der Mensch sei nur zum Tier geworden. Aber wir schützten ihn zu hoch ein. Denn unwiderleglich klar ist cs geworden, dass nicht die Gewalt tierischer Triebe, sondern kalte, ״menschliche‘* Berechnung an der Wiege des Blutbades gestauden hat. Und dann kam Hamei. Und dann kam dieser Prozess, der in der Geschichte der Zeiten neben dem Dreytussprozess seinesgleichen nicht hat — ein Licht iiir Blinde. Nun ist auch dieser Prozess, der erste der angekiindigteu zweiur. dzwjnzig, beendet, der lästigen öffentlichen Meinung ist der Mund not- Urte! 1 lautet rosjui־; gegen weiche J ie Anklage au eil en zu sieben bezw. fünf J.i.are,: Z vvi!*,s— י2 ״• weitere Angekktg: e wurde auf Fiu- ׳lenk!: ompanie erkannt. 12 wurde;! frei- *■׳n.-fj י*. * S ‘ * gemach ton •D Zi\ äiklagen wurden arbeit verurteilt, (jege reihung in die Arresta: gesprochen Die ann.i sanuHch unberücksichtigt gelassen. Die GerLi;:sk<’־sten wurden den Verurteilten auieriegt. Das ist die Sühne für Kischinew. Aber hier heisst es nicht entrüsten, klagen, jammern, sondern verstehen. Verstehen, dass hier nicht den betörten Plünderern, sondern der GesamtjuJcnheit Russbnds das Urteil gesprochen ist. Es hilft wenig, zu sagen: ״Die Zustande sind unhaltbar, es muss besser werde!!.“ Ja, es muss und wird besser werden, et: ist wahr, Russland richtet sich durch sein System selbst zu Grunde. Nicht umsonst ist in der alten Weisheit unseres Volkes der Satz niedergelegt ,צדק צדק ר,רד,*“ לבען ד״היד ״Dem Recht, dem Recht jage nach, aui dass du lebest.“ Es ist nicht nötig, ein göttliches Strafgericht, eine geheimnisvolle Fügung der Schicksale herabzuschwören, denn nach eherner naturgesetzheher Notwendigkeit untergräbt ein solches System der Lebensführung sich selbst. Aber wann wird diese Stunde der Befreiung schlagen? Solange die russische Regierung alle ihre Sünden auf die Juden abwalzt und das Volk auf sie hetzt, wohl kaum. Und wenn dann einst der Tag der bürgerlichen Gleichstellung für die Juden kommt, was dann? Dann kommt die Freiheit? Nein. Die russische Gesellschaft ist von den obersten bis in die untersten Schichten tief durchtränkt mit Judenhass. Irr bester, Falle wird aus Russland ein Deutschland wträc;. Und die deutsche Judennot schlügt dem jüdischen Volke tiefere Wunden als die russische.' Welcher schneidende Hohn liegt darin, dass wir hier ja auch auf den Fortschritt und die Freiheit hohen und harren, während wir unseren Brüdern die bürgerliche Gleich- Stellung als Paradies vormalen! Doch das sind Zukum'tssorgen, und der morgige Tag drangt. Blutige Weihnachten drohen in Russland den blutigen Ostern zu folgen. Eine Meldung sagt:!1» Kischinew werden aus Anlass des bevorstehenden Weiimachtsfestes neue Exzesse vorbereitet. Schon beginnt eine neue Panik auszubrechen.. AU Gouverneur Fürst Urussow auf die Gefahr aufmerksam g!emacht wurde, fragte er, was die Juden tun würden. Als die Antwort lautete, sie würden sich im üussersten Falle verteidigen, erwiderte der Fürst: das Militär würde ihnen schwerlich zu Hilfe kommen. Also doch Vernichtung! Das westeuropäische Judentum scheint sieh in diesen Gedanken ergeben zu haben; es gibt Almosen, wie man dem rettungslosen Kranken Morphium gibt.