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Jüdische Rundschau · 1904-01-01 · Heft 1 (1.1.1904) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IX (1904)
Issue
Heft 1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 4 No. 1 JÜDISCHE RUNDSCHAU. äquatorialen Zone aufs glücklichste vereinen würde. Kommt die Kolonisation zu Stande und sind die Nachrichten über die hygienischen Verhältnisse den oben gestellten Anforderungen entsprechend, so könnte ich wohlhabenden Lungenkranken dringend empfehlen, sich dort anzusiedeln. Die Aussichten für die Genesung waren hicr’besscre, als sie ihnen die Kurorte der Schweiz oder der Riviera zu bieten haben, und das von ihnen verausgabte Geld würde ihren jüdischen Volksgenossen zugijte kommen. Ich möchte au dieser Stelle nicht unterlassen darauf aufmerksam zu machen, dass auch manche Punkte auf den Höhen des Karmel in Palästina sich zweifellos recht gut zur Anlage von Sanatorien für Lungenkranke eignen würden. Den :geschilderten günstigen Eigenschaften des Höhenklimas entspricht auch die Akklimatisationsntögliejikeit europäischer Ackerbauer auf den Hochländern der Tropen. Zwar ist das gemässigte Höhenklima der Tropen nicht gleichzustellen dem Klima der gemässigten Zone, weil die starke Sonnenbestrahlung, die gleiche Dauer von Tag und Nacht, die Luftfeuchtigkeit, das Fehlen eines eigentlichen Winters das Klima trotzdem als ein tropisches charakterisieren, Aber die zahlreichen günstigen Erfahrungen, die ans so vielen hochgelegenen Gebieten der tropischen Welt vorüegen, machen alles j Theoretisieren unnötig. Die Ansiedluugen auf den Bergen j von St. Dominico. den Hochländern von Barbados.. | Jamaica. Ja%*a und vor allen! auf den Anden-fiochj ländern des tropischen Mittel- und Südamerika haben t den Beweis geliefert, dass Europäer dort bei harter j Feldarbeit vollkommen gesund bleiben können. Wenn! also an der Akklimatisationsmöglichkeit einzelner Kolonisten auf hoch und gesund gelegenen Tropengebieten j nicht gezweifelt werden kann, so erhebt sich die weitere i wichtige Frage, wie steht es mit der Anpassung grösserer j Massen, die erst dann als akklimatisiert gelten können, [ wenn die Zahl der Geburten der der Todesfälle zum 1 mindesten gleich bleibt und wenn die folgenden Gene- I ratienen im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen ׳• Kräfte sich ihren Lebensunterhalt durch ihrer Hände | Arbeit erwerben können. Diese Frage erfährt nun in dem j uns hier interessierenden Falle eine besondere Komplikation. Wenn grosse Völker, wie das englische, das trauzösische oder deutsche kolonisieren, so kommt es ihnen ver allem auf Vermehrung ihrer politischen Macht- Stellung und Vergrösserung ihrer Handelsbeziehungen an. wenig aber liegt ihnen daran, ob die in die Kolonien hinausgesandten Volksgenossen sich rassenrein erhalten! und eine durch Verbindung mit den Eingeborenen entstehende Mischbevölkerung erregt, wofern die Souveränität des kolcnisicrcnden Volkes gewahrt bleibt, keine Bedenken. Ganz anders liegt das — ich brauche das hier nicht näher auszuführen —• bei dem jüdischen Volke. Die Reinerhaltung der Rasse, die mit zu allermeist unser Volk durch die Stürme der Jahrhunderte unversehrt hindurchgeftilirt hat, wurzelt zu sehr als wichtigstes Axiom in der jüdischen Volksseele, als dass nicht mit ihr als einet conditio sine qua non bei jedem Kulonisationsversuch gerechnet werden müsste. Legen wir also daher die beiden Bedingungen, die Reinerlialtung der Rasse und die körperliche angestrengte Arbeit der Kolonisten als Masstab an, so finden wir auf dem ganzen gewaltigen Tropengürtel der Erde nur zwei und wegen der geringen Zahl der Kolonisten nicht recht beweiskräftige Beispiele dafür, dass eine vollkommene, den oben gestellten Anforderungen entsprechende Akklimatisation europäischer Ansiedler geglückt wäre. Es sind das die sogenannten petits blaues auf der Insel Reunion und’eme Kolonie im Yindhya-Gebirge in Indien, beide Lieberreste einer vor Jahrhunderten stattgefundenen französischen Einwanderung. Unter pefhs blar.es verstellt man in den Kolonien im Gegensatz zu den gros-bianes Weisse. die von!11 rer Hände Arbeit zu leben genötigt sind. Zeigt also der Name petits blancs schon, dass es sich nicht um vornehme und reiche Europäer handelt, so haben andrerseits Untersuchungen Sachverständiger ergeben, dass die Knssenrcinheit vollkommen gewahrt geblieben ist. Diese beiden Beispiele beweisen, dass eine dauernde Akkümntisation europäischer Einwohner wenigstens im Bereich der Möglichkeit liegt; aber sie erscheinen doch nur als Ausnahmen von der Regel, wenn man das ungeheure Gebiet des Tropengiirteis in Betracht zieht, in dem überall — die wichtigsten Beispiele sind Mexiko und Brasilien -- die sich rassenrein haltenden Familien selbst unter den besten sozialen Verhältnissen nach wenigen Generationen aussterben und nur eine Mischbevölkerung den Sch wierigkeiten der Akklimatisation dauernd widersteht. Während also in dem Umstand, dass mit dem Entstehen einer Mischbevölkerung unter keiner Bedingung gerechnet werden darf, eine ganz besondere Schwierigkeit für aie Kolonisation jüdischer Massen zu erblicken ist, so zeigen andererseits die Juden eine Akklimatisationsfähigkeit, die die der arischen Völker bei weitem übertrifft. Sie werden, meine Damen und Herren, oft genug bei Berichten über die Baseler Kongresse mit Erstaunen gehört haben, wie Juden aus allen Zonen und Ländern der Erde sich dort zusammengefunden haben, Juden aus den liebliche Kind, von der Mutter Hand geleitet, von der Mutter zartem, fürsorglichen Blick bewacht: ״Sie ist so gebrechlich,‘* pflegte sie zu sagen. Und doch verliess sie das gebrechliche Kind und stieg ins Grab; Gott wollte es so. Das Kind blieb — sein alles. Es w׳ar immer noch zart und gebrechlich, hatte merkwürdig dünne, durchsichtige Hände und einen dünnen, von blauen Aederchen durchzogenen Hals - aber es war gesund. Eines Tages fiel es ins Wasser. ״Gott — warum?“ hatte Leib im ersten, heissen, brennenden Schmerze gesagt — aber dann, als man das kleine Geschöpf in die Gruft senkte, bat er Gott um Vergebung: ״Gott wollte es so . ..“ Und er sagte Kaddisch. Jetzt hatte er eine heilige Aufgabe: Für sein Kind Kaddisch zu sagen. Er sah schon mittags auf die Uhr: Noch 5 Stunden ... So ging ein Jahr dahin — in ernster Pflichterfüllung und treuer Erinnerung. Heute morgen war ihm so bang ums Herz. Ihm schien, als sollte mit dem letzten Kaddisch auch der letzte! | Zusammenhang mit dem toten, geliebten Kinde 1 schwinden.* ״Jetzt geht sie ganz zur Mutter.“ kam ihm der Gedanke, als morgens alle auseinandergingen. Nein noch einmal ... Den ganzen Tag ging er wie in einem Taumel herum, wie im Fieber: ..Ich werde Kaddisch sagen — sie bitten, dass sie die Mutter aufsuche und sie von mir grüsse . . . und dass sie mich nicht ganz vergesse .... Ich werde ״heiss“ Kaddisch sagen . . . Sein Auge erglänzte in inbrünstiger Hoffnung. Ja - das war heute morgen . . . Und nun? Die Leute gingen zur Wahl ins andere Dorf. Sein Chef war ein eifriger Agitator. Er hatte sicher seines Ver• Sprechens vergessen - jm Gewühl des Wahlkampfes . . . Und jetzt — jetzt war's zu spät ... Jäh erhob Leib sein Gesicht ... Es war dunkei rings herum; mir fahles Licht kam vom Monde her . . . Eine tiefe Bitterkeit, ein ungeheurer Schmerz nistete |n.§9ln?r ßru^ «»d quyite und marterte ihn; Jetzt ha|

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