Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 1 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seife 3 wähnen, dass die Bcri-Ben, in Japan mit Kak-ke bezeichnet, ein ausserordentlich vielgestaltiges Krankheitsbtlcl darbietet, im wesentlichen in einer pathologischen Veränderung der Haut, des Rückenmarkes und des Zirkulaticnapparates bestellt und in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zum Tode führt. Die Schlafkrankheit äussert sich, wie schon der Name andeufer, in einer nicht zu bekämpfenden Neigung zum Schlafen, die immer stärkere Dimensionen annimmt, schliesslich zur Vcr- Weigerung der Nahrung führt und in einigen Monaten mit dem Tode endet. Zu Grunde liegt ihr eine Erkrankung des Gehirns und Rückenmarkes, die höchst wahrschein־ lieh durch eine baziüäre Infektion ve־ursacht wird. Ist es mtn möglich, dass sich europäische Kolonisten diesen tropischen Verhältnissen anpassen, sich ihnen, wie der Fachausdruck lautet, akklimatisieren? Unter Kolonisten will ich hier nicht solche verstanden w issen, die. wie die Offiziere und Beamten europäischer Kolonialmachte, rur die Beherrscher des Landes sind und de־en zahlreiche Dienerschaft auch die kleinste körperliche Arbeit unnötig macht, sondern solche, die sich durch den Ackerbau selbst zu ernähren lieben. Für diese wird die Möglichkeit einer Akklimatisation an die Verhältnisse der tropischen Niederungen von fast allen Saehverständigen vollkommen ge.'eugm in der neueren *Zeit der V: :t. Sehen wiederholt ist rsueii gemacht worden, Kompanien ausgediente!־ Soldaten in den Tropen anzusiedeln: fruchtbare Landstrockcn wurden ilinu: zum Bebauen überwiesen;• aber ehe sie die Früchte ihrer Anst'engtingen gemessen kennten, waren die meisten ein Opfer des Klimas und der endemischen Krankheiten. Aegypten, das Wunderland der alten Weh, hat einst mit seiner glücklichen Lage zwischen drei grossen Kcrtinenten und mit der Fruchtbarkeit seines Bodens Jahrhunderte lang einen Hauptanziehungspunkt iiir Kolonisation abgegeben und Einwanderer ans den fernsten (legenden angelcckt. Alle diese Einwande־cr aus nördlichen (legenden ha! das Land im Verlaufe der Jahrhunderte verschlungen. Von all den gressartigen Anlagen der römischen Kolonisten sind, selbst an den gesundesten Plätzen des Landes, jetzt nur noch Rinnen .übrig; die heutige Bevölkerung Aegyptens se'zr sich aas denselben Elementen zusammen, die das Land vcr Jahrhunderten oder Jahrtausenden bevölkert haben, aus Feilahs, Kopten. Beduinen, Nubiern und Abyssmiern. Eine Ausnahme bildet der Queensland genannte nördliche Teil von Australien, der, obgleich niedrig und noch in der tropischen Zone gelegen, durch seine eigentümlichen Vegetationsverhältnisse, vor allem das Fehlen des Urwaldes, besonders günstige Verhältnisse für europäische Ansiedler bietet und in der Tat eine grosse Anzahl auf eigene Arbeit ange'.vicsener Landbauer und Viehzüchter ausgezeichnet ernährt. Aber auch bei den Kolonisten, die sich durch ihr Vermögen oder ihre .amtliche Stellung loden Knmfo״t und jede Hygiene leisten können, kommt eine eigentliche Akklimatisation in den Tropen nicht zustande. Die Sta* tistik lehr, dass in solcher. Familien die Zahl der Kinder immer kleiner, die Zahl der aufeinander felgenden Generaiiuien immer geringer wird und dass dmse Familien bald ganz auss'erbcn, wenn sie ange'viesen bleiben au! Individuen, welche im neuen Lande geboren sind, also, w ie die Spanier sagen, Kreolen sind. Der Name ״Kreole*‘ wird bei uns oft fälschlich gebraucht. In Wirklichkeit bezeichne; er die aus Einwanderer:! hervorgegangene einheimische, im Lande geborene Bevölkerung.. Oebrauchen wir also den Ausdruck Kreolen in diesem binne, so kann inan sagen, dass eine Kreeleufamilie. die sich rein erhöh, in den eigentlichen Tropen nicht über 3 (ieneratienen hinauskommt. « Ahes das. was ich im '.'erstehenden über die Scliädlichkeiten des Klimas, die Gefahren der endemischen Krankheiten und die Schwierigkeiten oder Unmöglich-•.•: keit der Akklimatisation gesagt habe, gilt nur für die Trcpemiiedorm!gen und ändert sich durchaus, sobald man die Ebene verlörst und in die Berge empcrs־cigt. .Mit wachsender Bodenerhebung wird die Luft kühler, reiner und trockener, der Unterschied in der Temperatur zwischen Tag und Nacht und zwischen •len einzelnen Jahreszeiten grösser, und vcr allem die Malaria seltener. Allerdings sind für diese günstigen Effekte andere Erhcbtmgcn notwendig, wie die unserer deutschen Mittelgebirge. die wir aufzusuchen pflegen, >m1 vor der Julim!d Augus'-Hitze Schutz zu finden. Erst Höhen von In p Jot!' in genügen der״ den zu stellenden Anicrderungen einigermassen und können von Europäern (hne besondere Gefahr für die Gesundheit bewohnt werden. Ja ich biti sogar überzeugt, dass der Aufenthalt auf sulchen Höhen in den Tropen für Lungenkranke, deren es, w ie Sie wissen, auch unter den Juden nur aüzuviele gibt, von ausserordentlichem Nufzen sein würde. Sonst günstige Ingienische Verhältnisse wie Malariafreiheit. Abwesenheit von Staub etc. vorausgesetzt, wäre das Klima sc. wie es sich nicht besser für Lungenleidende wiinsch.cn lässt, da sich in ihm die dünne und reine Luft des Hochgebirges mit der dauernden Wärme der Der letzte Kaddisch. Skizze von A. Halberthal (Berlin-Ciiarkmenburg). Leib Dawidowntz schrie laut und eindringlich zu dem etwas schwerhörigen Stephan: ..Schnell — Stephan! Hörst du — so schnell als möglich müssen sie kommen. Es ist bald Nacht.“ Stephan nickte beflissen und eilte davon. Leib schrie noch verzweifelt nach: ,,Es handelt sich um ״Minian“ . . Stephan brüllte: ״Minjan — jo׳* . zum Zeichen. dass er das Wort verstand. Leib ging wie ein Verzweifelter im grossen Schenk•• zimmer auf und ab. Es war die Schenke seines Chefs, des Propenators Isak Stcintal, die er nicht verlassen durfte — sonst ... Er stöhnte: ״Es ist bald Nacht . . . Und der letzte Kaddisch . . . für meine Tochter . . ־.“ Er raufte sich den Bart und drückte das Gesicht an eine kleine, quadratische Scheibe des Fensters. Er sah niemand in der abgelegenen, ödednngen Strasse: alles svar bei der Wahl. . Und er musste hier bleiben. Sein Chef versprach ihm. neun Leine herzuschicken, damit er Kaddisch sagen könne. ..Der letzte Kaddisch." j Leib fühlte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen. Lauer seinen huschigen Brauen drängten sie sich hervor. Er kaute an seinem Bart, gleichsam, um sie zu ״vcrfceissun“. Der letzte Kaddisch ־ •für sein letztes Kind . . .! Er rang die Hände und stöhnte iam und schwer. Bann setzte er sich auf eine harte Bank. Ihm wurde schwach ums Herz. Er verschränkte die Arme und leimte das Haup* auf den Tisch. Die Nacln;bra־ch heran und er konnte seiner Pflicht \ nicht Genüge leisten.־ Leise und leicht zeigen die Abendscharten am Fenster vorüber, wie leichte Schleier, kaum wahrnehmbar. Das Dunkel Wurde dich'«־־ - hell, dann dunkclgrau. Niemand kam. Er hoffte nicht mehr. StiLl. in sich gekehrt, zusammeugekauert sass er da. Er murmelte leise den Namen seines Kindes: Eva . . . . Und sie kam im Nebel, der Erinnerung. Er sah das