Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IX (1904)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 2 V No. i JÜDISCHE RUNDSCHAU. Organisation zu stören und zu zerstören. Unsere Taktik wird auch iin kommenden Jahre sein, mit unserni ver Kampfe für Freiheit und Judentum! Öle Redaktion. Hygienische Betrachtungen zur Ostafrikafrage. Vortrag, gehalten in der Berliner Zionistischen Vereinigung. Von Dr. Julius Katz. Das Thema, das ich mir für den heutigen Abend gewählt habe, die Ostafrikairage, steht, wie Sie wissen, seit Monaten, seit den denkwürdigen Tagen des 6. Kongresses, im :Mittelpunkt einer lefchafren Diskussion. In Verträgen und Aufsätzen haben zahlreiche hervorragende Mitglieder der zionistischen Partei zu dem Anerbieten, der englischen Regierung Stellung genommen und das Piir ur.d Wider eingehend und fast erschöpfend behaudeit. feil will cs mir daher versagen auf das Prinzipielle dieser Frage, so verlockend das auch bei diesen hoch interessanten und Jeden Jüdischen Pariotcii im Innersten bewegenden Angelegenheit wäre, einzugehen und will mich darauf beschranken, das etwas eingehender auseinanderzusetzen, was vom ürzdichen und hygienischen Standpunkt darüber zu sagen ist. Pass Arzt und flygieniker in dieser Frage ein gewichtiges Wort mitzusprechen haben, unterliegt keinem Zweifel, ist es schon vcin volkshygienischen Standpunkt durchaus nicht gleichgiltig, wenn man daran denk», grosse Massen der Bevölkerung aus Russland, Galizien und Rumänien nach dem zwar dem warmen Orient, aber doch der gemüssigten Zone angehörigen Palästina zu verpflanzen, so werden die Erwägungen der verantwortlichen Stellen um sc ernster sein müssen, wenn ein Land in Betracht gezogen wird, das, wie ein Biick auf die Karte lehrt, direkt vom Aequator durchschnitten wird, also im Herzen der tropischen Zone gelegen ist. Der Mensch ist eben kein Kosmopolit im engsten Sinne, wie manche unserer Hausnere und verschiedene Pflanzen. Die Fähigkeit, sich anderen Gegenden, als den ihm von der Natur gegebenen heimatlichen anzupassen, ist iiir ihn nicht weniger als allgemein und alle durch die Lage des neuen Wohnortes bedingten Einflüsse auf die Gesundheit werden aufs sorgfältigste geprüft werden müssen, wenn man auf eine gedeihliche Entwicklung der Kolonisten und insbesondere der späteren Generationen hoffen will. Man wird in dieser Prüfung um so sorgfähiger Vorgehen müssen, als in den jüdischen Probetariertnassen zweifellos kein sehr geeignetes Ansied־ lungselement zu erblicken ist. Ich will mit diesem Urteil keineswegs auf die zw ar oft behauptete, aber, wie mir scheint, durchaus nicht bewiesene physische Degeneration des Jüdischen Voiksstamrnes anspielen, sondern nur der Tatsache Rechnung tragen, dass wIr es mit einer durchweg städtischen und der körperlichen Arbeit mehr oder minder entwöhnten Bevölkerung zu tun haben. Die Gefahren, die in den Tropen den! europäischen Ansiedler, sei es ihm selbst oder der gedeihlichen E!1t- Wicklung der Nachkommenschaft drohen, lassen sich zwanglos in zwei Hauptgruppen einteilen, in solche, die durch das Klima an sich und solche, die durch den Tropen entw eder eigentümliche oder doch in ihnen ganz besonders verbreitete Krankheiten bedingt werden. Das tropische Klima wird im wesentlichen charakterisiert durch die!;che durchschnittliche .Wärme und die grosse Luftfeuchtigkeit, Momente, die gerade in ihrer Vereinigütig dem Europäer ganz besonders lästig sind und körperliche ‘Arbeit häufig unmöglich machen. Durch die grosse Hitze wird ein Gefühl allgemeiner Erschlaffung und körperlichen Unbehagens hervorgerufen, das, durch die in der feuchten Luft besonders reichliche Schweissbiidung noch vermehrt wird. Auch wirklich krankhafte Zustände sind nicht selten die Folgen der abnormen klimatischen Einflüsse. Die starke Schweissabsonderung bedingt eine geringere Tätigkeit der Nieren, die andauernde hohe Temperatur führt zu einer Erschlaffung der Gewebe und einer Erweiterung der kleinsten Blutgefässc. die ihrerseits wieder eine Vergrusserung des linken Herzens und eine krankhafte Veränderung der Leber häufig bedingen. Auch hartnäckige Verstopfung und hartnäckige Schlaflosigkeit sind allzuoft unerwünschte Begleiterscheinungen des Lebens in den Tropen. Unter den Trcpenkrankheiten nimmt die Malaria die erste Stelle ein. Ihre Verbreitung ist besonders unter den neu ein gewanderten Europäern eine ungeheure, aber auch die eingeborene Bevölkerung leidet schwer unter ihr und die gewaltige Kindersterblichkeit in den Tropen kommt zumeist auf das Schuldkonto dieser Krankheit. : Sie besteht bekanntlich in Fieberamäll'en. die entweder j täglich oder alle 2 oder 3 Tage zu ganz bestimmten i Stunden auf tretenriervorgerufen werden diese Fieber- Perioden durch kleinste Lebewesen, die von dem französischen Militärarzt Laveran entdeckten Malariaplasmedien, die nach den Untersuchungen italienischer Forscher und besonders Robert Kochs,!«ochst wahrscheinlich durch bestimmte Insektenarten auf den Menschen übertragen werden. Nicht rechtzeitig bekämpft, können diese Fieberanfälle höchst verderblich werden. Unter gleichzeitiger Milz- und Leber- Schwellung tritt allmählich eine starke Abmagerung und Schwäche ein, die nicht sehen zum Tode führt, und obgleich w ir in dem Chinin ein ganz ausgezeichnetes Heilmittel besitzen, sind doch die Folgezustände häufig sehr lästig und langwierig, wie denn auch der Herr über alle Bazillen, Robert Koch, die Nachwirkungen einer Malariainfektien bei seiner eigenen Gattin vergeblich zu beseitigen sucht. Nächst der Malaria sind es Darmkatarrhe und Leberlciden, von denen Europäer in den Tropen häufig befallen werden und deren verhängnisvoller Wirkung sich diese oft nur durch schleunige Flucht nach anderen Kiimaten entziehen können. Dass Cholera und Pest in den Tropen eine grössere Rolle snielen als bei uns, lieg», abgesehen von der grosse״en Nähe der Entstehungskerde dieser Krankheiten, Indien und Arabien, hauptsächlich an den ungünstigen hygienischen Verhältnissen und kann nicht eigentlich dem Klima zur Last gelegt werden. Zwei andere für die Tropen Pathologie wichtige Krankheiten, die Berf-Beri und die Schlafkrankheit der Neger, kann ich hier übergehen, weil die erste mit wenigen Ausnahmen und die zweite ganz ausschliesslieh auf die eingeborenen Rassen beschränk» bleiben. Die tendenziöse Art, mit der Herr Dr. Nossig seinen die Ostafrikafrage behandelnden und scheinbar objektiv gehaltenen Artikel im ״Tag“ geschrieben hat, geht daraus recht deutlich hervor, dass er gerade mit der in Ostafrika nur sporadisch und ausnahmslos nur unter den Negern verbreiteten Schlafkrankheit zu schrecken versucht. Des allgemeinen Interesses wegen will ich .kurz er-