Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 560 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 52 und seiner Geschichte, sie, die mehr sogar als eine gewisse patentierte Orthodoxie ״auf bestimmte Schlag- Wörter einer religiösen (oder besser unreligiösen) Partei“ die ganze Judenheit verpflichten möchten. Sie wagen es, den Konservativen vorzuwerfen, dass sie ״mit heiligem Ernst eine Fülle von minutiösen Vorschriften ans Herz legen“, zu einer Zeit, wo sie mit Ernst und Eifer alle die minutiösen Bräuche beobachten, von denen sie annehmen, dass sie beim Christbaum und «.W Weihnachtsfeier von den andersgläubigen Mitbürgern beobachtet werden. Wenn sie so gegen religiöses Zeremoniell sind — und wir jüdischen Freidenker könnten einen solchen Standpunkt wohl verstehen und würdigen —, warum feiern sie die Weihnacht, die Geburt eines fremden Religiensstifters, mit mehr Zeremoniell, als wir auf unser Chanukahfest. aus dem jene entstanden ist, jemals verwendet haben. Aber sic sind gar nicht gegen Zeremonien und Formen, sie sind nur gegen jüdische Bräuche. . Sie sind nicht gegen den Weihnachtsbaum, nur gegen! den Chanukahleuchter, nicht gegen ״Talar und Beffchen‘‘, 1 sondern nur gegen den Tallis! Und wenn sie unserer j Jugend ״den Weg weisen wollen, den sie im späteren j Lehen zu gehen liaben“, so führt dieser Weg durch die! Oranienburger- und Johamiisstrasse nach jener Dreij ialtigkeitskirche, wo die liberalen Juden liberale Christen wurden. Ihre Kinder sind zwar keine liberalen Christen geblieben, aber Christen, und zum Teil Antisemiten. Das Ist nicht zu verwundern. Wagt es doch dieser ״Liberale Verein" uns in seiner Flugschrift antisemitisch j anzumauscheln, wenn er unsere Rabbiner, soweit und; weil sie jüdisches Wissen sich aneignen, als ״Kauscher- Wächter“ (sic!) bezeichnet. Es ist aber nur natürlich, dass sie unser altes mosaisches Gesetz als ״abergläubische Bräuche“ bezeichnen, kennen sie es ja doch nur aus den Darstellungen der ״Staatsbürgerzeitung“ und den Andeutungen des ״Berliner Tageblatts.“ Und weswegen alle diese Beschimpfungen? Weil wir, die wir das Judentum kennen und lieben, wir, die wir dem Christentum grössere Achtung entgegenbringen, wenn wir ihm nicht nachniachen, wie es sich räuspert, nicht wollen, dass man aus der neuen Synagoge, die man nicht für die W-, sondern für die N- und O-Juden baut, keine jüdische Kirche macht. Wir haben genug an den ״Reformen,“ die darin bestehen, dass man unsere schönsten Gebete verballhornisiert und christelnde ״Heils* Der weise Kadi. Als das Nachmittagsgebet zu Ende war, sass der greise Abdallah, der berühmte Kadi von Jaffa, auf dem Divan, um mit den Scheichs, welche ihm halfen das Urteil zu finden, über die Weisheit der Gesetze der Propheten zu sprechen. So tat es der weise Mann immer: Wenn kein Angeklagter vor seinen Richtersitz geführt wurde, so liess er die goldene Zeit nicht ungenutzt verstreichen, sondern er schöpfte aus der Weisheit Borne, die ihm zu teil geworden, wie es seit den Tagen des Propheten Salomo, des Sohnes Davids, — über sie beide komme der Friede, — nimmer •gewesen. ״Sage mir doch Abdallah,“ hub der Scheikh ,Abdul- Bäri an, ״was soll der fromme Muslim tun, so er das Glaubensbekenntnis sprechen hört? Ist er nach dem Gesetze des Fürsten unter den Schern, des Erhabensten der Propheten, Muhammed — über ihn bete Allah und gebe ihm seinen Frieden, — verpflichtet laut, ,amin‘ zu י sagen?“ j ״Sohn des ׳Abdul-Fädi,“ erwiderte der weise Kadi, | ״wohl hast du daran getan, so zu fragen. Denn seit die | Frömmigkeit aus den Häusern der Muslitnin geschwun-! gedanken“ in die Synagoge hineinzutragen sich bemüht, wo sic keinen harmonischen Platz finden. Es handelt sich freilich nur um die Orgel in der Rykestrasse. nur um das Instrument, das den Gemeindegesang begleiten soll. Als ob in den Orgclsynagogen die Gemeinde mitsänge! Das Gegenteil ist der Fall, da die Synagogenbesiicher fast ausnahmslos das Otgelspiel als willkommene Gelegenheit anschcn. für sich alle die offiziell ausgelassenen Stellen um so eifriger naclizubeten. Und abgesehen von der Totenfeier am Joni-Kippur, wo die dem Judentum sonst Toten dort feiern, sollte man einmal die Besucher der Neuen Synagoge in der Oranienbürgerstrasse abstimmen lassen über Orgel und Reform, und die Herren vom Tiergarten würden ihr blaues Wunder erleben. Aber es handelt sich gar nicht um die Orgel. Es handelt sich uni den ganzen Marsch zum Judentum hinaus und in die protestantische Kirche hinein. Darum eben hat man alle die Weihe und den poetischen Hauch der Synagoge in einem Gebrause von Orgeltönen untergehen lassen, die zu den lebhaften jüdischen Melodien in einem Widerstreit stehen, den mir der nicht empfindet, der musikalisch taub ist. I, freilich! Der protestantische Gottesdienst in den evangelischen Kirchen mit Orgelton ynd Glockenklaiig hat seine pocsievclle Weihe, die auch den Juden ergreift, der an ihm teiliiimnit. Aber der' jüdische Orgelgottesdienst hat nicht־ mehr mit ihm gemeinsam als die Kamkatur eines stimmungsvollen Gemäldes mit dem Kunstwerk. Wie aber konnten und durften die ״Liberalen" es wagen, diesen neuen Angriff gegen das angestammte Judentum zu richten, wie konnten sie den Mut finden, die jüdische Ucberiieterung ״Gedankenlosigkeit“ und das jüdische Gesetz ״starres Formelwesen" zu nennen, wo eine sogenannte konservative Mehrheit im Gemeindehause sitzt? Der Grund dafür ist die mangelnde konservative Gesinnung unserer konservativen Vertreter. Anstatt dass sic, wie cs ihre Pflicht wäre, dafür einträten, dass auch in der Oranicnburgerstrasse und in der Linden- Strasse Gottesdienste abgehalten werden, wie sie dem jüdischen Gesetze und der mosaischen Ueberlieierung entsprächen, haben sie bisher in allen Fragen vor den Liberalen sich zurückgezogen, und ihr letztes Vorgehen in der Frage der Barmizwahfeier hat sie alle, mit einziger Ausnahme des Dr. Blumenthai, als ebenso neoioge den ist, hört man mehr der Religion fluchen, denn Gott preisen und es mit dem Worte, ,anün‘ besiegeln. Denn also hat Allah durcli Muhammad, seinen Boten, den Fürsten seiner Gesandten und den Siegelring unter den Propheten — es bete Allah über ihn und gebe ihm seinen Frieden — geredet: So du das Wort hörest von der Einheit Allahs und der Hoheit seines Gesandten, so sollst du. wenn du sitzest, dich erheben, wenn du stehest, dich verneigen zur Erde und sprechen ,amin‘. Dann aber sollst du stehend mit laut vernehmlicher Stimme die erste Sura des heiligen Koran rezitieren und nicht eher dich setzen und schweigen, als bis du zu Ende gesprochen. Aber während du das Glaubensbekenntnis hörst, sollst du stehen und schweigen. Wer anders tut, der wird nicht teilhaftig eines Sitzes in einem einzigen der sieben Himmel, und wird vom Erzengel Dschibrail, dem Wachter Uber das Bekenntnis, über dir, Höllenbrücke hinabgestürzt in das allertiefste Dschahannam. Also ihr Gläubigen, tut was euch der heilige Koran befiehlt und ihr werdet Anteil haben an der künftigen Welt der Muslimin. Es hatte aber, während noch der Scheikh ,Abdul-Bäri sprach, der Diener des Kadi, zwei Männer hereingeführt, die einen Rechtsfall vorzutragen hatten, und sie batten diese Rechtsbelehrung ebenfalls gehört. Nun aber fragte גי**#