Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 51 Seite $51. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Herzens immer das Umgekehrte zu tun und auf diese Stelle . des Berichtes hinzuweisen. Man wirft uns vor, wir wollen | die allgemeine Bildung aus den Schulen entfernen und nur i jüdische Lehrfächer eintiilireu. Ich protestiere mit aller Energie dagegen. Die Nationalisierung der Schulen bestellt in Gleich־ Stellung und nicht in Voransetzung der jüdischen Lehrfächer, j Der Vorstand schreibt in seinem Rechenschaftsberichte, er; habe ״sich Mühe gegeben“ zu erforschen, worin die Nationali* , sicrung der Schulen bestände, und habe gefunden, dass dieses 1 d'c Einführung der hebräischen Sprache sei. Was die Polen-; knaben in Posen ausgezeichnet wussten, hat der Vorstand, j nachdem er ״sich Mühe gegeben“ hat, auch herausbekommen. . Nur scheint dem Vorstände eine sehr .reiche Phaiüasie innezu- , wohnen, denn er fand auch, dass wir die hebräische Sprache , als Unterrichtssprache für alle Fächer cinführcn wollen, dass J wir Feinde der allgemeinen Lehrfächer und Dunkelmänner seien, j Solche Worte können, gelinde gesagt, einen Schatten auf den j Gegner \vprfen und den mit der Sache unbekannten Leser irre- ( führen. Ich schlage folgende Resolution vor: ,.Die Oeneralvcrj Sammlung erklärt sich einverstanden mit den Worten, aber nicht mit Taten des Vorstandes und spricht den Wunsch aus, der Vorstand möge künftighin die jüdischen Lehriächer in die-! seihe Reihe mit den allgemeinen stellen.“ Dem Vorstand-•; werden sie augenscheinlich dadurch ein grosses Vergnügen bereiten. Urs .,Dunkelmännern“ wird die Annahme und Ausführung der Resolution vollständig genügen.“ Darauf bekam Herr Lifschitz das Wort, um uns Dunkel- . maimssucht und Klerikalismus vorzuwcricti und den Vorschlag zu machen, wir mögen aus der ״Gesellschaft“ ausseheiueii und : eine eigene gründen. ן Vorstandsmitglied Herr Saker erklärte, der Vorstand habe alles getan, um die jüdischen Unterrichtsgegenstände einzufuhren (?), aber es sei ihm niemand zu Hülfe gekommen. (?) j Es sprachen noch von seiten der Zionisten Dr. Raimist, j Dizenhof, Dr. Landesmann und Ravnitzkj־, worauf Vorstandsj mitglied Herr Margulis das Schlusswort crgriii, um die sehr : richtige Bemerkung zu machen, dass nicht in der Annahme, sondern in der Ausführung des Programms die Sache steck.-. Der jetzige Vorstand werde die Ausführung eines jüdisch-! nationalen Programms nicht in die Hand nehmen. i Wie gut wir uns dieses letzte Wort gemerkt hatten, he-; wiesen wir bald darauf mit dein Stimmzettel in der Hand. Laut Statuten scheiden alljährlich 3 (von 1?) Vorstandsinitgüeder aus. In diesem Jahre mussten ■I Herren gewählt werde:!, da Herr Dr. Gold durch seinen Tod ausschied. Die Kandidaten der jüdisch-nationalen Partei: Dr. Sapir, M. L. Lilienblum, R a b i 11 o w i t s c 11 (Ben-Ami) und Ginsberg (Achad-Haam) gingen in geheimer Wahl mit grosser, Stimmenmehrheit durch. Der Vorsitzende erklärte aber die geheime Wahl für ungiUig und teilte mit, es müsse eine offen c. Wahl mit Bällen stattfindeii. Wir wollten sofort in diese eintreten, aber der Vorsitzende schloss trotz der Proteste der Versammlung eigenmächtig die Sitzung und erklärte, dass die ״richtigen“ (sic!) Mahlen am nächsten Sonntag stattfinden werden. Auf unsere Proteste erwiderte der Vorstand, dass wir uns ja beim Stadtgouveriiciiient darüber beschweren könnten. Natürlich befolgten wir diesen Rat nicht, obwohl das Recht ganz auf unserer Seite war, aber wir benutzten die ״Odesski Novosti“ dazu, uni die öffentliche Meinung als Richterin au־, zurufeu. Im Laufe der Woche entwickelten die Herren aus dem . Vorstände mit ihren Helfershelfern eine iicberhafte Tätigkeit. Ihre Eigenliebe war beleidig!, ihre Kandidaten schmählich vor der Versammlung durchgefallen. Jetzt galt es nicht mehr das Prinzip zu retten, sondern die gekränkte Eigenliebe zu befriedigen. Noch nie hatten die Kutscher der Vorstandsherren soviel zu tun wie in dieser Woche. Von Mitglied zu Mitglied fuhr man selbst, um persönlich zu ersuchen, zur Wahl zu erscheinen. Wo die Herren oder ihre Helfershelfer nicht selbst erscheinen konnten, schrieben sie Briefe . lit den! Ersuchen die Wahlstunden ja nicht zu versäumen. Am Sonntag, dein 2. November (16.) fanden nun die Waltlen statt. Die Besitzer der grossen Bank- und Handelshäuser, die nie zuvor eine solche Versammlung besucht hatten, kamen mit ihren sämtlichen Angestellten. Galt es doch den Freunden im Vorstände einen Gefallen zu erweisen. An der Eingangstür wurden seitens des Vorstandes Einlasskarten zugleich mit einer Kandidatenliste verteilt. Bei den Urnen standen die Herren aus dem Vorstande selbst, was zur Folge hatte, dass gar maneher den weissen Ball nicht dort warf, wo er wollte. Uebrigens wurde noch zu Protokoll gegeben, dass die Vorstandsherren beim Verteilen der Bälle aul die Urnen hinwiesen, In die man die weissen Bälle werfen solle. Und trotz dieses ungeheuren Krau- und Geldaufwandes, trotz der zahl- und schamlosen Ungesetzlichkeiten und trotz der Ausübung eines solchen Hochdruckes, gingen doch nur zwei Kandidaten des Vorstandes durch. Als dritter wurde ein Chanukah. Von D r. J. Nacht (Focsani). Was sind diese Lichtlein, die in Haus und Synagoge leuchten? Was bedeutet sie. diese Flanunenspraehe, die j in immer zunehmender Stärke zu uns spricht? Eine ] Familiengeschichte. Von einer jüdischen Mutter erzählen sie, diese Feuerzungen von einer jüdischen Mutter. Eine Heldin war sie, diese Mutter, eine jüdische Heldin. Und von den Kindern ki'mden sie. diese Fiammcnzcichcit. von den sieben Kindern dieser grossen Mutter. Tapier waren sie alle, Mutter und Jünglinge. Denn sic hatten Mut, jüdischen Mut. Und Liebe hatten sie, Liebe zu ihrem Gotte, Liebe zu ihrer Tora, Liebe zu ihrem Volke. Denn sie hatten Herz, jüdisches Herz. Und diesen Mut und diese Liebe, die tapfere Familie, sic legte sie an den Tag zu einer Zeit, wo äusserer und innerer Feind an der Arbeit waren, dem indischen Volke das Grab zu schaufeln. Uni die Zeit des Antioehus war es. Der Grausame. Kr wollte alles vernichten, Juden und Judentum. Lahmgelegt sollte sie werden die jüdische Kraft. Das jüdische Volk sollte seine höheren Lehenstriebe gewaltsam niederhalten und unterdrücken. In den Frohudicnst fremder Denkungsart sollte es treten, um Sklavenarbeit zu verrichten, geistige Sklavenarbeit. Es | sollte sich verleugnen, verleugnen sollte es seine grosse Siiiaimission, verleugnen seinen Gott, verleugnen seine grosse sittliche Weltanschauung, verleugnen sein Volkstum. Und auilösen sollte sich das jüdische Volk, auflösen in das dahinsiechende Hellenemuni, in griechischer Wollast und Sittenlosigkeit.!Jen Zeus sollten sic anbeten. Vor ihm sich neigen, vor ihm sich beugen, vor ihm knieen. Bücken sollten sic sich... Und diese grausamen Befehle sie fanden auch Gehör. Dem äusseren Feinde gesellte sicli der innere. Die ,Griechlingc. die Assimilanten. Schon lange übten sie, diese Feigen, schmählichen Verrat an ihrem grossen Volke. Der hellenisehe Geist, der mit Alexander dem Grossen seinen Einzug in Asien hielt, er ward zur Mode in Israel. In der ״besseren Gesellschaft“ findet er reichlichen Nährboden. So die Tobianische Gemeinde, die Reichsten und Vornehmsten zu Jerusalem, die sich vc tu Volke ab-, und den hellenistischen Bestrebungen zuwandten. Den Reichen folgte auch die Masse, die kleinen Seelen mit ihrer privaten Denkfaulheit und bornierten Berufung auf die öft'entliehe Meinung. Und die öffentliclie Meiming war griechiscli. Es wird griechisch gesprochen, griechisch gelehrt, griechisch geschwelgt, griechisch gelebt... Und solch kleine Seelen waren auch manche Priester in Israel, die mit ihrem Beruf handelten, und ihr Volkstum ver-