Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 550. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 51. Wollen wir es etwa den altorthodoxen Juden über, lassen, diese Güter zu verteidigen? Werden die Vereine zur Verbreitung der Aufklärung*״) ihnen nicht auch zu Hilfe kommen? Mit welchem Recht verurteilen wir also diese ehrlichen Träger der überlieferten Vorschriften? Wir beschuldigen sie, das Licht zu scheuen und sie dagegen trauern um uns, die wir vom Licht der Aufklärung verblendet seien. Nicht Aufklärung ist es, wenn der Mensch zum Tier herabsinkt und seine Ideale Instinkten weichen, wenn sein Oehirn verödet und das himmlische Feuer in ihm erlischt (das Schwinden der Ideale ist der Ausdruck einer zusammenschrumpfenden Geistestätigkeit), nicht Aufklärung ist es, wenn das Judentum aus dem Herzen verdrängt wird und das Gefühl der Gerechtigkeit erlischt, wenn nationale und sogar Familienbande zerrissen werden und die Moral sinkt! Aus einer solchen Aufklärung entsteht unserem Volke in der ersten Generation Assimilation, in der zweiten Verrat und in der dritten tödliche Feindschaft. So kommt eurem Volke denn zu Hilfe, ihr Wohltäter unter den Juden! Gebt ihm in dieser schweren Zeit, deren Ende nicht abzusehen ist, die Früchte der Aufklärung zu kosten, aber behütet es zugleich vor den tätlichen Stichen ihrer giftigen Stachel und vergesst vor allen Dingen nicht dass der Jude Licht und Wahrheit braucht — Wahrheit, noch mehr als Licht! Die richtige Erziehung der jüdischen Jugend kann nur mit Hilfe und durch das Beispiel einer gesinnungstüchtigen Familie, durch die Leitung einer erhabenen Mutter erreicht werden, und darum rate ich, vor allen Dingen als erste Bedingung zur Erreichung dieses Zieles jüdische Schulen für das weibliche Geschlecht einzurichten, zur Bildung und Erziehung der jüdischen Mädchen, unserer künftigen Mütter, , im biblischen Sinne. Die Frau ist am meisten dem verderblichen Einfluss unserer Zeit ausgesetzt; ihre Sittlichkeit und Moral verdampfen leicht in der ungesunden Atmosphäre unseres Jahrhunderts, ihre Ideale unterliegen bald im Kampfe mit den zeitgemüssen Anforderungen an Luxus und Mode; sie gleicht darin der Blume, welche in erstickender Umgebung ihren zarten Duft einbüsst. Die jüdische Frau sinkt tief herab, sie verliert ihre Eigenart, welche einstmals die Bewunderung und das Entzücken aller Menschen ausmachte. Die Initiative zum ״Religionswechsel״ ihrer Kinder und deren Loslösen von ihrem Volke ist in den meisten Fällen der jüdischen Frau zuzuschreiben. Torahschulen für die jüdischen Mädchen einzurichten, womöglich das entzückende und von allen geachtete Vorbild der biblischen Frau herzustellen, an Geist erhaben, an Tugend reich; seinem Volke achtbare Mütter zu geben, welche ihre Kinder auf den Weg der Wahrheit zurückführen und die Fahne des Judentums hoch halten zur Ehre Israels und im Namen der Gerechtigkeit, — das ist die grosse Aufgabe würdig grosser Männer. Dr. M. Tschernichoff (Odessa). •*) Es wird hier gemeint hauptsächlich die Odessaer Abteilung der Gesellschaft für Aufklärung der Juden in Russland, mit der wir einen harten Kampf eingegangen sind, der mit diesem Aufruf begonnen hat und nach ungefahr fünf Jahren uns noch zu keinem Resultat gebracht hat. Vgl. Benjamins Artikel in voriger und dieser Nummer der ״Rundschau“. (Red.) Das NationalisierungsUoniitee und die Gesellschaft zur Aufklärung der Juden in Russland. (Brief aus Odessa). (Schluss.) Laut Statuten müssen In der ״Gesellschaft“ viermal jährlieh Generalversammlungen stattiinden. Aus Furcht aber vor den ״bösen“ Zionisten fanden seit dem 15. Mai 1902 gar keine Versammlungen mehr statt. Plötzlich erschien vor einigen Wochen der gedruckte Rechenschaftsbericht f 11 r 1901 mit der Einladung zur Generalversammlung, die auf den 26. Oktober (8. November) festgesetzt wurde. Eine für die Zionisten unpassendere Zeit konnte auch wirklich nicht gefunden werden, denn wir stellen dicht vor den Rabbinerwahlen, die das ״N’ationaiisierungskomitee“ und die zionistische Organisation voll und ganz in Ansprucli nehme!!. Aber auch diesmal hatte ״der Vorstand“ die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Wenn bis jetzt zu den Generalversammlungen (mit Ausnähme natürlich der vom 15. Mai 1902) ca. 25 Personen erschieneu waren, die den Rechenschaftsbericht nicht gelesen oder nicht verstanden hatten, so war diesmal der ziemlich grosse Saal der :,Bcsseda" noch lange vor 8 Uhr, mit seinen samtliehen Nebensaku und Gängen, bis auf den letzten Platz besetzt, tiotzdcm Nichtmitgliedcr unter keinen Umständen ׳/.!!gelassen wurden. Nach der üblichen Begriissung und ue-m Feiern des Andenkeus der Toten vom letzten Jahre seitens des Vorsitzenden erhielt das Wort der Vorsitzende der Revisionskommission, (die aus Mitgliedern des Nationalkomitces besteht), l)r. Hirnmelfarb, um ungefähr folgendes auszuiulireu: ״Der Vorstand drückt in seinem Berichte unsern Bericht mit einer Widerlegung seinerseits ab. Polemisieren konnte de: Vorstand mit uns hier, sonst hätte er den Revisoren die Möglichkcit geben müssen, ihm wiederum im Rechenschaftsberichte zu antworten. Die Revisionskommission konnte natürlich im Jahre 1902 und 03 unmöglich die regelrechte Tätigkeit des ‘Vorstands Im Jahre 1901 kontroliercu und musste sich mit blossen papierenen Dokumenten begnügen. In derselben Lage wird sich die nächste, am Ende des Jahre 191*3 gewählte, Re- Visionskommission befinden, die dann die blossen Zahlen von 1902' und nicht die Taten kontrolicrea wird. Der Vorstand Hess uns an die Kontrole der Schulkcnnnüssion nicht herantreten. Wir wollten gemeinsame Sitzungen mit der Schul- Kommission veranstalten, um auf dem Laufenden zu sein. Der Vizcprüses der ״Gesellschaft“, Dr. Gold, teilte uns aber mit, dass der Vorstand ihm verboten habe, uns irgend welche Mitteilungen zu machen; iolglich müsse er unseren'Sitzungen ieru bleiben. Gleich anderen Mitgliedern mussten wir, die Revisoren, venu wir etwas erfahren wollten, uns in den ge- \vö 11 n 1 iche 11 Empfa ngsstund cn an das Sekretariat wenden. Und nun wirft der Vorstand in seinem Rechenschaftsberichte uns vor, wir hätten kein Glieder und keine Schule bcsucht, obwohl Herr D i z e 11 h o i für uns dies sehr wohl getan bat. Durch Fragebogen klärten wir den Stand der Chedarim aui und setzten uns mit der ״Cliederkommission“ der ״Gesellsehait“ in Verbindung, um dort Ordnung zu schaiien• Der Vorstand begann uns eitrig ׳zu unterstützen. Kaum erfuhr et aber, dass der Minister cs verbiete, Russisch und Arithmetik itn Chedcr einzuführen, als er erklärte, nichts für das verkomntene Glieder tun zu können. Der Vorstand und seine K<*1״- missionen taten gar nichts; und als wir die Gltedarim in Ordnung bringen wollten, so hinderte mau uns daran, v eil Russisch und Arithmetik nicht unterrichtet werden dürfen." Als Zweiter sprach Herr Ginsberg: ״Wir verhandeln liier nicht über laufende Geschäfte,“ sagte er, ״sondern über liistorisches Material. Der Vorstand durfte nicht, weil es ihm bequemer ist, in seinem Rechenschaftsberichte sagen, er stände gleichfalls auf jüdisch-nationalem Standpunkte, um ruhigen