Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Kislew 5684. VHI. Jahrgang. Die Notwendigkeit einer jüdischen Erziehung unserer Jugend. Es ist kein grosses Unglück zu nennen, wenn ein kleiner Teil unserer Glaubens- und Stammesgenossen seiner Fahne untreu wird und sich von seiner Religion und Nationalität lossagt, nur ist diese Erscheinung insofern beklagenswert, als sie einerseits den Verfall des nationalen Gefühles unter den Juden beweist und andererseits die ohnehin bereits grosse Zahl der Feinde unseres bedrückten Volkes in der Zukunft zu vermehren droht. Und noch ein Umstand ist es, welcher dieser Erscheinung eine besondere Bedeutung verleiht und jeden, dem das Schicksal unserer Nation am Herzen liegt, zu ernstem Nachdenken auffordert — ich meine den Umstand, dass die Abtrünnigen und Verräter meistenteils und fast ausschliesslich den intelligenten Klassen angeboren, welche ihre Bildung, die höhere auf Universitäten, die geringere in Elementar- und Mittelschulen, erlangt haben. Die Tatsache, dass die höher Gebildeten leichter ihre ״Religion wechseln“ und ihrem Volke untreu werden, als die, welche eine geringere Bildung genossen haben, ist geeignet, Misstrauen einzuflössen gegen die Bildung im allgemeinen und gegen die höhere insbesondere. Um diesem Schaden entgegenzuarbeiten, muss das moralische Niveau der lernenden jüdischen Jugend gehoben, die Liebe zu ihrem Volke und dessen herrlicher Geschichte geweckt, das Eindringen in die Grösse ihrer Kultur und in die Erhabenheit ihrer Poesie gefördert werden — mit einem Worte, die allgemeine Bildung muss Hand in Hand gehen mit dem Studium rein jüdischer Fächer auf fester, im wahren Sinne aufklärender Grundlage: in der jetzigen, für dte Juden so schweren Zeit der Ausweisungen, Verfolgungen und Beleidigungen aller Art, wo auf unser Haupt von allen Selten Verwünschungen und Gehässigkeiten geschleudert werden, in einer für uns so traurigen Zeit muss der jüdische Jüngling sein Haupt stolz erheben können, gestützt auf die Leidensgeschichte seines Volkes und auf die erhabene Moral seiner grossen Lehrer. Mit dieser Stütze wird es ihm zugleich picht schwer fallen, dem Andringen der auflösenden Elemente, an welchen unsere Zeit re;ch ist, zu widerstehen — jener Elemente, welche den Wanderer auf dem Wege des Lebens verlocken und in ihre zerstörenden Fluten hineinzuziehen bemüht sind, jener Elemente, welche den Menschen von der Hölie seiner Ideale auf das Niveau des mit den niedrigsten Instinkten ausgestatteten Tieres herabwürdigen. ן Und Ideale muss der Jude haben, mehr als irgend ein | anderer. Sie sind ihm die labende Oase auf dem müh- | seligen Wege seiner Pilgerschaft; in Sturm, Unwetter und I Gefahr dienen sie ihm zum Schutz und er birgt sich unter ihr reuendes Dach; was können ihm alsdann Spott und Beleidigungen der rohen Massen anhaben? Verachtung ist j seine Antwort darauf! Auf seiner Fahne steht ja das Wort j geschrieben: ״Gerechtigkeit“ und er wappnet sich mit Mut und Kraft; auf diesem Worte beruht seine Energie, in diesem Worte liegt seine Lebensfähigkeit. Wenn aber die tierischen Instinkte bei ihm die Oberhand gewinnen und seine Ideale verdrängen, wenn bei dem Jagen nach irdischem Glück das Gefühl für Gerechtigkeit in ihm erstickt wird (er bleibt also Sans foi, ni loi), dann entsinkt die Fahne seinen Händen; er verrät sein Volk und verleugnet seinen Stamm. Die Zeit, in der wir leben, ist die Zeit des Verfalles aller Ideale, die Instinkte erwachen, die Menschheit verwildert, und die Juden zahlen dieser Zeit reichen Tribut: sie gehen mit der Menge, verwildern und werfen ihre Fahnen weg. Zu unserer Schande müssen wir es gestehen, dass, wie schon oben gesagt wurde, die sogenannte höhere Intelligenz (Leute mit Universitätsbildung) hierbei den Ton angiebt und die weniger Gebildeten dieses Werk künftigen Generationen überlassen. Und das soll unsere Aufklärung sein? Es graut uns vor der Zukunft? Solche Erscheinungen tauchten übrigens schon früher von Zeit zu Zeit in der Geschichte des Judentums auf, und jedesmal fanden sich dann unter den Juden begeisterte, ihrem Volke treu ergebene Männer, welche mit Selbstverleugnung weder Kräfte noch Mittel scheuten, um die gesunkene Moral zu heben und das moralische und jüdische Gefünl unter den Juden zu pflegen. So kommt denn auch jetzt, ihr ehrlichen Leute, kommt zu Hilfe Eurem Volk, welches, je. mehr die Zivilisation fortschreitet, moralisch desto tiefer sinkt und mehr und mehr seine stammestiimlichen und moralischen Güter verliert. k I i m י^״/וי" י,™•‘■ tsmtpm