Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No- »• _JÜDISCHE RUNDSCHAU.___Seite 5431 des gestern cinvernommencn Bürgermeisters Schmidt, hatte als Primarius im Krankenhause 62 meist schwerverwundete Juden in Behandlung. Er deponiert, was mit Rücksicht auf die Begründung der Exzesse als sehr wichtig erscheint, dass gerade in der letzten Zeit sich Juden vielfach durch schwere Körperliehe Arbeit fortgebracht hätten. Wenn einzelne Juden durch den Handel reich geworden seien, so könne man dasselbe von den Armeniern, Griechen und Bulgaren behaupten, Rcgimciitsarzt Dr. Miller überzeugte sien persönlich von vielen Misshandlungen und Plünderungen, an die er vorher nicht geglaubt hat4:. Altes sei unter den Augen der Polizei geschehen. Er habe vergeblich den Gouverneur um Schutz für die Juden gebeten. Polizeiinspektor Witkowski deponiert, er habe 14 Tage vor dem Ausbruche der Exzesse ein geheimes an die Schankwirte gerichtetes Zirkular in die Hände bekommen, in welchem diese aufgefordert werden, dhrc Gäste zur Teilnahme an der Aktion gegen die Juden zu animieren. Er habe dies seinem Vorgesetzten Polizcibcamtcn gemeldet, dieser habe Jedoch das Schreiben ignoriert. Dann habe er Weisungen vom Gendarmcricobcrstcn verlangt. Dieser erwiderte: Wir können den Juden nicht helfen, sic müssen sich selbst hclicn. Rechtsanwalt Konigschntz beobachtete, wie die aufgestcllteil Trupneu den vorüherzieiicnden Plünderern den Weg freigaben. Die Polizei sei ganz untätig geblieben. Der Primarius des Judenspitales bestätigt aus eigener Be* obaebtung die an den verwundeten Juden verübten Grausam- keiteii. Rabbiner httinger bestätigt, dass!Tauen und Mädchen, w c1־’״* von den Plünderern roh vergewaltigt worden seien, sich zu ihm geflüchtet hatten. Er habe darüber Protokolle auige* nominen. Auf die!Tage an den Kultusvorstelier. ob der frühere Bürgermeister Schmidt nicht aus einer Judensamilie stamme, antwortete dieser mit einem entschiedenen Kein. Kisch in ew, 23. November. Die heutige Verhandlung bat einen der Hauptleiter der Atischreiümgen aus dem Dunkel, in das er sielt bis jetzt Iinllte, liervorgeho!:. Der״ Vorsteher des dritten Poüzeibezirks Luzinski haue gleichfalls Kenntnis von dem an die Schankwirte gerichteten Rundschreiben eriuilten und dem Geiiuarmerieobersten Kcntnlx davon gegeben. der aber nicht darauf reagierte Zeuge!nacht ferner d e Mitteilung, dass der in Kischinew selir bekannte antisemitische Agitator Pronin, einer der Hauptleiter der Auschrcitungcn. ihm als Verfasser des in Kisch-ncw vielbet breiteten Hetzpampltlcts ..Wer ist der .Schuldige?“ bezeichnet wird. In diesem wird alle Schuld aii den Unruhen den Juden zugeschoben und die Beeinflussung des Gcrichsihofes und der Geschworenen zu gunsten des Angeklagten versucht. Gestern hatten die Vertreter der geschädigten Juden verlangt, dass dieses Pamphlet den Akten als Beweisstück für systematische Aufreizung der Menge ausgeschlossen werde. Der Gerichtshof hatte das mit der Begründung abgelebt!(, dass die Flugschrift anonym sei. Da heute der Zeuge Luzinski erklärte. Pronin habe ihm im Theater das Konzept des Pamphlets gezeigt, sich hierbei als dessen Veriasser bekannt und ihn ersucht, an dessen Verbreitung mitzuwirken, erhob sich der Staatsanwalt, zog ei.1 Exemplar des Flugblattes aus der Rocktasche und bat, da nun Verfasser bekannt sei, dasselbe den Akten beizuschliesseti. Der Gerichtshof beschloss in diesem Sinne. Die Vertreter der geschädigten Juden erklären, es sei ihnen bekannt, dass Pronin <rn Gefängnis ein- und ausgegangen sei, und sie hätten Grund zu vermuten, der Zweck dieser Besuche sei gewesen, die in der Untersuchungshaft Befindlichen von der. Ablegung eines Gestäudnisscs abz.uhalten. Sic beantragen die Vorladung des Gefängnlsdirektors als Zeugen. Der Gerichtshof gibt diesem Antrag statt. Der frühere Gouverneur Urussow gibt gegenüber dem Zeugen Polizeichef Kozlowsky zu, dass ihm der Ausbruch der Ausbreitungen schon lange vor Ostern bekannt gewesen 'sei. A|s der Gouverneur um militärischen Beistand angegangen wurdp, sagte er in Gegenwart des Zeugen: ״Ja, wer konnte denn ahnen, dass die Unruhen solchen Umfang annehmen werden.“ K i s c h i n c \v . 24. November. Die heute vernommenen neun Zeugen, darunter vier von militärischem Rang, gehen 7«, dass bei den Alischreitungeu Juden nirgends Angreifer waren, sondern.,dem Überfall gänzlich wehrlos gegenüberstanden. Im Vordergrund der heutigen .Verhandlung stand die trage furchtbarer Verstümmelung und barbarischer Besudelung der Leichen. Der Publizist Ascheschow, der nach den Ausschreitungen drei Monate in Kiscliinew weilte, um die Stimmung aller Bevölkcrungskreise zu studieren, bestätigt auf Grund vielseitig gepflogencr Erhebungen, dass die Polizei lange vor Ostern Kenntnis der kommenden Ereignisse gehabt, aber grundsätzlich nichts zum Schutze der Juden getan habe, ferner, dass der Agitator Pronin vor Ostern eine Proklamation ״Ein Wort an meine christlichen Brüder“ veröffentlichte, in dem er die Christen gegen die Juden aufhetzte. Der Chef der Klosterdomänenverwaltung in Bcssarabien Gurjew ist während der Ausschreitungen selbst durch die Strassen gegangen und forderte die Polizisten auf, den Juden zu helfen, aber ohne Erfolg. Nach langen Bemühungen gelang es ihm, den Adelsmarschall von Bessarabicn Krupski zu bewegen, dass er sich zum Gouverneur begebe, um dessen Vermittlung anzurufen, aber ohne Erfolg. Der Zeuge, der seit 50 Jahren in Bcssarabien lebt, sagt: ״Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, dass mir nichts bekannt ist, dass den Juden etwas besonderes zur Last gelegt werden könne. Gesetzes- Übertretungen kommen bei ihnen entschieden seltener vor, als bei den Armeniern, Griechen und Bulgaren, und ihre Reichtümcr sind zumeist auf besondere Sparsamkeit und ausgesprochenen Familiensinn zurückzufiihrcn. 21־. November. Im K'schiiicwcr Prozess sagte der Bürgertucister von Kischinew. Schmidt, weiter aus, es hätten ihm Weiber, die im Rathaus arbeiteten, gesagt, gewisse Leute 1ח*>׳1יי!ן üoriim mul orK|11ulieO-.j1 *irli ülior ifd!*s Hans, ob darin Juden oder Christen wohnten. I n der Tat \vu־ie in den Häusern der Christen bei den Exzessen nicht ein »;iu/.iges Fenster eingeschlagen. Von Kruschewan sagte Schmidt, er habe oft das abgedruckt, was ihm der Zensor verboten, und er sei nie bestraft worden. Der nächste Zeuge General Bcckman konnte keine Antwort geben, als man ihn!ragte, warum er 1n;t seinen 5006 Mann in der Garnison nicht die Polizei unterstützte, um die Ruhe her/tistellcn. Der dritte Zeuge Jagin. ein Korrespondent der ״Odesski Nowosti“, sagte, die Angeklagten seien nur verführte!.eine, uie nicht wussten, was sie taten, den Urheber müsse man anderswo suchen. Er wurde unterbrochen und angewiesen, hier niemand zu sprechen, der nicht argeklagt sei. Der Verteidiger der Beschuldigter.. protesiTrte gegen diese Einschränkung und sagte, den Urheber müsse der Prozess entdecken. Rechtsanwalt Karabtschkoki schlicsst sieb dem Protest an und weist einen Bescheid des Petersburge Senats vor. wonach die Anklage auch auf diejenigen erstreckt werden soll, die. durch der. Prozess Komprtv!m׳Iert erscheinen, auch wenn die Voruntersuchung sie nicht tru׳i. Der Gerichtshof ':v.;•. de:! S£.!;tK.L.Lci:.!d. indes anders aus und beialt! dem Zeugen Jagin, keinen Nansen ausser denen der Angcki־v.׳fen >־u nennen. Jagin sagt dann, die Mädchen in der Schule hätten den Jtt£cn!:ind&7n vorgeworien, sie hätten Chrisivnblut von ermnrdefen Knaben getrunken, und die Direktion einer?r.i־״.־e > Schale gab zu. cs sei möglich, dass die Juden Ritualmorde begehen. Kischinew, 26. November. Meute wurde die Vcrucltnuing Pronins fortgesetzt. Er hatte gestern zum Schluss der Verhandlung erklärt, es hätte vor Ostern in Kisebmew eine Versammlung von Juden aus allen Ländern statt׳.׳eiiinden, die in Gehcimäntel eingehullt. In der Synagoge hesc!.l.»s‘c:1 haften, eine Empörung zu veranstalten. Diese hätte zu Ansschreiümgen gegen die Christen geführt, die sich ihrerseits vcrtcldigten. Vors.: ״Woher wissen Sie das?“ Zeuge: ״Ein Jude hat es mir verraten, sein Name darf nicht genannt werdet!, da er die Rache seiner Glaubensgenossen fürchtet.“ Vorsitzender: ..Wenn Juden Ausschreitungen begangen haben, müssen sie auch die Wohnungen von Christen zerstört haben. Wissen Sie davon?“ Zeuge: Ich habe das Verzeichnis solcher Wohnungcit in meinen! Notizbuch, morgen könnte ich dasselbe vorlegen.“ Als Zeuge heute nach diesem Notizbuch gefragt wurde, erklärte er. er hätte es nicht finden können: wahrscheinlich sei es von einem Dienstboten gestohlen worden, der inzwischen zu einem Juden in Dienst gegangen sei. Zeuge kommt sodann auf seine Reise zum Priester Johann von Kronstadt zu sprechen: er hätte cs nicht länger ertragen, dass die Juden In den Zeitungcu über die Christen schimpfen. Vors.: ״ln welchen Zeitungen? ln russischen konnte dies nicht der Fall sein.“ Zeuge: ״Ja, in ausländischen." Als der Verteidiger der Juden fragt: ״Ist denn der Zeuge einer fremden Sprache mächtig." sagt dieser: ״Nein, ich lasse mir das Wichtigste übersetzen.“ (Gelächter.) Der Staatsanwalt mahnt den Zeugen zur Vorsicht in seinen Aussagen, Bis heute sind von 566 Zeugen 27 vernommen. (Fortsetzung folgt.) der Bewegung. tm Die Mitglieder der Berliner Zionistischen Verciufgmig werden darauf aufmerksam gemacht, dass die Einziehung der Mitgiiederbeiträgc für das I. Quartal 1904 in der zweiten Hälfte des Dezember stattfindet und yy■#»* .»־־ו"'•■־, י 1 :•im