Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1903-12-11 · Heft 50 (11.12.1903) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 50 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2651289-2651338--00893-2657709
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 542. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 50. aus den ärgsten Widerlegungen emportaucbt, beginnt die Betrachtung des Prozesses mit dem Zitat: ״Die Wahrheit ist auf dem Marsche“. Das ist kein Optimismus mehr, das ist sträfliehe Stimmungsmacherei. Nein, Ihr armen Juden! Ihr wisst und müsst wissen, was Ihr zu erwarten habt, wollt Ihr im Emst noch eine neue Enttäuschung erleben? Was kann der Prozess bringen? Wenn die rassische Regierung brutal sein will, so kann sie hier 20, 30, ja sogar 50 Ihrer gebrauchten Werkzeuge einfach preisgeben. Was tut’s für sic, wenn ein paar armselige Hetzer, einige Zeitungsschreiber, der oder iencr Verwaltungsknecht nach Sibirien wandern oder im Kerker verschmachten? Dann ist Russland in den Augen der ״öffentlichen Meinung“ j gerechtfertigt, es ist ,ein Staat, in dem Recht und Gesetz herrsehen, die Jüdische Presse wird frohlocken und das Ende der Judennot prophezeien. So billig kann die rassische Regierung aife Schreier zum Schweigen bringen — und dann in ihrem Henkeramt forlfahrcn. Aber so weit, meinen wir, wird sic gar 1 nicht gehen. Geschähe alles nach l ug und Recht, dann stände auf Mord der Tod, auf die Anstiftung zum Morde langjährige | Kerkerstrafe. Warten wir also ab, wieviele der Exzedenten zum Tode verurteilt, wieviele höhere Beamte der Lokalverwaltung ins Gefängnis gesperrt werden werden. Wieviele, meint Ihr, werden es sein? Vom Prozesse selbst bringen wir zunächst den zweiten Teil der Anklageschrift. Die Untersuchung hat festgestcilt. dass gegen 9 Uhr in der Oortiimajastrasse. gegen 10 Uhr an der Ecke der Gcorgijewer- und Jakowlewcrstrasse und zur Mittagszeit in der Minkower« j Strasse Christen von Juden überfallen (?) wurden, wobei die 1 letzteren nicht nur mit Knüppeln, Stöcken und Feuerwaffen, j sondern auch mit!־'laschen voll Schwefelsäure versehen waren, j die sic gegen die vorübergehenden Christen schleuderten. Die Gerüchte von den an Christen von Juden begangenen Gewalttaten begannen sofort in der Stadt z!1 zirkulieren. Diese Gerächte: nahmen immer grössere Dimensionen an und reizten die christliche Bevölkerung noch mehr. Die Tatsache, dass ein Christ von den Juden misshandelt w urde, bekam in den Gcrächten die Form eines an einem Christen begangenen Mordes. Dabei fanden sich genug Leute, die all dies gesellen haben wollten. Es zirkulierte zum Beispiel das Gerücht, dass ein jüdischer Arzt seine christliche Dicnsimagd zu einem jüdischen Metzger geschickt hätte, der ihr mit einem Messer mehrere Stichwunden versetzt habe, an denen sic gestorben sei. Als Beweis wurde die Zeitung ״Bcssarabctz,“ sowie der in diesem Blatt beschriebene angebliche I^iuialmord in Dubossary angeführt. Man erzählte sich, die Juden hätten den alten Do!n geplündert, die kirchlichen Heiligtümer geschändet und einen Geistlichen niedergenietzelt. Das letzte Gerücht entstand aus folgendem Anlass: Am 20. April um halb 12 LJlir vormittags wendete sich eine Gruppe mit Stöcken bewaiinctcr Juden an den Geistlichen Johann Kurbet. der durch die Asiatische Strasse ging, mit der Bitte, die Juden zu beschützen. Der Geistliche Hess sich mit den Juden in ein Gespräch ein, riet ihnen zuerst die Stöcke wegzuwerien. womit die Juden nicht einverstanden waren.!11 diesem Augenblick tauchte eine etwa fiiuizel.11 Mann stirkc Grupnc von Christen auf, der Geistliche wollte diese aufhalten. aber die Juden begannen, die Christen mit Steinen zu bewerten. Es entstand ein Handgemenge, der Geistliche machte sich zwar aus dem Staub, aber es entstand bald das Gerächt, er sei von den Juden niedergemaeht worden. Unter dem Eindruck all dieser Gerüchte begannen die an verschiedenen Orten der Stadt gebildeten zahlreichen Gruppet! zu je 15 bis 20 Mann der Reihe nach die jüdischen Geschäftsbuden zu zertrümmern, Häuser und Wohnungen zu stürmen, Hab und Gut der Juden zu vernichten. Zu diesen Zerstörergruppen gesellten sich auch Betrunkene, die Gruppen wurden immer zahlreicher unü gegen 3 Uhr nachmittags war bereits ein grosser Teil der Stadt ilire Beute, hauptsächlich das zweite und das vierte Stadtviertel, die fast ausschliesslich von Juden bewohnt sind. An sehr weit auseinander liegenden Orten der Stadt begannen mithin die Ausschreitungen fast gleichzeitig. Die Zerstörer vernichteten Möbel, Kleider, Hausgerät, zer* trtiitimerten Geschirre, zerfetzten Kleidungsstücke, Polster etc. Wie Schneegestöber flogen Bettfedern in der Luft umher und bedeckten die Bäume. Aus den Geschäften und Buden wurde die Ware auf die Strasse geschleudert, teure Uhren, Gold- und Silber waren sind zum Teil vernichtet, zum Teil geraubt worden. In den jüdischen Gebethäusern wurde alles zerstört, die heiligen Bücher und Schriften zerrissen und auf die Strasse geworfen. Die Schenken und die Weinkeller ereilte dasselbe Schicksal, die Fässer wurden auf die Strass« gewälzt, Wein und Schnaps atis ihnen ausgt'gossctt. zum Teil aber von den Exzcdcnten und der Sie begleitenden Menge ausgetrunken. Durch die Untätigkeit der Polizei, die ohne Leitung war, gcschahen all die Exzesse straflos. Dies ermunterte aber noch prehr die Zerstörer. Da die Polizei nicht einschritt, konnten die Exzesse den später erreichten Umfang annchmcu. Da die Polizei keine Vorsichtsmassregcin getroffen hatte, war sic den Unruhen gegenüber machtlos (?). Den Schutzleuten fehlte jede einheitliche Leitung, sic handelten nach Gutdünken und verharrten in den meisten Fällen in der Rolle von stummen Zuschauern. Auch die der Polizei zur Verfügung gcstellten Truppen blieben teilnahmslos. Versammelt an ein- /einen Punkten, warteten sie auf Befehle, ohne Indes cinzugreifen. Dieses passive Verhalten der Behörden, der Polizei und der Truppen gab zu neuen Gerüchten Anlass, die lauteten: Die Regierung habe gestattet, gegen die Juden loszugehen, da sie Vaterlandsfeindc seien. Besonders aiifmuntcrm! wirkten diese Gerüchte sowie das passive Benehmen der Polizei und der Trappen auf die Exzcdentcn. Das Zerstörungswerk nahm noch intensivere Formen an und verbreitete sich über ein bedeutend grösseres Gebiet. Beim Anblick dieser schrecklichen Bilder wurden die Juden von panischem Schrecken ergriffen. Sie stürzten sich zum Balmhof. um Kischincw zu verfassen, unterwegs wurden sie aber von den Exzcdcnten ergriffen und misshandelt. Ein Teil der Juden versteckte sich in Aborten, Dachböden. 110h in die Felder, aber überall ereilte sie dasseihe Schicksal. Gegen 5 Uhr am 20. April nachmittags begamt das Morden, das bis zum nächsten Tag dauerte. Die Zahl der während der Exzesse aiu'genmdeiieii ].eiche:! beliet sich auf •J2. darunter AN Juden. Bei den Ermordeten wurden durch Knüppel. Steine. Schaufeln. Hacken verursachte Wunden Kopfwunden n!u. Schusswunden wurden nicht konstatiert Verwundete gab es 156־, darunter 62 Christen. Einem einäugigen Juden wurde das sollende Auge abgeschlagen. Ajn 20. April, um halb 1־ Uhr nachmittags. ei teilte der Gouverneur dem Gariiisouskoimnanuaniui Generalleutnant Beckmann den Befehl, sogar mit der Waffe die Ordnung her- /:!stellen. Bis gegen Abend herrschte bereits in d־׳r Stadt Ruhe, nur in den Vorstädten dauerten, die Exzesse bis zum nächste.« Tag. Ohne das fünfte Wstn Jtvimel Kisch;!!vw_s!rät in Betracht zu ziehen, wurden von dc:1 •ft•19 Häusern, die die Stadt zählt, 1350, darunter 50:1 Geschäfte. zerstört und geplündert. Am schrecklichsten wurde in den Stadtteile:: n:־d Wohnungen gehaust, die den ärmsten jüdischen Klassen gehörten. Die Exzesse dauerten mithin von! 19. bis zum 2!. April ur.J nahmen einen schrecklichen Umfang an, weil die Polizei untätig war und die Unruhen rächt im Keim erstickte. Die Voruntersuchung hat keine Tatsachen feststellcn können <?). aus denen hervorginge, dass die Exzesse nach einem verab• redeten Plan vorbereitet wären. Bis z.um 22. April wurden S16 Personen verhaftet. Die begangenen Mordtaten waren der Gegenstand einer besonderen Untersuchung. Auf Grund uer Püiizciherichte wurden ferner 663 Personen zur Verantwortung gezogen. Die Untersuchung hat folgendes festgestcilt: Laut Aussage der Zeugen Schimon Baranowitsch stürmten Kirül Girtscliin, Iwan Morossjak und Alexander Kolesnitschenko den Abort, in dem die Juden Zuflucht genommen haften, und stürzten sielt auf die dort Anwesenden. Girtschin versetzte Bcncyon Galanter mit einem Holzscheit mehrere Hiebe auf de!! Kopf, die diesen niederschmettcrten. Galanter schrie dabei: ..Kirika, lass mich!“, aber er erhielt zur Antwort: ״Schweig. Jude., ich töte dielt doch!“ Morossajk, mit einer Deichselstange bewaffnet, schlug Grul Roismanu auf die Beine, dem es gelunget! war, mit dem Oberkörper durch ein Loch im Dache durchzusehlüpien. Kolesnitschenko hielt dabei in der Hand eine Säge und rief Roismanu zu. er werde ihm die Beine ahsägen, sollte dieser nicht herabspringen. Dies wird auch durch die Aussagen der Zeugen Malka Krinskaja. Chaim Galanter, Uankel Paskar und Schaps Roistnami bestätigt. . Die Verhandlungen versprechen einen ungeheuer langweiligen Verlauf zu nehmen. Von weit über 500 Zeugen sind in M Tagen nur etwa 30 vernommen worden. Aber schon diese brachten ein kolossales Belastungsmaterial für die Tat- Sachen, dass der Kraw׳all von langer Hand vorbereitet, und dass Polizei, Militär und Regierung durch Mitwisserschaft und Untätigkeit an den Verbrechen mitschuldig waren. Zur Beleuchtung dieser Tatsache geben wir im folgenden einige Abschnitte aus der Verhandlung wieder. K i sch l ne w , 22. November. Trotz der sonst bei den russischen Gerichten streng beobachteten Sonntagsruhe wurde diesmal auch am Sonntag die Verhandlung fortgesetzt. pW Arzt Dr. Siznisky, seit einigen Wochen der Nachfolger

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.