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Jüdische Rundschau · 1903-12-11 · Heft 50 (11.12.1903) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 50 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 50, JÜDISCHE RUNDSCHAU, Seite 541. wie alles, auch diese* Unheil dem allmächtigen Einfluss der Juden zugeeignet wird. Herr Barabäs und seine Prinzipiengenossen kämpften um ihre nationale Überzeugung und sic wareii sich auch der Konsequenzen, die Ihr hartnäckiger Kampf nach sich ziehen musste» wohl bewusst, aber kaum machten sich die Konsequenzen fühlbar, da hiess cs — es wäre zum Lachen, wenns nicht gar so traurig wäre — die Juden, — der ewige Jude hats verschuldet. In einer galizischen Garnison begleitete der diensttuende Offizier die Mitteilung, an die ausgediente Mannschaft, dass sie noch weiter bei der Truppe verbleiben müsse, mit beiläufig folgenden Bemerkungen: ״Soldaten. Ihr habt Euere Pflicht redlich getan, unter normalen Verhältnissen könntet ihr nun nach Hanse gehen. Ihr müsst aber noch bis auf weiteres Eueren Familien vorenthalten bleiben, nicht weil wir, sondern weil die J u d e!1 c s wolle n.“ Dem war aber noch nicht gemig. Mau kann doch wahrhaitig von den armen galizischen Bauern nicht verlangen, dass sie nach Ungarn reisen sollen, um die dortigen Juden den Unmut über ihr Weiterdieucn fühlen zu lassen. Herr Oberleutnant Eormanck ist viel zu human, um seine Soldaten den Unkosten und Strapazen einer Reise nach Ungarn auszusetzeu und er ist geistreich genug, auch hierfür einen Ausweg zu finden. Er fährt daher in seiner Rede fort: ״Wenn Ihr nach Hause kommt, erzählet es Eueren Eamilicn, dass die galizischen Juden, die nach Ungarn auswandern und cs dort bald zu hohen Stellungen bringen, dass diese Juden es wollten, dass Ihr länger unter den Wauen bleibet.“ Der edle Herr Oberleutnant machte es also seinen Untergebenen so bcquem, wie!::emals; sie könnten demnach den Unmut ihres edlen Gemütes auch den galizischen Juden zu iTihlen geben. Was eine solche oiiene Aufmunterung galizischer Landbauen! zu Exzessen bedeutet, braucht nicht weiter gesagt werden. Und Herr Eormaiiek stand mit seiner ״Anschauung“ nicht allein da. All die fremden Offiziere im ganzen weiten Reiche, die ihrer Entrüstung ob der ungarischen ״Frechheiten“ Ausdruck verliehen, vergassen nie, bei den Beschimpfungen, mit denen sie die ungarische Kation überhäuften, auch der Juden . und ihrer besonders i!1 den schmeichelhaftesten Ausdrücken zu gedenken. Und was noch viel trauriger ist; die lange Krise und der aus ihr resultiende Ex-lex Zustand mussten unter der JuJcnschaft auf dein Lande ein Gefühl der Unsicherheit erwecken, das nur allzu berechtigt ist. Die Landbevölkerung, und besonders die in den Gegenden mit gemischter Bevölkerung muss in einen! solchen krisenhaften Zustande eine Schwäche der regierenden Gewalt erblicken. Diese Schwäche suchen die durch den nationalen Hader erregten und durch eine gewissenlose Provinzialpresse noch besonders irregefiihrtcn Gemüter gewöhnlich zu trüben Zwecken «auszunützeu und ־-- wir brauchen nur die Erfaliruug zu beiragen — wir wissen mir zu gut, auf wessen Kosten dies geschehen würde. Und leider nicht der Acht u n g, sondern der Furcht vor dem Gesetze nur ist es zu danken, dass die lange Krise ohne erhebliche Ruhestörung verlief. All diese Momente sind dazu angetan, die ungarische Judenlicit und speziell die Juden in den Städten zum Nachdenken und zur Sammlung zu veranlassen. Mögen sic ja fortfahren, wie bis nun, gute. Söhne ihres Landes, treue Förderer der kulturellen und wirtschaftlichen Interessen ihres Landes zu sein. Aber neben der Arbeit für das Vaterland mögen sie sich auch auf ihr Judentum und ihr jüdisches Volkstum besinnen und sic werden inne werden, dass bei den herrschenden Zuständen die Jüdische Landbevölkerung in Ungarn dem vollständigsten Ruin entgegengeht und dass auch in Ungarn eine Überflutung der Städte seitens des jüdischen Proletariats stattfinden wird, die ähnliche Zustände wie in Russland, nicht nur herhcifiiliren kann, sondern muss. Sic mögen sich auf ihr Judentum besinnen und sic werden sich auch der misslichen Lage mehrerer Millionen jüdischer Mitbrüder erinnern, die schon jetzt unter schier tinmögliclicii Existenzbedingungen nicht leben, sondern vegetieren. Sic mögen sich auf ihr Judentum besinnen und auch in ihnen wird das heisse Verlangen aufsteigen, hier Abhilfe zu schalten. Sic mögen siel! auf ihr Jiidenluni besinnen tmd auch sie werden nicht umhin können, sieh einer Bewegung anzuschlicssesn, die allein unserem Volke dauernde Hilfe schaffen kann. Dr. P h. F r a 11 k I. Der Prozess in Kischine״/. Von Elijahn. Russland liegt in Europa, bat Beziehungen zu modernen Sitten und Kultureinrichtungen und kann deshalb nicht umhin, nach eine!!! so ungeheuerliclicrt Vorkommnis wie den Exzessen von Kischinew einen Prozess einzuleiten. An dieser Steile aber hört das allgemein Menschliche auf und das Russische beginnt. Der Prozess wird unter Ausschluss der Oeffentbchkcit in Szene gesetzt, der Presse wird unter scharfen Drohungen verboten, mehr mitzuteilen als in den amtlichen Organen steht, die stadtbekannten Anstifter der Krawalle gehen frei ein und aus, die Juden werden nur in der Frage der Sachbcschüd'gung als Nebenkläger zugelassen. So verlangt cs die eherne russisehe Staatsräson. Zwar, die einzelnen Männer, die die Verhandiung leiten, die Anklage gegen die Mörder und Räuber vertreten, die Sache der Geschädigten und der Toten führen, sind Menschen von Fleisch und Blut und Gefühl. Darum kommt selbst unter diesen! russischen Gerichtshöfe mehr zu Tage, als der Regierung lieb ist; Frevler werden entlarvt und eine organisierte Hetze gegen die Juden enthüllt, ja Tränen werden den Anklägern und selbst den Richtern durch die Schilderungen der grauenvollen Seheusslichkeiten erpresst — aber was will das heissen? Was wollen die Gefühlsregungen dieser Männer vermögen gegen den kalten Blutdurst des steinernen Molochs, der russischen Politik, die von den zwei Möglichkeiten; Verniclitung oder Befreiung der Juden, die Vernichtung bis zum Ende durciizusetzcn entschlossen ist! Ein Berliner jüdisches Blatt, dessen optimistischer Phrascnsehwulst elastisch auch liaupt scheinen die Mädchen den Ernst ihrer Lage tiefer zu erfassen als die Knaben. Sie sind ruhig und traurig, und selten huscht ein Lächeln über die blassen Gesichter. Die Knaben sind übermütiger, fröhlicher; zuletzt schon ausserordentlich schmiegsam und zutraulich gegen den fleissigercn Besucher, begrüssen sic ihn mit einem freudigen ״schalom“. Ueber den Zweck ihrer Reise sind sie sich bis auf die zwei kleinsten Mädchen wohl alle klar. Sie wollen nach Palästina, wo, wie sie den Besuchern glückstrahlend erzählen, sie ״den Boden bcbauen“ werden. Keine Reue, ihre Heimat verlassen zu haben, keine Sehnsucht nach ihr Uberkommt sie, nur ein wehmütiges Gedenken der zurückgclasscnen Angehörigen macht sie traurig. ״Aber ich werde flcissig sein und viel Geld sparen,“ sagte mir eine Kleine,, ״und dann lasse ich sic alle nachkomnien". Der Name ״Kischinew“ ist für die Kinder zum Schrcckenswoit geworden; und die Drohung, ״ich Verde eich nach Kischinew zurücksciticken,“ bändigt sogar die grösste Ausgelassenheit. — Mit geradezu rührender Liebe und blindem Vertrauen hängen die Kinder alle an Herrn B e I k i n d, ihrem Lehrer, den sie ״Adoni“ nennen, und dem sic gern hi ihre neue Heimat folgen. Uns allen sind die sonderbaren Gäste während ihres hiesigen Aufenthaltes lieb und teuer geworden, sic sind ia unsere, unsere Kinder, unsere Nationalwaisen, die armen Waisen eines armen Volkes. Und nun sind sie fort, begleitet von unseren Wünschen und Hoffnungen! Vielleicht nähern sie sich schon der Küste des teuren Landes, welches ihnen Heimat und Zukunft bieten soll, wo sic den Kern bilden sollen eines neuen, stolzen, glücklichen Geschlechts! Werden sie unsere Hoffnungen erfüllen?! Wird der Frühllng Palästinas sic die Stürme ihres Geburtslandes vergessen lassen?!! HcrmineHartmann.;-aw 11f *־

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