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Jüdische Rundschau · 1903-12-11 · Heft 50 (11.12.1903) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 50 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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/ •'׳#wtiW. yxt9u׳ ' Seite 540. _ _' . JÜDISCHE RUNDSCHAU.__ No. 50■ Die ungarische Krise und die Juden. Den Juden aller Länder ist!tun einmal das traurige Schicksal zuteil geworden, dass sich alle Völker der Erde um ihr Tun und Lassen kümmern, jede ihrer Handlungen kontrollieren und ihren Reden lauschen. Nun sollte man meinen, dass eine so seltene Aufmerksamkeit das Sichcrheitsgcfiihl bei den .luden in hohem Masse heben sollte und dass sich die Juden einer solchen Aufmerksamkeit nur freuen. Und doch ist das Gegen־ teil wahr. Die Aufmerksamkeit seitens der Juden hat zur Holge gehabt, dass dem Juden ein Unsicherheitsgefühl atterzogen wurde, welches ׳ihn auch in ruhigen Zeiten nicht verlasst und welches ihm bei seinen Feinden den Vorwurf der Feigheit cingebracht hat. Wie dies kam. ist nicht schwer zu erraten. Die Aufmerksainkcit der Volker ging immer dahin, bei dem jüdischen Volke Blossen zu entdecken, welche als bequemer Vorwand dazu dienen konnten, dem Recht, oder vielmehr dem Unrecht des Starken dem Schwachen gegenüber den Schein der Berechtigung zu verleihen. Und so gibt es keine Handlung, von .luden ausgeiibt, und sei es die tugendhafteste, keine Rede, von Juden gesprochen, und sei cs die unschuldigste, die von feindlicher Seite nicht verzerrt und als Waffe gegen sie gebraucht wird. Als ob cs daran nicht genug wäre, gehen unsere Feinde in ihrer Aufmerksamkeit uns gegenüber so weit, dass sie jedes folgenschwere Ereignis, das mit den Juden als solchen absolut nichts gemein hat, ihnen zuschreiben, dass sie sogar jede Vor-;imlerimg auf politischem Gebiete, sofern sie unangenehm und unerwünscht, auf den ,.mächtigen Einfluss“ der Juden zurückführen. Ist es doch so bequem, sein Mütchen an wehrlosen Leuten imgestraft kühlen zu 'können und so schön, wenn die j Befriedigung des Rachegetiihls nebstbei auch etwas ״Beute“ י bringt. j Ist dieser Usus, alles Unheil der Welt den Juden in die ן Schuhe zu schieben, eine internationale Eigenheit, die vor! keinen Grenzpiältlcn und auch vor dem. ganze Weltteile treu- : nenden. Ozean keinen Halt gemacht, so tritt er tunso I1äuiiger I hervor, und ist umso wirksamer dort, wo zwei oder mehrere! Nationen s:ch in stetem Kampfe befinden und sieh einander zu j überwinden trachten. Hier gibt der Jude den ewigen Prügel- \ knebelt beider oder aller ab. Hier wird der Natioinlsicg auf 1 Kosten der Freiheiten der Juden gefeiert, indem der Erfolg . auf nationalem Gebiete regelmässig zur Exklusivität, zur Zuriickweisuug alles nicht echt-nationalen ■führt. Hier wird hinwieder die Niederlage auf nationalem Gebiete an den Fenster- ' scheiben und baden der Juden gesühnt, und wie rührend, das beleidigte nationale Gefühl ist vollkommen versöhnt, nachdem es sieh eine echt-nationale Grosstat auf dem Gebiete des Vandalismus und der Zerstörung vieler Existenzen geleistet bat. Wir brauchen hier ja nur der Exzesse zu gedenken, denen die Juden Prags einerseits ausgesetzt waren, als vor etwa 7 Jahren die bekannten Sprachenverordnungen erlassen wurden und der wiederholten Ausschreitungen In Prag und der traurigen Judenhetze und der Zerstörung vieler jüdischer Existenzen In mehreren Gemeinden Mährens (Hollcschau, Boskowitz u. a. 111.) andererseits, als die österreichische Regierung nach etwa drei Jahren sich veranlasst sah, die odiosen Verordnungen zurück-;unehmen. Es handelte sich im ersten Falle darum, der östcireichischcn Bevölkerung slavischer Zunge einige Konzessionen zu gewähren, während mail im zweiten Falle dem beleidigten' Volksgefühle der Deutschen Österreichs Rechnung trug; in beiden Fällen um den Kampf des Slavcu- und Deutschtums und in beiden Fällen wurde der Jude geprügelt, in beiden Fällen wurde er ausgepliiudert und merkwürdiger Zufall, in beiden Fällen kam die staatliche Hilfe erst, als das edle Werk vollbracht und das trauernde Nationalgctühl getröstet war. Noch tragischer und hoffnungsloser ist der Zustand der zahlreichen Judenschaft, die das Scieksal zwischen die zwei sich einander unaufhörlich befehdenden Völkerschaften in (1aiizien und in der Bukowina, zwischen die Polen und Ruthcucn versetzt hat. Ein treues Bild von der elenden Luge unserer dortigen Brüder kann sich mir der machen, dem es bekannt ist, wie die Juden daselbst zur Zeit der Wahlen von den einen gezwungen werden, ihnen zur Beförderung ihrer natimi den Aspirationen als Werkzeug zu dienen, um unmittelbar nach den Waiden den anderen als Racheobjekt lungewnrfei! zu werden. Und um was handelt es sich in dem Kampfe Ungarns mit Ösicrrreich und in welcher Beziehung stehen diese Kämpfe zu den Juden? -- Bei der Verhandlung der Rekrutenvorlage im Februar 1. .!. hat die ungarische Nation, oder ein Teil von ihr den Zeitpunkt für gekommen erachtet, längst gehegte und ersehnte nationale Wünsche verwirklichen zu können. Es ist hier nicht unsere Sache, diese Forderungen auf ihre Bercchtigung. oder auf ihre Nüt/!ichkc:t zu prüfen; wir. haben hier nicht zu untersuchen, ob und inwieweit die verlangten Kon- Zessionen mit dem Ausgleichgesetze vom Jahre 1867 übereinstimmen. Wir haben hier nur Tatsachen anzuffihren. Um ihre nationalen Aspirationen verwirklichen zu können, meinte diejenigen Partei der ungarischen Legislative, die hauptsächlich* die nationale Entwicklung des Landes auf ihre Fahne geschrieben hat. durch parlamentarischen oder auch tmparlamentarischen Widerstand das Gesetzwerden einer Vorlage, d:e ihre Wünsche vereiteln musste, um jeden Preis zu verhindern. Durch die hartnäckige Weigerung, auch nur das bisherige jülirliehe Rekrutenkontingeiit zu bewilligen, sah sieh die oberste Heeresleitung veranlasst, die drittjährige Altersklasse, die ihrer Militärpflicht schon Genüge geleistet, zur weiteren aktiven Dienstleistung zu verhalten. Daroh natürlich allgemeine Entrfistung und grosser Lärm, ganz besonders in der transleitalöschen Reichshälfte. Statt nun aber den Umnut und den Zorn gegen d i c Eaktoreu zu kehren, die diese Bestimmungen herbeigeführt, erleben wir wieder den unerhörten Unsinn, dass, Noch einmal Kischinew! ־ Aber nicht jenes Kischinew, das schon durch seinen Namen in uns alle Vorstellungen von Finsternis und Schrecken erweckt. Hier sei der Opfer gedacht, der traurigen Opfer, an denen Liebe nicht gut machen kann, was Hass au ilmcn verhrochen! Ich spreche nicht von ihnen, die, Mürtyerer ihres Judentums, den Tod von Mörderhand erlitten, sie wissen nichts mehr von Juden weh und Judcnlcid! Und was bedeutet ihr Schicksal neben dem. leben zu müssen, verwaist und lieimatlos! Ihrer gedenken wir, der kleinen Waisen, die vor kurzer Zeit in unserer Stadt weilten, um nach mehrtägigem Aufenthalte hier ihre Reise nach Palästina fortzusqtzen. 'Der Abendzug brachte sie nach einer Tagcsrcisc nach Wien. Und sic kamen an, matt, milde und dürftig gekleidet, bejammernswert in ihrem physischen und seelischen Elend! Wie freuten wir uns, unser!! Ankömmlingen wenigstens etw׳as von dem geben zu können, was ihnen gewalttätig genommen worden, ihnen zeigen zu können, dass wir ihr Los betrauern, ein Los, das sic in seiner ganzen Tragweite zum Teil noch nicht verstehen, ermessen können. Gern hätte jeder von uns einige der Kinder während ihres Aufenthaltes hier zu sieh genommen: doch die Kinde! wollten nicht getrennt werden, und so begleiteten wir sie nach einem Hotel, wo wir sic nach einem Imbiss zur Ruhe brachten. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Kunde von der Anwesenheit Kischincwcr Waisen in der Stadt. Das Hotel wurde ein Sammelpunkt nicht nur unserer Gcsinungsgcnossen, die sich mit wahrem Opfcrmute der Klc.uen Gäste amialimen, sondern der ganzen indischen Bevölkerung Wiens, die durch häufige Besuche und Spenden zeigen wollte, dass auch sie Anteil au dem Schicksal unserer Waisen nimmt. Wer die Kinder nur einmal gesehen hat, wird sic nie vergessen, so ergreifend wirkt ihr Anblick. Sie sind im Alter von 5—•17 Jahren, das jüngste, ’ ein Mädchen mit entzückenden blauen Augen, das sich äugst-! lieh au die ,.Mutter" (die sic begleitende Frau), schmiegt und I immer zu fragen scheint: .,was soll das alles bedeuten?" Ucbcr- CT;*‘ ־***י•* ־״* י••־־•• rar»׳

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