Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette538. ./-י^ד־־" —י־ JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 50. Weltanschauung der Instinkte ist, scheint mir die klassische Formel für diese Erscheinung zu sein. Der Jahrtausende alte, durch ungezählte Generationen potenzierte Judenhass, genährt durch das Gefühl der Fremdheit gegenüber den Juden, muss bestehen, solange die Juden unter den Völkern Juden, Heimatlose sind. Dieser elementaren Erscheinung und ihrem eiementaren Ausdruck gegenüber kann iede sich in Humanitätsplirasen einlullende Abwehrpolitik nur zum Mitleid stimmen. Der ״Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ sagt in einem Flugblatt an die Berliner Studentenschaft, ״er erwarte von dem gesunden Sinn der akademischen Jugend Berlins, dass in ihr für religiöse Unduldsamkeit und eine Agitation nach dem Muster der Ahlwardt. Pückler und Genossen keine Stätte vorhanden ist . . Der Jubelnde Beifall, den eine Versammlung von beinahe tausend deutschen Studenten den antisemitischen Rednern gezollt hat, ist die Antwort darauf. Unsere Gegner aber sagen, wir zögen an demselben Strange wie jene? .... Sic haben recht: Neben mir gingen zwei jüdische Studenten, als ich den Saal verlicss. Ergriffen sagte der eine zum Nachbar: ״Heut bin ich dem Zionismus nahe gekommen . . . .“ Jehuda. Das Hationalislerunqskornitss und die isft zur Aufklärer.;: der * t oajci (Brief aus Odessa). ״Erobert die Gemcindestuben“ — rief Nordau in den Kongresssaal hinein — ״und das Rabbinat, die öffentliche Meinung, die Wohltätigkeit, die Schulen, die Vereine und Gesellschaften, mit einem Worte — alles, was sich ln jüdischen Bänden befindet“ — fügten einige beherzte Männer in Odessa ninza and gründeten das ״Nationalisierungskomitee“, dem heute sämtliehe, in Odessa wohnende, jüdische Schriftsteller und ein grosser Teil der zionistischen Intelligenz angehören. Die Zionisten scheuten weder Geld und Mühe und traten überall, auf Oeheiss des Komitees, ein, um es wirkungsvoll unterstützen zu. können. Auch eine Tribüne, von der aus die öffentliche Meinung bearbeitet werden konnte, wurde, durch Eroberung des Klubs ״Besseda" (Unterhaltung), der fast unbeanstandetes Versammlur.gsrecht besitzt, geschaffen. Dies Ist besonders wichtig, da in Russland und speziell in Odessa ein sehr strenges Versammlungsverbot herrscht. Und dort, wo man frühe» ״Caro-Bub, Pique Dame, Pass“ vernahm, Hessen sich nun Lilienbium, Dubnow, Ginsberg, Abramowicz (Mcndele mocher sefarlm), Rablnowlcz (Ben-Ami), Dr. Saplr, Ussischkin, Toni kbi, Klausner und andere hören. Besondere Energie verwendet das Nationalislerungs* komitee seit einigen Jahren auf Eroberung der .,Gesellschaft zur Aufklärung der Juden in Russland“, weil mit ihrer Gewlnnung die Erziehung von Zehntausenden von jüdischen Kindern in zionistische Hände übergehen würde. Ein trauriges Bild stellen die jüdischen Schulen in Odessa dar. Alles wird dort unterrichtet, nur die jüdischen Lehrfächer werden gänzlich vernachlässigt. Die hebräische Sprache ist aus der Schule verjagt worden und wenn noch irgend wo Hebräisch unterrichtet wird (1—2 Stunden wöchentlich), so geschieht dieses in einer so unzufriedenstellender Weise, dass die Zöglinge nach Beendigung der Schule nicht einmal richtig hebräisch lesen können. Die jüdischen Schulen ln Odessa rechtfertigen also durchaus rdcht ihren Namen, wenn man die Ab* stammung der Zöglinge und die Herkunft des Geldes tu Uwo Unterhaltung nicht mitrechnet. Während bei allen Völkern die Schule einen streng nationalen Charakter trägt und den Zög-!Ingen den nationalen Geist systematisch elnflössi — hat doch bei Sedan der Schulmeister gesiegt — bemüht sich der Vor* stand der Odessaer Filiale der ״Gesellschaft zur Aufklärung der Juden in Russland“, die jüdischen Kinder für die in allen Schichten des füdischen Volkes gesammelten mehreren hunderttausend Rubel (auch die Koschcrfleischtaxc subsidiert die ״Gc- Seilschaft" mit 3600 Rbl. jährlich), ihrem Volke zu entfremden und russisch-national zu machen. Nicht genug, dass die jüdisehen Zöglinge der öffentlichen Schulen systematisch ihrem Volke entfremdet werdet! und w.eniger von seiner Vergangenheit wissen als ihre christlichen Mitschüler, die Religionsunterricht haben, wovon die Juden befreit sind, scheut sicli der Vorstand der ״Gesellschaft“ nicht, für jüdisches Geld dasselbe zu tun. So entsteht der jetzt so häufig in Russland anzutreifende Typus des national-unpersönlichen, bodenlosen Kosmopoliten. Man sollte meinen, dass ״der Vorstand“, dem Beispiele sämtlicher Völker der Erde iolgend, die eigene Litteratur dazu benutzen würde, um seine Zöglinge mit den ״Ideen de! grossen menschlichen Familie", wie er sich selbst ausdriiekt, bekannt zu machen. Aber nein — die jüdischen Kinder werden nach Mustern einer ircniden Kultur erzogen, und auf diese Weise künstlich einer irensdea Kuitur zugcfüiirt, die sie dann mehr lieben als ihre eigene, weil sie die Quelle ihrer ersten Ideen und besten Gefühle war. Das musste anders werden. Im Oktober 191»! überreichte das ,•,Nationalisicrungskomitee" dem Vorstande der ״Gesell- Schaft" eine, mit 150 Unterschriften bedeckte, Denkschrift, worin auf 12 Seiten imchgewieseii wird, wie notwendig die Eimuhrnng der jiidisch-nationnlen Erziehung ist, und die Eorderung aufgestellt wird —* der Vorstand möge nach dem Beispiele der ״Auikiärinigskoimtees" in Petersburg. Riga und M׳!skau, 10—12 Wochen stunden jüdischer Lehrfächer entführen. ״Eine Schule mit ammalionalcr, Tendenzen," heisst es in der Denkschrift, ist ein Auswuchs am Volkskörper, beirie.kgi weder den Geist noch die Bedürfnisse des Volkes tmJ hört auf. eine Erziehungsanstalt zu sein und dem Fortschritte zu dienen. Noch unnaiürücher aber ist eine Sehlde, die ihre Zöglinge im Geiste einer fremden Nationalität erzieht." Der ״Vorstand" gab der Gruppe von 150 Mitgliedern eine schriftliche Erklärung ab, worin er, in der Annahme, man glaube cs ihm, von Treue zum Judaismus, Liebe zum jüdischen Volke und wärmster Antcilnalmic ‘ an seiner Vergangenheit und Zukunft (sic! spricht und dann folgendermassen fortiührt: ״Die allgemeinen Thesen der ״Denkschrift“ erkennt der Vorstand nicht an und steht auf dem Standpunkte, dass die Schule ihren Zöglingen eine allgcmeine Bildung geben muss, damit sie sich als Mitglieder der grossen menschlichen Familie fühlen. Die jüdischen Lehrfächer müssen also in gleicher Reihe mit den anderen stehen und nicht vor ihnen.“ Zehn Stunden wöchentlichen Unterrichts, wie wir es verlangten, hält also der Vorstand fiir Voransetzung und 1- 2 Stunden, oder gar keinen jüdischen Unterricht für Gleich- Stellung. Aber abgesehen davon enthält diese Antwort eine direkte Beleidigung unseres naticjnaleii Selbstbewusstseins. Als ob unser eigener geistiger Born nicht reich genug in! inenschheitlicbeu Sinne wäre, als ob unsere Litteratur, die mit der Bibel, dem Lchrbuchc der Menschheit, beginnt, nicht eben so gut wie jeder andere Im stände wäre, ״Mitglieder der grossen menschlichen Familie“ heranzubilden. Und selbst wenn unsere eigene Litteratur in dieser Beziehung niedriger stände als die russische, so hätte man sie doch früher ganz erschöpfen müssen und die Mängel mit der fremden ausfüllcn sollen. Wird es doch keinem Menschen eintaUcn, seine eigenen nationalen Schöpfungen in seinen Schulen durch anerkannt höher stehende Schöpfungen anderer Völker zu ersetzen. Nur der Vorstand der Odessaer Filiale der ״Gesellschaft zur Aufklärung der Juden in Russland“ konnte so absurd handeln, ״im Namen der grossen menschlichen Idee“ das Eigene durch Fremdes zu ersetzen. Ferner verzerrt ״der Vorstand“ unseren rein nationalen 1!