Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 41) JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 533 ,. Nach einmütiger Annahme einer von Herrn Helir eingc- זbrachten Resolution folgenden Wortlauts: ,Die am 19. November 1903 in der Brauerei Königstadt tagende Versammlung, überaus zahlreich besucht von Herren und Damen der in den Vierteln Schönhauser-, Prcuz־ lauer- und Königstor wohn en 11 e u j ndisc hen Bevölkerung, Berlins protestiert gegen die Absicht, in der Synagoge Rykcstrasse eine Orgelzucrrichten, unddrilcktdcn entschiedenen VV unsch aus, dass der Gottesdienst in dieser Sy nagoge nach alt hergebrachter Weise'eing e r i c 111 e t w ז ו d" Der Kischincwer Prozess. Unter Ausschluss der Ön'eiitlichket hat der Kiscliincwer Prozess begonnen. Durch Geheinizirkularc der Zensurbehörden an die periodische Presse Russlands ist dieser verboten worden, über den Prozess mehr zu schreiben als das, was in den offiziösen Regierungsblättern veröffentlicht sein würde. Auf diese Weise gbubt die russische Regierung, sich dem Urteil der öffentlichen Meinung der ganzen Welt entziehen zu kennen, obschon dieses seit Momtcn fast einstimmig gefällt worden ist. Dn die Anklageschrift teils durch ihre Petaüscliilderunge.i und Charakteristiken, teils infolge der. i 1 ihr enthaltenen abs:chtlici1en augenscheinlichen Entstellungen höchst imeressmt . und zum Verständnis des Prozesses unentbehrlich ist. so heginnen wir zuerst mit der auszugsweisen Veröffentlichung dieses höchst bemerkenswerten Aktenstückes. Die Anklageschrift. Zwei Wochen vor Ostern 1903 hatten in Kischinew Gerächte über ein während der Osterieiertage stattzufindendes Judengemctzcl zu zirkul.cren begonnen. Diese Gerüchte sind duren ntgei.uc Umstande gefördert worden: Wie cs in den letzten Janren vorzukonimen pflegte, fanden auch heuer in Kischir.cw vor Ostern Zusammenstössc zwischen Christen und Juden statt, andererseits, war die christliche Bevölkcrung — wie dies durch die Zeugenaussage des früheren, langjährigen Bürgermeisters von Kischinew Schmidt, ferner ßritans, Feigins, Königschatz.’ und anderer bestatigt ist — durch eie 'lätigkeit der lokalen Tageszeitung ״Bessarabetz“ gegen die Juden aufgehetzt. Dieses seit fünf Jahren in Kischinew erscheinende Blatt veröffentlichte in der letzten Zeit tagtäglich judenfeindüchc Hctzarlikd. Die judenfeindliche Propaganda des Blattes übte ihre Wirkung aus, erstens weil es sehr verbreitet war, zweitens weil cs unter den Kommis, Kop.stcn und der übrigen kulturschvvachen Stadtbevölkerung einen grossen Anhang bcsass. Die letzten, besonders stark wirkenden Artikel des ״Bessarabetz״ bezogen sich auf die von dem Blatte verbreitete Nachricht betreffend den im Dorfe Dubossari angeblich begangenen Ritualmord an einem christlichen Knaben. Diese HctzartiKel batten einen sehr starken Einfluss auf die Leser des Blattes ausgeubt und verschärften die feindliche Stimmung der Christen gegen die Jaden. Die obigen Umstande waren unter anderem die nächste Ursache der am 19. bis 22. April dieses Jahres ausgcbrochcnen Judenverfolgungen. Die Kischinewer Polizei hatte indes keine besonderen Massnahmen getroffen, um den befürchteten U11ruhen vorzubeugen. Sie begnügte sich damit, an jenen Stellen, wo grössere Menschenansammlungen während der Feiertage zu erwarten waren, die Zahl der wachthabenden Schutzleute zu vermehren. Zu diesem Behufc wendete sich die Polizei auch an den Kommandanten der Kischinewer Garnison, der der Polizei Militärpatrouillen zur Verfügung stellte, wie dies auch in den vergangenen Jahren zu geschehen pflegte. Unter solchen Verhältnissen trat der 19. April, der erste Tag der christlichen und der letzte der jüdischen Ostern, ein. Das Wetter war herrlich. Auf dem Tschiilunskiplatz, wo Karussels und Buden errichtet, jedoch am ersten Tag nicht geöffnet waren, begann sich bereits früh morgens das Volk anzusammeln, unter dem sich sehr viel halbwüchsige Burschen befanden. Ungefähr um halb 2 Uhr nachmittags befanden sich auf dem Belustigungsplatz etwa 600 Personen. Es herrschte unter ihnen Rühe und Ordnung. Die iungen Burschen spielten an verschiedenen Stellen. Ab und zu verfolgten sie einen vorübergehenden Juden lind riefen ihm nach: ״Los auf den Juden 1“ ohne sich dabei an den Juden zu vergreifen, die an ihren Spielen tcilnahmcn. Auf diese Art und Weise amüsierten sich die Burschen bis 3 Uhr nachmittags. Gegen *I Uhr begann auf dem Platze die Menge zu wachsen und es erschienen auch Betrunkene. Von der Menge begannen sich einzelne Personen auszuscheiden, die sich in der Kirowstrassc in der Nähe der Wohnhäuser zu Oruppcn zu versammeln begannen. Eine andere Gruppe bildete sieh au der Ecke der Kirower- und der Alexanderstrassc. Die in diesen Gruppen befindlichen Knaben iitigen bald darauf an, die Fenster der nächstliegendcn Häuser mit Steinen zu bc-• werfen. Die Angriffe wurden bald heiliger. Als der Polizeikommissä: des zweiten Stadtviertels (iolowkin, unterstützt von dem IVtizeioffizier Witkowski, versuchten, einen der Exzedenten zu verhaften, wurden sic durch einen Steinhagel attackiert, und der Exzvdent wurde ihnen gewaltsam entrissen. Von der Polizei imd den Militärpatrouillen verfolgt, verschwanden die Exzellenten unter der Menge, und begaben sich bald daraui nach verschiedenen Richtungen, ln Oruppcn von 10 bis 15 Personen erschienen sie gegen 6 Uhr abends in der Alexander-, lsmailcr-, Bender.-rstrasse etc. Pic'fcnd und johlend bestürmten sie die öffentlichen Häuser uni schlugen überall die Fenster ein. Da die Polizei keine energischen Massnahmen traf, uni den Unruhen ein Er.Je zu machen, so vennoehtc.1 die Exzedenten, nach 6 Uhr abends, die ln der Gostinnajastrassc gelegene Tabaktrafik Samuel Rosenblatts sowie die Werkstatt der Schuhmackerswitwc Dinua Rnsinskaj'a zu stürmen. Beide Bud^n wurden zerstöri, die dort befindlichen Waren teils vernichtet, teils ausgeraubt. Unterwegs wurden um 7 Uhr abends auch andere Buden zerstert. Gegen halb 10 Uhr nachts setzten die Exzeder.len auch im fünften Stadtviertel ihr Zerstörungswerk fort, indem sic Judenhäuser mit Steinen bewarfen. Darauf beschränkten sich am 19. April die Unruhen. Gegen 11 Uhr nachts hcrschte in der Stadt vollkommene Ruhe. An den Juden wurden während dieser Tage keine persönlichen Angriffe verübt. Die Polizei hatte etwa sechzig Exzedenten verhaftet. Mit Rücksicht auf die stattgehabten Unruhen wendete sich die Polizei an den Gamisonskomniaudanten mit der Bitte, für den nächsten Tag die Zahl der der Polizei beigegeb eiten Militär- Patrouillen zu verstärken. Generalleutnant Beckmann crlicss infolgedessen an die Garnison den Befehl Nr. 9, worin er anordnete, dass drei Infanteriekontpagnicn und zwei Kavallerie- Schwadronen des Lubliner Regiments dem Polizeimeister zur Verfügung zu stellen sind und im Notfälle als Reserve auch die übrigen neun Kompagnien und sechs Schwadronen beizuspringen haben. Trotz dieser Vorkehrungen begann sich am Morgen des 20. April die aufgeregte christliche Bevölkerung an verschicdenen Orten der Stadt und in den Vororten gruppenweise zu versammeln. Sic griü die Juden an, die Verfolgungen nahmen einen stets gefährlicheren Charakter an und endigten damit, dass gegen 10 bis 11 Uhr vormittags diese Gruppen gleichzeitig an verschiedenen Orten begannen, die Judeuhäuser zu zerstören. Die Ueberhandnahme des* Zerstörungswerkes wurde durch folgende Umstände Begünstigt. Gegen 6 Uhr früh am 20. April hatten sich ani Neumarkt, auf den Plätzen Winnaja und Priwosnaja ungefähr hundert Juden versammelt. Sie waren zur Selbstwehr mit Stangen, Knüppeln und Gewehren bewaffnet, die von ihnen dann und wann abgefeuert wurden. Die vorübcp