Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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■:U7 <'ין*י, v*** Seite 526 JÜDISCHE nis für Ury's Schöpfungen. Man schaut seinen ״Jüngling“ und seinen nGreis“ mit der Verwunderung an, die man einer Sache entgegenbringt, die etwa das Gegen-; teil dessen ist, was man erwartet. Wenn der begleitende Text nicht ausdrücklich den tiefen Ernst der Ury'schcn Schöpfungen hervorhöbe, man wäre versucht zu glau- ' ben, dass der Künstler karrikieren wollte. Sein Moses ist vollständig rätselhaft und nur seine Landschaften geben dem einfältigen Menschen, der naiv genug ist, beim Kunstwerk Kunstgenuss zu suchen, das Gefühl des befriedigten Behagens. Ganz anders Lilien. Wenn auch seine Hauptkraft im Dekorativen liegt, so ist er mit seiner ans Englische stark gemahnenden Schwarzweisskirnst ein Schaffender. Aber er ist mehr als das. Er ist der Künstler, bei dem das Jüdische und zumal das Ziouistischc als gestaltendes Moment so stark in den Vordergrund tritt wie bei keinem andern. Es ist kein blosser Zufall, dass ״die Erschaffung des Dichters“ ein porträtähnliches Konterfei Theodor Hcrzl’s gibt. Ueber die Künstlerqualität eines Israels. Liekcrmann, Solomon oder Epstein zu sprechen״ hiessc trivial zu werden. Sie sind als Künstle: zu gross, um darüber hier zu reden. Das Bedeutsame ist, dass sie hier zum ersten Male als j ü d i s c 11 e Künstler auftreten. Das Verdienst Buber's. das nicht geschmälert werden soll, ist es. erreicht zu haben, dass in einem .1 ii d i s 0 h e 11 Verlage ein Werk erscheint ״J ii d i s c h c Künstler“, dass diese Künstler damit einverstanden sind — ההנס מיניז — und dass ein Ocsamtwerk geschaffen wurde, das den Jüdischen Künstlern Eire macht, und mit den Künstlern lind ihren Werken dem Jüdischen Volke. Das Buch Buber's ״Jüdische Künstler ‘ ist ein würdiger Nachfolger des gressartigen ״Ahnanach“. Es ist der erste grosse Scliriu in der Richtung zu einer!•ciicn jüdischen Kunst. E1 j a q 1!11. Das Ostafrikanische Projekt des sechsten Kongresses. VI. Der ewige Judi: in Basel. Von Sclmau ben Zwi Kleuiec. Eine Kongresspliaiitasic. N’ur wenige, sehr wenige haben ihn gesehen. Jene d die schluchzten und weinten, jene die da in Ohnmacht fiele NDSCHAU, No. 49 . sic haben ihn gesehen. Auch ich habe ihn gesehen, auch ich habe den ewigen Juden in Basel gesehen. Es war so! Traurig stumm sass er da mit kaltem Blick, in dem sich ein Fünkchen von Hoffnung spiegelte, wie ein heitrer Sonnenstrahl auf glitzerndem Eis. Die ganze Gestalt sah einem Denkmal aus alten Zeiten ähnlich an dem Jahre, Menschen und Schicksalsschlägc mit eisernen, unbarmherzigen Fingern und spitzigen Zähnen, rissen, bissen und nagten, der aber doch fast seine ganze Herrlichkeit bewahrt hatte, weil er aus feinem Ton geknetet war. Nur die äussere Hülle war ein wenig angegriffen, ein wenig vermodert; die Seele aber, die Seele war jung und ganz geblieben. So sass er da. Er horchte, er lauschte und blickte au! die Redner, die vom ewigen Judenunglück von seinem eigenen Unglück sprachen. Er suchte jedes ihrer Worte* aufzufangen, jeden Laut auf/usaugen. - Von der Ferne war er nach'Basel hcrbcigccilt, ewig rastlos, ewig wandernd, immer leidend. Spat am Freitag abend war er angekonuneii. Als er am der Strasse die vielen Juden aus aller Herren Länder, als er seine Leidensgenossen sah. da entrissen sich seltsame Laute seiner Brust. Laute in denen sich Freude und Leid, ewigem Leid, in denen sich Hoffnung j mit Trauer, stummer Trauer und Verzweiflung mischte. Er | ächzte, er stöhnte, er jubelte und jauchzte, aber er w einte nicht. | denn seine Tränen(|11el!e war längst versiegt. Seine Verfolger i hatten Ihm die Tränendrüsen aus den Augen gerissen, damit; er sie nicht etwa durch seine Zähren belästigen konnte, damit : sie nicht in den vielen, vielen Tränen, die sie ihm ausgepresst; hatten, ertrinken müssten. ״Menschen, Völker der Erde gebt mir mein Recht, gebt; mir das liiminiischc ewige Recht wieder, gebt mir mein Vater- : InnJ, gebt mir meine Heimat wieder. Ich will nicht mehr : wandern, ewig wandern! Ich will nicht mehr der ewige Jude i sein! Seht meinen Leib an! Seht diese Wunden, die mir die i niederträchtigen stolzen Buben unter dem blauen Himm.ei des ן schönen Spanien geschlagen haben; 0, sein wie sie glühen die ן Beulen, die man mir an den herrlichen Ufern des grünen Rheins : geschlagen hat! Seht die Schmach, die grenzenlose Schinde, die man an den Ufern der Newa über niein greises Haupt gehäuft hat! Q, Menschenkinder gebt mir meiue Ruhe, gebt mir i meine Menschenrechte, gebt mir mein Heimatland wieder." J So schluchzte er, so rief er immerwährend, immerfort. I Daun beruhigte er sich wieder und ein Hoffnungsstrahl leuchtete J in seiner Seele auf. Rosige Zaubcrbilder der nahen Zukunft ג i stiegen vor seinen kalten müden Augen auf. Er sah sich in .! der Heimat. Er fühlte seine Fiisse, die vom ewigen Wandern Mordschai Zwi Manne. Er war Dichter und Maler. . In diesem Monat ist er gestorben. Sechzehn Jahn sind verstrichen, seitdem er die Augen für immer ge־ schlossen hat, sechzehn Jahre sind verflossen, seitdem eine der schönsten Blumen der Judeugassc geknickt wurde. Mordechai Zwi Manne ward zu Rodzkavitz geborert, einer kleinen Stadt des Wilnacr Gouvernements, im Jahre 1859. Seine Eltern waren sehr arm. Der Vater selbst war sein Lehrer und bei ihm hat der kleine Manne Bibel und Talmud gelernt. Der Knabe Morüechai Zwi Manne war sehr ileissig und schon nach kurzer Zeit bemühte er sich, ganz allein ohne Lehrer zu arbeiten. Schon damals, als kleiner Junge, zeichnete er sich durch• Malertalent aus. Schon damals malte er allerlei Blumen und kleine Kunstwerke, wie die sögenannten Mizrachtafeln. Als er dreizehn Jahre alt war, ging er nach Minsk, um die'doiiige Jesehibhali zu besuchen, aber er verliess sic sehr bald wieder und kehrte im Jahre 1876 nach Hause zurück. Die Eltern wussten nicht, was sie. mit ihrem kleinen Sohn beginnen sollten. Er war viel zu schwach, um ein schweres Handwerk zu erlernen. Deshalb gaben ihn seine Eltern zu einem Uhrmacher in die Lehre. Der kleine Manne gab sich sehr viel Mühe, uitd mit grossem Ernst beschäftigte er sich damit. Aber sein Vater bemerkte nach kurzer Zeit, dass eine geistlose Arbeit eine schreckliche Qual für seinen Sohn sei. ״Was soll ich denn -- schreibt der Vater an einen seiner Freunde > mit meinem lieben kleinen Mordechai Zwi machen? Er kann nicht Uhrmacher bleiben, er ist zu etwas anderem geschaffen; er kann sehr viel für die Welt und für die Menschheit leisten; «aber was soll ich denn tun? . . Ich bin so arm und habe kein Geld, die Talente meines Kindes zu entwickeln.“ Später entschloss sich der* arme Vater, seinen Sohn nach Wilna zu schicken, um ilun dort die Jesehibhali, deren Leiter Rabbi Jehosclma Heschel war, besuchen zu lassen. Rabbi Jehosclma Heschel, der ein sehr tiiehtiger und vernünftiger Mann war. merkte sofort, dass der kleine Manne. ״לגדולות נוצר״ wäre und dass er Talent zum Maler hätte. Er gab sich infolgedessen viel Mühe, uni dem kleinen Manne die Erlaubnis zum Besuche der Malersehule in Wilna zu erwirken. Sehr