Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 48, JÜDISCHE RUNDSCHAU, Seite 521. Der, Rabbiner soll zum Sclilitss ein Gebet sprechen und es mit dem Prlesterssegenssprueh endigen. Eine altmodische Rettung des Judentums genügt eben unser!! modernen Vertretern der Neuorthodoxic nicht mehr. Mit den modernen und modernsten Mitteln wollen sic ihren gottgefälligen Zweck erreichen. Diese modernsten Mittel finden sic ebenso wie ihre liberalen Gegner wieder nur in der Kirche. Der Vertreter der Kommission brachte in Vorschlag, dass zum Abschluss der ganzen Feier der Rabbiner dem ״Koniirmanden“ feierlichst ein Buch überreichen solle, in das er einen geeigneten frommen Spruch geschrieben hätte. Ob er dies während des Gottesdienstes tun solle, um die Feierlichkeit noch mehr zu erhöhen, ist nicht gesagt worden. Jedenfalls ist die Ueberrcichung des Buches ebenso der Kirche entnommen, wie diese ganze Form der ״Einsegnung“. Jüdisch-klerikal mag das sein, konservativjüdiscli ist cs nicht. Aber es ist überhaupt bezeichnend iiir unsere Konscrvativen. dass kein einziger auf den Gedanken gekommen ist, dass man durch Rückkehr zu der alten in Jahrhunderten übcrlicfcrteil Form der Bar-Mizwah eine viel eindrucksvollere Eeicr erzielt, als dies durch alle Nachahmung fremden Wesens erreicht werden kann. Freilich setzt das voraus, dass unsere Knaben wenigstens soviel Hebräisch lernen müssten, um ein Abschnitteben in der Tora lesen zu können. Und so reaktionär sind unsere Konservativen nicht, um so weitgehende Forderungen an die hebräischen Kenntnisse unserer Schüler zu stellen. Wir können uns nicht verhehlen, dass der Antrag, die Bar- Mizwahicier mit mehr Orgelklang und Chorgesang. mit Geschenk blich und Pricstersegai, mit deutschem liehet und Eeicrlichkeit auszustatten, einen gewaltigen Schritt vorwärts bedeutet. Es ist der erste Vorstoss und der erste En׳dg der konservativen Garde in der Gemeindestube; und wir konstatiereil mit Befriedigung, dass er auch genügend beachtet wurde, da ein Spczialkorrespondeiit unserer neuesten jüdischen Zeitung des ,.Sclilemiel’’ zugegen war. Er wird imstande sein, die Grösse dieses Ricscncriolgs konservativen Judentums ins rechte Licht zu setzen. Eljäqitn. Die tiefgehende Erregung des jüdischen Mittelstandes darüber, dass der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde, den Juden von Nord-Berlin ihrer Ueberzcugung /.uw ider durch Einführung einer Orgel in der Synagoge Rykestrasse einen Reiormgottesdienst autoktroyierett will, kam in einer Versammlung zum Ausdruck, die der ,.Zentralverein iiir die Interessen der Jüdischen Gemeinde in Berlin“, in dem Saal der Brauerei Königsstadt, für den 19. November cinbenn'en hatte. In der Versammlung, die sehr stark besucht war und deren Vorsitz Geh.-Rat Dr. Blumenthal führte, erstattete Herr Aron Hirsch das Referat. Der Referent führt aus. dass er die Orgclfrage für Berlin nicht entscheiden wolle, da sie durch die bestehenden Orgeln im gewissen Sinne schon entschieden wäre, es handele sich einfach um die Frage, ob diese Sy nagogc eine Orgel erhalten solle. Auf Grund genauer statisticher Zahlen wies er nach, dass sowohl die Betstätten der Privat- Synagogen-Vereine als auch von der grossen Gemeinde für die hohen Festtage eingerichteten Betstätten ohne Orgel einen vollen Besuch aufweisen, woraus deutlich die Stimmung gegen die Orgel hcrvorgchc. Die Nichtigkeit der Entwände des Vor- Standes der Gemeinde, eine Andacht ohne Orgel sei in einer grossen Synagoge nicht möglich, beweise eine ganze Anzahl grosser Gemeinden; der Grund, mit Rücksicht auf die Hoch- Zeiten eine Orgel־ zu haben, sei auch nicht stichhaltig, da nur der geringe Teil der Trauungen in der Synagoge stattfinde. .Er schloss mit der Aufforderung, durch ein einstimmiges Votum gegen die Orgel den konservativen Repräsentanten die Möglichkeit zu geben, ernst gegen die Forderung des Vor- Standes Front zu machen in! Interesse der Gemeinde selbst. Geheimrat B I u 111 e n t h a I erklärte in den Dankesworten an den Referenten, dass man die Versammlung einberuici! habe, damit diese den Repräsentanten das Rückgrat stärke. An der Diskussion beteiligten sieh im wesentlichen die Herren: Redakteur Klausner, Hartmann. Ludwig Jkhr, Wcdcli. Weinberg. Dr. Rosenberg, Bernstein etc., welche sich mit Ausnähme des Herrn Hartmann gegen die Orgel aussprachcn. Herr B e 11 r wandte sich speziell gegen den Referenten darin, dass er die Orgelfrage iiir Berlin iiir 11 i c h t erledigt erklärte; er wies nach, dass man die Orgel zu einer Zeit eisigeführt habe, als man sich bestrebte, überall unjiidischc Sitten nachzuahmeu. Es sei jetzt durchaus das Bestreben vorhanden, zu dem spezifisch jüdischen zuriiekzukehmi. Wir wollen keine israelitischen Kirchen, keine vcreliristlichte Synagoge, sondern eine rein jüdische Synagoge, in der man sich freut, die alten Gepflogenheiten des tradi!in!1e!!cn Gottesdienstes wiederzuiinden. er verlange daher einen absolut unabgeänderten Gottesdienst. Berlin. Die Anzeichen dafür, dass man in den Kreisen der Logen des B 11 c - B r i t h ordens. unserer Bewegung immer grösseres Interesse entgegen;bringt, mehren sich in erfreulicher Weise. Wie wir huren, sprach atn Sonntag Dr. Klee in der K a i s e r - F r i e d r i c h - L o g e in B r e in e n. am Montag 1) r. Schauer in der Dalberg- L o g c in \V o r rr! s über die zionistische Bewegung. R. Unter Zusicherung freier Aussprache lud in Posen der Zentralyerein Deutscher Staatsbürger jüdischer Glaubens zu einer \ ersajiunhnig ein, in der man cen Zi״n s!:;us cinsarge!. wollte. Zu dem Behufc hatte nnm de ר Justizrat 111 ־ c h s aus Berlin kommen lasse!!, der wie Büeam in Begleitung seines getreuen Freundes Rechtsanwalts liorv.icz kam, um den Zionisntus namens des Posener Balak zu verfluchen. Die Pusener ..deutschen“(!) Juden waren nicht sehr erbaut, dass beim neuen Bileam die Geschichte vom alten sich viederholtc. er wollte fluchen, aber er segnete. Auch sein Begleiter hat gesprochen. Diesen beiden Rednern wurde die zugesicherte freie Aussprache gewährt. Die Ausfiihnmgcit des Justizrat Fuchs kamen dem Zionismus oft wider seinen Willen verzweifelt nahe. Von zionistischer Seite sprach Dr. Karl Jeremias, von misrachistischer Dr. Königsberger aus Pieschen, lieber den weiteren Verlauf der Versammlung schreibt ״Jcschuru 11": ,.!Man hatte den Eindruck, dass der vor der Rede des Herrn Dr. Plaezek aufgctauchtc Antrag, den folgenden Rednern nur fünf Minuten Redefrist zu gewahren, der unter schariem Protest auch anwesender Mitglieder vom Vorsitzenden als mit die drei Opfer ergriffen und vom Dache hcrabgcsclileudcrt. Das Mädchen fiel auf einen Hauten Bettfedern und blieb unverletzt. Die anderen verwundeten sich bei dem Sturze. Sogleich aber fiel die Menge über sie her und ermordete sie alle drei mit eisernen Stangen. Unter wildem Gelächter bedeckten sie die Sterbenden mit Bettfedern. Einige Fässer Wein wurden j sogleich über sic ausgegossen und die Bejammernswerten — ■ Machlin soll noch einige Stunden gelebt haben — erstickten in dieser schmutzigen, mit Strasscnstaub, Wein und verfilztem Flaum bedeckten Lache. Als letzter wurde Nissenson ermordet. Er war zuerst mit seiner Frau Im Keller versteckt gewesen, flüchtete aber auf die Strasse und hätte das gegenüberliegende Haus wohl noch erreichen können. Weil aber seine Frau in Bedrängnis geriet, machte er kehrt, um ihr beizustehen., Vor dem Hause Nr. 7 j in der Asiatischen Strasse wurde er niedergeschlagen. Die Menge stürzte sich auf ihn und zerrte den Schwerverwuudeteii in den Rcgcnlachen hin und her. Für eine Weile trat Ruhe ein. Die Juden kamen aus ihren Häusern heraus, um Nissenson bei- . zustehen. Sie zogen ihn aus dem Kot, labten ihn und begannen ihn vom Schmutze zu reinigen. Nissenson lebte noch, nur Arme und Beine waren ihm gebrochen. Ein einzelner Exzedent verj scheuchte die Juden, stürzte sich auf Nissenson, versetzte ihm י mit einer Brechstange einen Hieb aui den Kopf und befreite ihn von seinen Qualen. Erst um fünf Uhr nachmittags wurde bekannt, dass der sehnsüchtig erwartete ״Prikas“ (Befehl) endlich eiitgetroffcn sei. Nach kamt» einer Stunde war die Ruhe ohne Blut vergiessen, ohne Gewalt, ohne Schuss vollkommen wiederhergestellt, der Befehl hatte genügt. Jetzt aber sind ganze Jahre nötig, um die schmachvolle Erinnerung an diesen blutigen Tag wcgzuwisclien, der als ein Brandmal auf dem Gewissen derer iit Kischinew lastet. VII. Ich fühle, wie wenig ich in dieser Skizze zu schildern vermochte. Ich wollte aber wenigstens eine einzelne Episode aus dem entmenschten Chaos, das ״Pogrom“ genannt wird, lebendig darstellen. Zu diesem Behüte benützte ich die lebhaften Eindrücke von Augenzeugen. Eindrücke, die sicher unvergesslich waren. Allerdings, ich benützte die Zeugenaussagen von JuJcit. aber es ist wenig Grund vorhanden, ihnen nicht zu glauben, die Leichen beweisen ja die Wahrheit: Im Hause Nr. 13 Jiatte man wehrlose Menschen haufenweise ermordet, •?!״*,*iVtW׳ stundcnlang Inmitten einer bevölkerten Stadt. Ist es den Juden nicht gleich, auf welche Weise ihre Väter und Brüder hingeschlachtet wurden? Warum sollten sie Einzelheiten hinzudichten?,..