Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Ai Seite 520._JÜDISCHE RUNDSCHAU. Die Deutschen ln Palästina. Der deutsche Konsul Dr. Büge In Jaffa teilt In einem Bericht an das Reichsaint des Innern mit, dass in der Nähe von Jaffa eine neue grosse ik-utschc Kolonie in Entwickelung begriffen ist. In dem Berieht heisst es: OcstHch von dem deutschen Dorfe Sarona bei Jaffa sind etwa 818 ha Ländereien zu einer Kolonie der Tempelgesell- Schaft angekauft worden. Die Kolonie ist eine Acker- und Weinbau-Kolonie. Die Kosten des Ankaufs dieses von drei mohammedanischen Dorfgemarkungen abgeteilten Geländes heliefen sich auf 20 Frank für den Diunan abgctciltcs Land (die 818 ha sind gleich 8900 Dumam). Von den 875 fremden Christliehen Angehörigen und Schutzgenossen in Jaffa sind MO Deutsche: an zweiter Stelle folgen die Griechen mit einer Kopfstärke von 110. Konsul Biigc betont, dass bei der Fruchtb a r k c i t des Bodens im allgenreinen Palästina sich zu c i 11 c r r c i c!! c n u n d a 11 c h wirtschaftlich 11 e d e ווtendea Provinz des türkischen Reichs entwickeln k ö 11!1 c. Die Beteiligung Deutschlands an der Hilifuhr ist schwer festzustellen, da die mit dem österreichischen Lloyd aukonimcndcn Waren schlechthin als österreichische Fr- Zeugnisse aufgefiihrt werden. Waren vorwiegend deutscher Bezugsquelle sind die Kleineisciiwaren und Bier — beides im österreichischen Wettbewerb - - und Pctroleinnmoioren (im englischen Wettbewerb), ferner Wirkwaren und Tuch- und W ׳ifleuwaiei. Zigarren (gering), Spiclwaren, Lampen, Hiite. Zucker führt Deutschland erst seit neuerer Zeit über Hamburg aus. Von Deutzer (Otto)־ Gasmotoren wurden im vergangenen Jahre 36 Stück zu insgesamt 120 Pierdckräitcn ausgeführt. Die Summe der seit 1898 in Jaffa eingefültrten Motoren aus Deutz beträgt 1u2 Stück zu 300 Pferdekräftcn. Im Berichtsjahr 1902 liefen 19 Dampfer (teils der Lcvantcliuie. teils der Dampfschiffsreederei von 1889 gehörig) die Reede von Jaifa an mit einer Gesamtzahl von 2-1 228 Registertons. Die Gesamteinfuhr betrug 1563 t. die Ausfuhr 1637 t. An diesen Ziffern war Hambürg beteiligt mit *163 t Hinfuhr und 1397 t Ausfuhr. Aus der Gemeindestube. Die unumschränkte Herrschaft der Liberalen während beinahe dreissig Jahren hat die Berliner Jüdische Gemeinde als solche unfruchtbar gemacht. Indem inan nur reiche, möglichst recht reiche Leute in Vorstand und Gemeindcvcrtretung wählte, verzichtete man darauf, jüdische Gesiehtspunkte bei diesen Wahlen geltend zu machen. Das rächte sich bitter. Denn Oie Zeit des liberalen Regimes war gleich- , bedeutend mit der Herrschaft systematischer Entjudung. In der Ferne, *1• nicht allzu grosser Ferne schwebte der Eintritt in den Protestantismus vor. So zog der Orgelklang in die Synagogen ein und Andacht und Zion hinaus. Selbst die rohe man ergriff ihn aber, schleifte ihn auf der Erde und erschlug ihn mit Knüppeln an der Stelle, wo jetzt die vertrocknete Blutlache zu sehen ist Die Witwe des Erschlagenen nennt den Namen des Mörders. Es ist aber freilich noch eine Frage, ob sic sich nicht ״irre“ und ob die Bluttat nicht von einem zugelaufenen Räuber, von einem Albaner aus der Türkei vollbracht wurde. Allein die Judenfrau versichert mit tiefer Ucberzeugung: ״Ich hielt während der Mordtat das Kind auf meinen Arm, wir sollen so leben, dass wir gute. Bekannte wären.“ Der ״gute Bekannte“ hatte im Hause Nr. 13 den ersten Messerstich geführt Nach dieser Tat wurde die Sachlage klar. Das erste Todesröcheln zeigte den Juden nnd den Angreifern, was weiter 7.u erwarten sei. Wie ״Mäuse in einer Falle“ begannen die Juden jetzt hin und her zu rasen. Einige von ihnen flüchteten aut den Dachboden, unter ihnen Maclilin, der Hausbesitzer mit sei- 11er Tochter,, hinterdrein die Mörder. Zwei schwarze Ocffnungen, umrahmt von durcheinander geworfenen Ziegeln, steht mau noch auf dem Dach des Hauses Nr. 13. Als ich dort war, lag an einer dieser Ocffnuitgen eine blaue eiserne Waschschüssel. Die Verzweiflung der bedrohten Juden muss sehr stark gewesen sein, sonst'hätten sie es nicht vermocht in wenigen Minuten ohne Werkzeug zwei solche Breschen durch das Dach zu schlagen,!11 der Todesangst wnr v־s ihnen aber gelungen! No. 48 - ״ , , . - Ungeschicklichkeit, mit der Stümper das Gebetbuch entstellten und vcrballliornisierten, vermochte diesem Treiben keiner, Einhalt zu tun. Man wollte sich der umgebenden herrschenden Religionsforin möglichst anpassen und alles Jüdische ausschciden. Der protestantische Gottesdienst wurde Muster und Muss für den jüdischen Ritus. Das alles sollte anders werden, als die konservative Majorität in die Genteindestubc cinzog. Es sollte werden. — aber es wurde nicht. Denn diese flaumweiche Majorität ist in jiidischer Beziehung kaum anders gesinnt als ihre liberalen Vorganger. Was hat sie bisher getan, um konservatives Judentum zur Geltung zu bringen? Haben die Konservativen für bessern Unterricht im Hebräischen gesorgt? Haben sie Sorge getragen, dass die Geschmacklosigkeiten des ״reformierten“ Gottesdienstes verschwinden, in dem Bibclstcilen halbiert werden, damit es besser zur Religion der Liebe passt? Haben sic wenigstens das eine durcligesetzt. dass sic in den Konitpissionen sitzen anstelle der Liberalen, in denen über Fragen des Judentums entschieden wird? Nichts von alledem. Das Gegenteil ist der Fall! Und doch, es ändern sich die Zeiten, - die konservative Mehrheit regt sich. In der letzten Rcpräsentantenversanimlung wurde eine Vorlage über feierlichere Ausgestaltung der Bar-Miswahfeier cmgebracht und beraten. Berichterstatter war der Konservntiste der Konservativen. Repräsentant A. Hirsch. Es ist klar, hier ist der Angelpunkt, wo man das liberale System, an dem das Berliner Judentum so schwer leidet, aus den Angeln heben wird. Die Jugend soll wieder jüdisch werden, und bei der Bar-Mizwalifeier fängt man au. Der Repräsentant Hirsch brachte den in der Kommission gefassten Beschluss als Vorschlag ein. Dieser will, dass ausser dem Chorgesaitg lind Orgelklang. der dach das Wesentlichste der ganzen Bar-Mizwahicier ist. ein kurzes Gebet gesprochen werden so!!; und zwar ist hierzu das Gebet ausersehen. welches an dieser Stelle in. den Londoner Synagogen ei!י geführt ist. In London wird dies Gehet hebräisch gesprochen, in Berlin soll es. w׳ic der Redner der ..Konservativen*• Vorschlag, deutsch gesprochen werden. Vielleicht wäre es noch geeigneter, es englisch sprechen zu lassen, damit der Knabe auch gleich seinen nützlichen Sprachstudien etwas hiuzufüge. Zuerst soll dies neue Ritual in den drei Orgclssynagogen eingeführt werden, um von dort aus in die anderen Gotteshäuser iiberzugehen. Freilich wird cs Missliebigkeiten geben, wer von den Knaben das Gehet sprechen soll, wenn, wie das iit Berlin fast allsabbatlicl: der Fall ist. mehrere Knaben zugleich Bar-Mizwalt werden. Die Herren haben da mehrere recht subjektive Vorschlage gemacht. Wir sind in der Lage, durch einen objektiven Vorschlag ein Mittel au die Hand zu geben, dass diese Ehre keinem unwürdigen Knaben zu teil werde, und dass tnaii^ auch jederzeit rechmmgsnüissig feststclleu kamt, wer zum Gebet- Sprecher zu designieren sei. Für uns ist cs gar kein Zweifel, dass ausschliesslich der Sohn jedesmal des Höchsthestcucrteii allein dieses Gebet in würdiger Stimmung zu sprechen vermag. Alle Rangstreitigkeiteil werden damit von selbst aufhörcit. * Aber der Vorschlag der Kommission ging noch weiter. Sic wollten unbedingt hinaus aut das Dach. Dort sah man das Licht der Sonne und rings um das Haus herum waren Menschen versammelt. Der Schutzmann Nr. HS war da, die Militär- Patrouillen ... cs war doch heller Tag, Sonnenschein ... Als erste schlüpfte die Tochter aus einer Oetfnung auf das Dach; ihr folgte der Vater, aber ein Mordgesclle ergriff ihn am Bein. Vor den Augen der Menge begann ein verzweifeltes Ringen. Plötzlich Hess das erschöpfte Mädchen von dein Alten ab, beugte sich herab und flehte den Angreifer um das Leben ihres Vaters. Der Hess von dem Greise ab. Möge ihm ein Teil seiner Schuld verziehen sein. Drei Verfolgte waren auf dem Dache. sie erblickten abermals die Gotteswelt, den Platz, den blauen Himmel, die Samte, den Schutzmann Nr. HS, die Militärpatrouillen, die auf Befehle warteten, vielleicht auch den Geistlichen, der die Masse zu beschwichtigen suchte. Dieser Geistliche war zufälligerweise vorübergekommen und von den übrigen Juden aiigefleht worden, die Verfolgten zu beschützen. Er w׳ar, wie es scheint, ein guter Mensch, und wusste nicht, dass es in Russland Leute gibt, die das Recht haben, Wehrlose zu morden, ohne sich vor dem Lichte der Sonne und des Tages zu schämen. Mit christlichen Worten wandte sich der Priester an die Menge, aber die Angreifer bedrohten ihn, und er schlich davon. Vor Augen vo» hm1dv*r!cn von ^useiwvcrn wurden tiui!