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Jüdische Rundschau · 1903-11-27 · Heft 48 (27.11.1903) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 48 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 514. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 48. jedes Wort aus dem Gebetbuch gestrichen, das an Zion, an unser Volkstum, das an unsere Leiden und unsere Hoffnung, das an unsere Feinde erinnerte. Nichts hat man der neuen Generation geben wollen, als den Namen Jude. Und der bedeutete nichts mehr als Nichtchrist. — Man war auf so gutem Wege — und da kam die böse national-jüdische Bewegung!! Jawohl, Herr Dr. Meyer, -־ wir werfen Sie und Ihre Anschauungen zum alten Eisen. Wir gehen auf unserem Wege weiter und können nicht auf die Wegmüden Rücksicht nehmen. Wohin wir unsere Schritte lenken, braucht hier nicht gesagt zu werden. Nur dagegen soll Verwahrung eingelegt werden, als ob wir Juden der Tat uns hätten durch die Erfolge des Antisemitismus verbittern lassen und aus Verzweiflung zu unseren Ideen gekommen wären. Nicht auf unserer Seite liegt die Resignation. Wir können jenes Mass von Bescheidenheit nicht begreifen, das — wie oben gezeigt, sich zufrieden mit der heutigen Lage zur Ruhe setzen will. Wir haben auch keine Lust, wenn wir von antisemitischen jungen Flegeln angerempelt werden. — wie Sie an die Hand geben —, zu warten, bis sie mit dem Alter ruhig geworden sind. — Wir sind die Kämpfer und wir geben kein Titelchcn unserer Rechte als Bürger des Staates auf, in dem wir leben und für den wir das Beste, was wir haben, einsetzen, da wir nicht maskiert, sondern mit freier Stirn unsere jüdisehen Gaben dort, wo es uns verstauet ist, bringen zur Hebung der Kultur und der menschlichen Gesittung. Ich begreife, dass Herr Dr. Meyer die Bewegung ״imheimlich“ findet und ich gebe ihm Recht, dass mit ihm über diese Frage keine Diskussion möglich ist. Denn wahrlich nicht seine Worte an sich haben meine Erwiderung veranlasst. — Ich muss sagen, dass ich ein gewisses Mitgefühl empfinde, wenn ich die resignierten Worte lese, mit denen der Verfasser seine Betrachtungen abschliesst, — bevor das herkömmliche Finale beginnt. Ich kann es begreifen, dass es schwer und schmerzlich ist, mit altem, liebgewordenem Aberglauben aufgeräumt zu sehen. Was mich zu der ausführlichen Entgegnung veranlasst hat, ist Folgendes: Der Artikel ist in einer Zeitung erschienen, welche eine erste Stelle unter unseren jüdischen Wochen- Schriften einnimmt, einem Blatte, dass auch gerade nicht — jüdischen Kreisen als das deutsche Judentum repräsentierend gilt — Es erscheint mir nun geradezu unglaublich, dass der Redakteur eines solchen Blattes es mit seinem Verantwortlichkeitsgefühl vereinen kann, diesen Artikel zu veröffentlichen. Auch vermisse ich bislang eine genügend deutliche Kommentierung des Artikels. Will man nicht sehen, was der Artikel bedeutet? Herr Dr. Meyer hat Recht: Das Versteckenspielen hat keinen Wert. ־- Und doch spielte er Verstecken, — auch vor sich selber. Meine ernsthafte und feste Ueberzeugung ist: Der Mann, der Quo va'dis schrieb oder seinem Inhalte zustimmt, empfindet sein Judentum als Unglück. — Es ist ein Unglücklicher, der aus Chä. rakter-Stolz, Trotz, vielleicht Pietät nicht zur Taufe schreitet, — der aber seh nlichst wünscht, dass seine Kinder, ohne sich vor sich selbst schämen zu müssen, diesen Weg finden und nicht wagt, sich selbst diesen Wunsch einzugestehen! Es ist die Theorie des Benedictus Levitaü Wir können nicht, — unsere Kinder aber sollen es leicht haben!! Das ist viel gefährlicher, als alles, was wir bislang gehört haben, — gewiss gefährlicher, als die burleske neue Toleranzgründung! Die Gefahr liegt darin, dass, die diese Lehre predigen, sich selbst ängstlich zu täuschen suchen, — dass sie gewaltsam die Augen zusammenpressen, um nicht zu sehen, wohin sie ihre Kinder schieben. Und doch wissen sie es im Innersten, dass sie mit rasender Eile dem bekannten Ziele zustreben. Wenn aber eine gelesene jüdische Zeitung ungestraft das ihren Lesern bieten darf, dann ist wahrlich der Zionismus um keinen Augenblick zu früh erschienen!! Das Ostafrikanische Projekt des sechsten Kongresses. Aus einem in ׳ “ צ י• ך. ׳ abgedrucku.11 Rundschreiben der Warschauer Dlstrlktslehung au die ihr unterstehenden Zweigvereine entnehmen wir: ״. . . . Sie haben gewiss grosses Interesse für die Ost• afrikafrage, die eine so heuige Diskussion hervorgerufen hat, und derentwillen die Zitmisten gleichsam wie in zwei Lager sich gespalten haben. Wir sehen uns daher veranlasst, Sie aufmerksam zu machen, dass bedauerlicherweise die ganze Frage infolge einer falschen Auffassung von Gegnern unserer Bewegung absichtlich missdeutet wird. Ls ist nicht die Frage wie sie von vielen stilisiert wird: ״Zion oder Ostafrika?“ sondern: ״Sollen wir, bevor es uns gelungen ist, Palästina zu erlangen, uns um ein anderes Land bewerben oder nicht?‘* Die Majorität des Kongresses antwortete ״Ja". Wir nehmen das angebotene Territorium unter der Bedingung au, dass es geeignet ist, die Lage eines grossen Teiles unseres leidenden Volkes zu verbessern.“ Die Minorität sagte: ״Nein, wir nehmen das Land, mag es noch so günstig sein, nicht an.“ Sic müssen diese Frage ernstlich, ohne jede Beeinflussung von künstlerischer Agitation erwägen, um sich für eine der beiden Parteien zu entscheiden. Ich selbst sagte ״Ja“, weil ich der Überzeugung war, dass Ostafrika uns nicht allein von Zion nicht abwendig machen werde, sondern umgekehrt, unsere Arbeit für die Renaissance unseres Volkes irn Lande der Väter erleichtern könne. Ich hoffe, dass sich auch die Neinsager davon überzeugen und dem Projekte beistimmen werden. Jetzt müssen wir die Mittel für die Expedition aufbringen helfen, die das Aktionskomitee zufolge des Kongressbesclilusses demnächst entsenden soll, um das angebotene Gebiet nach allen Riehtungen zu erforschen. Auf Grund der Äusserungen dieser Expedition wird der nächste Kongress die Frage behandeln und seine Beschlüsse fassen. Wie diese Beschlüsse immer ausfallen werden, der triumphierende Ruf unserer Gegner, die darin das Ende des Zionismus erblicken und es aller Welt verkünden, dieser Ruf ist ebenso lächerlich als tmwahr. Im Gegenteil, die letzten Ereignisse und das Verhalten massgebender Regierungen zu uns berechtigt uns zum Ausrufe: ״Es ist kein Traum mehr! Der Zionismus hat gesiegt!“ Und nun, Brüder, an die Arbeit! Arbeiten wir mit mehr Mut und Energie als bisher . . .“ Wider das Ostafrika-Projekt. Der VI. Zionistenkongress hat beschlossen, das Ostafrika- Projekt zu untersuchen. Mit dieser Tatsache können wir uns ruhig abfinden; es sei jedoch einem Zionisten gestattet, betreffs des Projektes selbst in aller Bescheidenheit seine Meinung zu äussern. Die Hauptgründe, die mau für das Projekt anführtc, sind

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