Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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45 .0ןי ז JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite «4 14. Dr. A. Sandler: Anthropologie'und Zionismus 85 Pf., bei Abnahme von 20 Stück & 75 Pf. 15. Dr. 4. B. Saplr: Der Zionismus.‘ 2 Mark. Ferner: Stenographische Protokolle vom I., 11.. III. und V. Zionistenkongress, ä 80 Pf. i:i Rundschau. H Ein Ex-Antlseralt über Antisemitismus. Sind wir auch weit davon entfernt, wie das Abwehrjudentum über jeden reuigen Antisemiten — Ihre Zahl ist übrigens üusserst gering — in heitern Jubel auszubrc'chen, so wollen wir doch nicht unter• lassen, unseren Lesern das Urteil des früheren Chefredakteurs des ״Volk“ und eifrigen Adiatus von Stöcker — Helmut!! v. ücrlach’s über den politischen Antisemitismus zu übermitteln. Wenn einer, so kennt er sie ־-- die Retter des deutschen Volkes aus dem Joch der Juden. Heute steht v. Ocrlach, der Spross eines der ersten Adclsgeschlechter Preussens, der Vetter des Finanzministers v. Rheinbaben, auf hoher politischer Warte auch so weit die Judenfrage in Betracht kommt. Der Zionismus ist ihm seines sozialen Kernes wegen eine ebenso sympathischc Bewegung wie jedes Streben nach Luft, Licht und Freiheit auf dem Boden einer durch die natürlichen Bedingungen gekennzeichneten Entwickelung. Eine interessante Tatsache Ist, dass vielfach gerade die Juden Eugen Richterscher Observanz Ine und da die Ehrlichkeit der heutigen Ucbcrzbtigung v. Qerlachs anzweifeln. Der Grund hierfür liegt darin, dass sie einerseits für einen Mann seines Milieus und seiner Erziehung den Antisemitismus als das von Natur Gegebene betrachten, andererseits aber in jeder selbst durch die Wucht der Tatsachen bewirkten Modifizierung der früheren Meinung — etwas Ehrenrühriges sehen. Zu dieser Auffassung hat sie das leuchtende Beispiel politischer Nackenstarre, ihr antiseniitelnder Führer Eugen Richter erzogen, der noch heute ״voll und ganz" in einem verknöcherten unproduktiven Liberalismus aus der Zeit der ״Sturnigesellen*‘ verharrt Wir, die wir selber hinsichtlich unseres Volkes uns aus dem rückschrittlichen Fortschritt des Rkformjudentums zu den ursprünglichen Qaelien unserer Kraft gewandt haben, begreifen sehr wohl, dass ein deutscher Antisemit, sowohl wie ein deutscher Rabbiner der Macht der Tatsachen ihr Ohr und Auge nicht zu vcrschliessen brauchen. In dem von Friedrich Naumann herausgegebenen Jahr* buch ״Pafria" schreibt Herr v. Gcrlach u. a.: ״Das Jahr 1893 bezeichnet die parlamentarische Sonne יhöhe des Antisemitismus. Von da an geht es rapide abwärts Die wirtschaftlichen Verhältnisse besserten sich nicht nur. soitdern Deutschland erlebte eine Blüte, wie cs sic noch nicht zuvor gekannt hatte. Diese Blüte wurde wesentlich gefördert durch die Canrivischcn Handelsverträge, die die Antisemiten, iltrcn wirtschaftlich rückständigen Anschauungen getreu, fairitbch bekämpft hatten. Die Rolle, die die 16 Mann irn Reichstag spielten, war die denkbar kläglichste. Soviel Köpfe, soviel Sinne. Bei den meisten wichtigen Abstimmungen fiel man auseinander! Die einen stimmten dafür, die anderen dagegen, dritte enthielten sich. Die Partei schic« nichts Wichtigeres zu keuuen, als sich selbst zu neutralisiere״. Die künstliche Einigkeit, die man einen Augenblick geschahen hatte, schwand sofort wieder vor der reellen Meinungsverschiedenheit. Licbcmnnn v. Sonnenberg. Paul Förster, Zinuncrniann. Ahlwardt. Kö!11:r Böekel — jeder vertrat eine andere Nuance. Die Unterschiede führten zur Feindschaft. Die Führer intriguierten gegen einander, hassten einander, z. T. bitterer, als sic je einen Juden gehasst hatten. Die parlamentarischen Leistungen waren gleich Null. Teilweise war ja das Abgcordnetcnmaterial ausserordentlich minderwertig. Aber auch die fähigen Elemente fanden mehr Freude an einer gelegentlichen phrasenhaften Rede, als an zäher parlamentarischer Arbeit. Manche bcbicben das Schwänzen planniässig. Die besseren Elemente, angewidert durch die Zustände in ihrem eigenen engsten Kreise, zogen sich enttäuscht zurück. Nachdem sie vielleicht 2ömai י erschienen wären und zweimal geredet hatten, stand bei ihnen der Entschluss fest, nicht wieder zu kandidieren. Diese absolutc parlamentarische Unfruchtbarkeit hat dem Antisemitismus den Lebensnerv durchschnitten. Bel einem ernsthaften Volk, wie es nun einmal die Deutschen sind, verlangt man von Leuten, die an der entscheidenden Stelle sitzen, auch Leistungen oder wenigstens den Versuch dazu. Als tnan an Stelle dieser Leistungen immer und immer wieder nur Geschwätz hörte, da wandte man sich von den Leuten ab. die den überzeugenden Beweis ihrer Ueberfliissigkeit gebracht hatten. Die Zahl der antisemitischen Vertreter sank 1S93 auf 12, 1903 auf 9. Ein paar neue Bezirke wurden allerdings erobert, einige der rückständigsten Kreise Osteibiens. Hier konnte der Antisemit den Konservativen ablösen, weil er dieser von keiner politischen Aufklärung berührten Bevölkerung als der Befreier von dem Junkerjoch erschien. Dass diese Siege längeren Bestand haben sollt.cn. als ci״st die in Hessen und Sachsen, werden selbst Antisemiten, wenn sie noch eine Spur nüchternen Denkens sich bewährt haben, nicht behaupten!“ .י - Wir können die optimistische Auffassung von Gerlachs nicht teilen, — denn wir wissen aus guter Erfahrung, dass der gesellschaftliche Judenhass doppelt so grosse Fortschritte macht, als der politische Rückschritte - , aber wir würden ein falsches Bild der politischen Lage geben, wen״ wir von Oerlachs bedeutsame Kundgebung verschwiegen. Aus einem Privatbriefe entnehmen wir folgendes Bild. ״Sie dürften schon so manches über Hornel erfahren traben, aber wie die Sachen sich wirklich ve; hielten, darüber weiss man erst jetzt Genaues. E.s ist mm bewiesen, dass der ,.Pogrom“ ganz ebenso vorbereitet war wie in Köchin ג w. Man fand Proklamationen und Aufrufe, die bestätigen, dass systematisch die Hetze beim Volke, weint auch nicht von der Regierung, so doch von der sogenannten ״Intelligenz'‘ und Nationalrusse:! von langer Hand vorbereitet worden bt. Und das liebe Militär! Es erschien;:Heulings, uni Ordnung zu schaffen, aber nicht zu vergessen ist die Pose, die man Lei der Verteidigung einnahm. Mau stand mit dem Rücken zu den Christen (d. h. in diesem Falle zu den Räubern, Plünderern und Mördern) und mit der Waffe gegen d;e Juden gerichtet, (gegen die, die sich verteidigen wollten'. Aber diesmal hatten die Juden von K'schincw etwas gelernt, und da sic die Absicht des Militärs kannten sind ja doch die Soldaten die Verwandten die Brüder und Väter d• r , Pogromschtschikii" so schossen sie, als sie angegriffen wurden, auch auf das Militär. Der Wagemut und die Verteidigungslust wirkte in der Tat auf die rohen Banden, und so kaut es nicht zu allzugrossen, sagen wir richtiger /,normalen“ Judenmetzclciea. Augenblicklich sind alle zu der klaren Erkenntnis gekommen, dass, wenn die Juden von Homcl sich 11 i c h} t verteidigt hätten, oder besser, nicht gezeigt hätten, dass sie sich verteidigen wollen, die Affäre Hornel mehr Judcnmordc und Plünderungen a u f z u w cis e n hätte, als die in Ki sc hi new. Es wäre noch ein schrecklicheres Kischinew. Der' russische Bauer ist in seiner Rchcit grenzenlos, wenn ihm Freiheit gewährt wird; bekommt er aber eine Antwort, wird »hm mit derselben Münze heimgezahlt, dann zieht er sich zurück, und sein ganzer Mut ist hin. Man verbreitet eine Mär, dass die Juden in Hornel die Christliehe Bevölkerung gänzlich vernichtet hätten, wenn nicht zu deren Schutze das Militär cingetreten wäre. ״Die Juden wollen sich für Kischinew rächen“, meinte die Regierung, und hunderte Juden werden verhaftet und eingesteckt, bis ihre Unschuld bewiesen Wird. Nun, das dauert ja bei uns manchmal mehrere Jahre. Ich weiss nicht, soll ich es grenzenlose Frechheit oder Naivität nennen, wenn die Regierungsblätter und RegierungsverReter behaupten, die Juden wollen in der Zukunft noch weitere ״Pogrome“ bereiten. Ein Beispiel dazu zeigte sich in Riga: Da I ic ss der Polizeimcistcr den Rabl! in er zu sic 11 •kommen und ersuchte ihn w ö r 11 i cli, ermögedie Juden aufforder .ד. s i c-h ץ u h i g zu v e r 11 a 11 e n und keinen ״P o g r o m“ v e r|a n s t a 11 e n. er (der Herr Rabbiner) 3'öchte doch während der Feiertage in der grossen Synagoge