Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1903)
- Date
- 1903-11-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit© 478. JÜDISCHE RUNDSCHAU. .~־ No. 45. pfindat, welches unscrn Kindern Herzenssache ist und welches sie im Elternhause vor sich gesehen, ihnen von den eigenen Glaubensgenossen verletzt wfrd“, hat auf den ersten Blick so viel Bestechendes, dass ich ernstlich mit mir zu Rate ging, ob ich nicht bislang als treuer Zionist in einem grossen Irrtum befangen gewesen. Darum legte ich mir die Frage vor: Was bietet denn eigentlich dein Standpunkt der Jugend neues, wodurch solche Befürchtung berechtigt erscheint? Neues? Ich muss gestehen, ich konnte auf diese Frage keine Antwort finden. Was iedes Kind bislang gewusst und wenn Je wir es vergessen wollten uns Jeder Strassenjunge uns nachzurufen sich fiir berechtigt hielt, das wird etwas mehr als frülicrer Zeit betont und das mit Recht. Das ist die Tatsache, dass wir nicht von Hermann dem Cherusker, nicht von den alten Germanen abstammen, sondern geboren sind in der Nation, die der Welt eine Bibel gegeben und einen Gott, d1׳« wir einer Nation angeboren, die, obwohl landlos und zerstreut, dennoch lebt und weiter leben will und wird, denn sie durchdriugt ein lebensschaffendes Prinzip, das die Wurzel ihres Seins ist und welches tief im Boden der Geschichte ruht. — Steht das aber nicht im Widerspruch mit dem Patriotistnus, mit jener Liebe zum deutschen Vaterlande, die mir eine durch psychologische Gesetze gegebene Notwendigkeit ist? Nein, nein diese Liebe wohnt von Natur in meiner Brust! Und seien es kahle Felsen und Inseln und wohne Armut und Mühe dort mit dir: du musst das Land ewig lieb haben. Diese Liebe zu pflegen, zu hüten und zu fördern ist heilige Piliclit. die sich von selbst versteht. Alles zu betätigen, was diese Liebe uns vorschreibt, Ist ebenso selbstverständlich, wie die Pflichten, die aus der Liebe zu Vater ur.d Mutter folgen. — Aber unsere Kinder sollen nie vergessen, dass nichts in der Welt sic veranlassen kann, ihre Ucbcrlieicrungen und Stammcscigentämliehkeiten amzugebc■:!. Dadurch werden ihnen erspart bleiben die Enttäuschungen, die der Verfasser von Quovadis so rührend schildert. Nie sollen sie vergessen, dass cs vor ihnen Männer gegeben, ״die sich ein Jahrzehnt lang (vorgeblich) mit dem Gegner herun geschlagen,“ die weder . Leisetreter" noch ״Kriecher“ gewesen, die aber trotz aller ehrliehen Bemühungen nicht mit ihren Mitbürgern verschmelzen konnten, eben weil sic einer anderen Nation angehörten. Darum werden unseren Söhnen die Erfahrungen jener Männer zugute kommen und sie werden mit Selbstbewusstsein und Stolz jeden Versuch zur Assimilation von sich weisen. Nie werden sic die Worte vergessen, die unser Kaiser am L Sept. v. Js. int Ständchaus zu Posen gesprochen hat: ״Das Königreich Preussen setzt sieb aus vielen Stämmen zusammen, welche stolz auf ihre Geschichte und Eigenart sind; das hindert sie jedoch nicht, vor allen Dingen brave Preussen zu sein.“ Je mehr ich somit meinen Kindern zu Bewusstsein bringe, dass sie der jüdischen Nation | angehören, umsomehr werde ich in der Lage sein, ihnen die Pflichten cinprägen zu können, die sic dem Staate schulden. So erzogen, werden unsere Knaben für den a. a. O. vom Herrn Dr. Meyer gewünschten Mittelstand sich am besten eignen. Denn haben sie cingesehen, dass (sagen wir es offen) der Staat jüdische Akademiker n. dgl. nicht wünscht, so werden sie sich in produktiven Ständen für das eigene und des Staates Wohl ehrlich bemühen. Ihre Devise soll sein: Was du bist, sei ganz. Treu deiner Abstammung, treu dem Staate; ״denn in seinem Wohle liegt auch das deine." — Referat über ״Organisation“ auf dem Delegiertentage in St. Ludwig. Von D r. J. Moses. (Fortsetzung.) ־ Lassen Sie mich hier von der finanziellen Seite unseres Organisationsstatuts, die in den §§ 19—21 zum Ausdruck kommt, sprechen. Während die Gliederung unserer Organisation, die Dezentralisierung in Dristrikte uns heute schön in Fleisch und Blut fiberg-egangen ist, hat die vorgesehene finanzielle Vertcilung keine durchgreifende Einführung gefunden, Hs liegt heute ein Antrag hier vor. welcher das in den genannten §§ festgelegte Verhältnis dahin ändern will, dass künftighin die Kölner Zentrale r.ur soviel an Beiträgen erhält, als sie zu Deckung ihrer Auslagen bedarf. Der Antrag hat sicher manches Berechtigte, indem er die Distrlktsburaus, in deren Hände fast allein jetzt die Regelung der Propaganda liegt, ausgiebiger mit Geldmitteln versorgen will, leb selbst aber bin für eine derartige Entblössung der Zentrale von Hinkünften nicht; ich halte die gewissenhaft peinliche Verteilung unserer Beiträge nach den §§ J9 21 ־ uns eres Statuts für eine wichtige Lebensaufgabe der deutschen Landesorganisation in der nächsten Zeit. Wir müssen auf der Scheren Grundlage einer statutengemüss festgesetzten fimnzielien Gcbalmmg einen geordneten Etat fiir Bureaus und Zentrale auistellen können. Wir wollen ein starkes repräsentabhs Zentralkomitee. Es mttss unser Ziel sein, das baldigst gelöst werden soll, einen tüchtigen, besoIJeten Generalsckretür fiir das Zeiitralbureau zu gewinnen. Die anderen _ grossen jüdischen Organisationen in Deuts. laud, der D. I. G. B.. der U. O. B. B.. d.r Zeutralvcrein deutscher Staatsbürger Jüdischei Glaubens, de Abwelirvereine. erfreuen sich derart!־ ge.r besoldeter Organe, die eine geordnete Geschäftsführung gewährleisten und fiir das Ansehen nach aiissen vor. Bedeuumg sind. Wir müssen und können hierzu gelangen, wum w ir wolle!! Es lassen sich schon grosse Summen Geldes bei der Agitation ersparen. Wenn jede Gruppe fortfährt. auf eigene Faust ohne Rücksicht auf Nachbarvereine und dt!נ Gesamtdistrikt Ver- Sammlungen abzuhalten, bleibt eine Menge Geld auf der Eisenbahn allein liegen. Wenn man die Agitation organisiert, so kann sich ihr Budget, trotz erhöhter Tätigkeit bcträeluiich vermindern, l’eber die 0:ga::isati«n der Agitation* we;Je ich später noch ein paar-Worte zu sagen habe־.!, Ich stelle m׳ch bei der Besprechung der finanziellen Oebahrung. Es ist mir und anderen Agitatioi.sredncrn mehrmals aufgcfalicu. dass einzeine Gruppen ihrer Pflicht, die Reiseausingcit zu entschäd'gea sehr träge nachkommen, das deutet auf eine wenig zurücklialtaide Art, Versammlungen abzuhaltcn, ohne dass man aut Deckung der Kosten bedacht wäre. Dann möchte ich empfehlen, an dem Sitz eines Dlstriktsburcaus stets die Leitung der Distriktskasse Von der hetreffenden Ortsgruppe zu trennen und dadurch der Gelegenheit vorzubeugen, dass beide Kassen gegenseitig Anleihen bei einander machen. Das sind auscheinend philiströse Kleinigkeiten, aber die Berücksichtigung derselben ist doch in hohem Masse geeignet, unserem Finanzplan eine sichere Grundlage zu gehen und damit ebenso die Ordnung itn Inneren, wie das Ansehen nach aussen zu fördern. I Um die einzelnen Ortsgruppen zu einer straffen Durch- ' iiihrung der statutarischen finanziellen; Verpflichtungen zu nötigen, beantrage ich einmal, in § 6 unseres Statuts eine Einschaltung zu machen des Inhalts, dass zur Vornahme der Delegiertenwahl nur solche Gruppen berechtigt sind, die ihre Beiträge für die Landesorganisation abgeführt haben; des weiteren aber muss man Gruppen, die — wie cs leider vorgekommen ist — sich in die Organisation nicht cinfiigcn und die mit ihren Distriks- und Landesbeiträgen im Rückstände sind, Agitationsredner verweigern. Wir haben oben schon angcfuhrt, dass die Gruppen von jedem beabsichtigten Vorträge dem Distriktsbureau Mitteilung machen sollen; ich betrachte es als eine Ehrenpflicht der Redner, denjenigen Gruppen, die sieb nicht in die Landesorganisation cinfügen wollen, die Vorträge zu versagen. In Bezug auf den Delegiertentag bedürfen unsere Satzungen einer Aendcrung. Der Deiegiertentag soll mindestens alle 2 Jahre tagen, ln Koagressjahrcn soll vor dem Kongresse ein ausserordentlicher Deiegiertentag stattfinden, auf welchem alle Kongressmitglicdcr, welche der deutschen Landesorganisation angehören, Site und Stimme haben werden. Es soll hier auch festgelegt w־erdcn, dass bei dem Delegiertcntage das Zentral-