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Jüdische Rundschau · 1903-10-30 · Heft 44 (30.10.1903) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 44. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 467. Fragen? Nicht nur England, sondern die ganze nichtzionistische Jude ״heit fasst Ostafrika als Ersatz für Zion aui, und mancher lobt uns drum, dass wir statt des ״utopischen Idealstaates“ eine ״Kolonie,“ realer Art zu begründen uns anscliickcn. . Tür uns. aber ist es nicht glelchgiltig, ob Palästina unsere Heimat wird oder irgend ein anderes Land auf der weiten Erde. Zwar, als Herzl seinen ״Judenstaat" schrieb, da iiess er die Landfrage noch offen; auch er wollte damals nur irgend ein, Land, um die Judenfrage zu lösen. Aber wie wir von ihm. äo hat auch er von uns gelernt. Von uns, d. h. von der grossen zionistischen Masse, die ihn sich zum Haupte gesetzt hat. Herzl hat das wunderbare Wort geprägt: Alle Schätze der Welt vermögen den Juden ihre Heimat nicht zu schaffen, das vermag nur eine Idee. Und die tiefe Überzeugung, mit der er das Wort auf diesem Kongress wiederholt hat, zeigt, was diese Idee ist: Der Palästinägedaukc. Es ist wahr, der erste und tiefste Grund unseres Palästina• gedankens entspringt dem Geiiihl. Nun gibt es Leute, die sich als die kühlen, politischen Rechner aufspielen wollen, und uns einen Vorwurf daraus machen wollen, dass wir Gefühls- Politik treiben. Freilich können wir zugeben, dass cs uns nie gelingen wird, so mich lern und sachlich ganz znternmässig nachzuweisen, warum wir gerade auf Palästina unser ganzes Trachten richte*״, aber nichtsdestoweniger ist -- und bleibt ־ - dieses Gefühl das uncrschuuerlicbe Fundament. unserer Bewegung, weil cs das volkstümlichste ist. das wir besitzen. Dass er ein Realpolitiker ersten Ranges ist. hat Merz! gerade dadurch gezeigt, dass er augenblicklich die gewaltige Macht dieses Gefühls als der treibenden Kraft in der politischen* Bewegung, die er schaffen wollte, erkannt hat. Unsere Vcrstauclskritiker haben eben dieses gewichtige Impoudcrabilc übersehen. Er aber hat von uns gelernt, dass Jüdisches Volk und jüdisches Land unzertrennliche Begriffe sind, er hat erkannt, dass er die Judenfrage nur halb an ihrer Wurzel erfasste als er glaubte, sie v־o:j Palästina loslösen zu können. Und ehrlich und endgültig hat er sich zu unserer Ansicht bekannt, nicht nur aus Zweckmässigkeitsgründen, sondern weil sich durch die zionistisehe Bewegung seine Erkenntnis erweitert und sein Gefühl vertieft hat. Was ist uns Palästina? Ich will es nur mit ein paar Worten andcutcn. Nicht nur das Land der Vergangenheit. Für diejenigen von uns, die von Kindheit auf mit der alten Tradition unseres Volkes verknüpft sind — und das sind auch hier in Deutschland noch die Mehrzahl — hat cs nie aufgehört, unsere Heimat zu sein, alles was wir für die Zukunft Israels dachten und hofften, bevor wir zum politischen Nationalbewusstsein erwachten, lehnte sich an Palästina. Wir haben jüdische Geschichte gelesen, nicht wie man ein vergilbtes Pergament studiert, sondern wie man alte, liebe Briefe hervorholt, die man selbst geschrieben. Und hier stand auf jeder Seite Palästina, mit unserem Blute geschrieben, denn wir sind das Blut unserer Väter. Das Volk ist krank, weil es aus seinem Lande gerissen ist. Zwar glauben wir nicht, dass sich Charakter, Geschichte und Kultur eines Volkes aus der Natur seines Landes mathematisch berechnen lassen, aber wir glauben, dass cs für jedes Volk eine Scholle gibt, der es am innigsten und natürlichsten angepasst ist. zumal wenn cs Jahrhunderte lang mit ihr verwachsen war, vollends wenn seine grosse und reiche Geschichte auf ihr sich abgespielt hat. Und das ist seine Heimat. Das Volk hat nur eine Heimat, wie das Kind, das früh aus seinem Eltcrnhausc gerissen wird. Wenn es in der Hütte emporwuchs, so bleibt ihm der Inbegriff des Trauten und Heimatlichen sein Leben lang die Hütte, und sollte es in Palästen wohnen. ' Das ist uns Palästina, und darum ist es unersetzlich. Als Ersatz für unsere Heimat, w׳fe es* wohlmeinend von England vielleicht gedacht w׳ar, kommt darum auch Ostafrika keinen Augenblick in Betracht für alle die, die schon vorher zu Pa- Uistina hielten, Hier scheiden •Sich eben die, die nur aus der Judennot eine• Zfonistcntugend machen, von denen, die mit ihrem Leben und Weben in der j'üdisclicn Geschichte und in Palästina wurzeln. Jene waren nie Zionisten, diese können nie Afrikaner werden. Und wäre das uns angeborene Gebiet fünfmal so gross, Herzl müsste sein Wort wiederholen: ״Das Zeichen zum Aufbruch dürfen wir unseren Massen daraufhin nicht geben.“ Unsere Führer, die ich für gute Zionisten halte trotz Nossig. haben daher mit vollem Recht das Projekt von Anfang an anders betrachtet. Es handelt sich nach ihren Worten nur um eine Notstandsaktion, um dem furchtbaren Elend des Augenbliekes ab/.uhclfcn, tim den Bau eines Nachtasyls, das die schon Wandernden beherbergen'soll. Fasst man cs anders auf, so־ ist das Baseler Programm durchbrochen; nun aber erhebt sich sofort die Frage: Widerspricht nicht auch die Hilfsaktion dem Baseler Programm, oder war Herzl überhaupt berechtigt, ein solches Projekt dem Kongresse vorzulegen? Warum hat Herzl die Verhandlungen mit dem Sultan abgebrochen, ohne den Kongress zu fragen, warum hat er!nein auch den Afrikavorschlag, der ja noch weiter von unserem Ziele abüogt. ohne weiteres vom zionistischen Standpunkte ans zuriiekgewieseo? Der Unterschied liegt in der Sache selbst. Für die Verhandlungui mit dem Sultan hatten fünf Kongresse Herzl eine ganz bestimmte Marschroute vo!gezeichnet. Als der Sultan ihm eine zerstreute Kolonisation in verschiedenen Teilen . seines Gebietes ohne politische Garanticen vorschlug, da wusste Her/.i. dass dies an die Stelle dessen trete:, sollte, v.a;. da* Baseler Programm oder die zimtisM'sene Bewegung wollte, ja er konnte mit lug und Recht aunehmen. dass mau Uurc: diesen i Vorschlag, den mau dem seinen enxgegenhieit. die r.ri!; ,1 ng des » zionistischen Planes verhindern wölke. Darum musste er mit! gutem Gewissen ab! eh neu. denn das Zugeständnis des Suinas | lief unserem Programm schnurstracks zuwider. Fs war nicht! ein Teil unseres W, ges, sonder!: ein Weg. den Herzl uns | und wir Herzl immer als einen falschen bezeichne: hatten. 1 Mit Afrika ist es etwas anderes. Der britische Vorschlag | ist nicht gegen das Baseler Programm, sondern er lieg! j völlig ausserhalb des Progranmies und berührt es auch nicht in einem Punkte. Durfte ihn also Herzl dem Kongress vorlegen? Was ging er uns an? Nun, ich meine: Daria liegt nichts, was wir bedauern könnten, sondern eine hohe und reine Freude sollten wi! empfinden. Von seinem ersten Auftreten an hat der Zionismus den Anspruch erltoben, der Negotiorum ges'tor, der Geschäftsiührer des jüdischen Volkes zu sein. Mit dem Wort und Wunsch. allein war cs nicht getan. Aber schneller, als dis kühnsten und zuversichtlichsten von uns gehofft, hat die gc* schichtliche Entwickelung uns auf diesen Punkt gebracht. Wir sind heraus aus dem Stadium der Sonderbestrcbungcn einer Partei, wir sind der öffentliche allgemeine Vertreter des jüdisehen Volkes in seiner Gesamtheit. 111 dieser Eigenschaft stand Herzl vor der Einwanderungskommission in London, in dieser Eigenschaft reiste er nach Petersburg, in dieser Eigenschaft verhandelte er auch mit England. 'Mancher vor uns hätte den Vorschlag als an die falsche Adresse gerichtet zurückgewiesen, und sich damit als treuer Zionist, aber als schlechter Sachw׳altcr gezeigt. Herzl aber hat mit seinem wcitausscliaucnden Blick, der ihn ja eben so turmhoch über uns alle hervorragen lässt, devn Zionismus seine ver herrschende Stellung hn Indentum als Geschäftsträger des jüdischen Volkes erobert, und er hätte dem Ansehen unserer Bewegung unsagbaren Schaden getan, wenn er anders gehandelt hätte. ״• Der Zionismus darf sich in keiner jüdischen Frage, wenn er als Vermittler,jangegangen w׳ird, für unzuständig erklären. \ Damit aTcr ist zugleich scharf die Grenze gezogen, bis. zu der sich der Zionismus mit Ostafrika befassen darf. Nur •als Geschäftsträger hat er zu fungieren. Mehr zu tun, verbietet uns unser Programm. Ja. was ist unser Programm? Ein totes Wort, ein starres Dogma! 0 nein, cs ist der Umriss unseres 1

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