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Jüdische Rundschau · 1903-10-30 · Heft 44 (30.10.1903) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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ד* . d Seife «6/ ■ JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 44. ' i . ־' ';;Rollen, scheint's, eine böse Miene zu diesem guten Spiele 1 machen. Die Undankbaren! '■׳'* ‘ Freilich ist es kein Wunder. Es ist eben doch nicht gleichgiltig, wo die leichtgeschürzte Muse die Augen rollen darf oder die Zytnbel schlagen. Nach soviel Jahren lind Jahrzehnten der Gnade, die weichen Herzen russischer Gouverneure und Gendarineriekoinniandantcn ge- ״rührt haben zu dürfen — nun plötzlich diese Krniedrigung, vor unrasierten, uni nichts als sein Geld sorgenden Judcnpack spielen und musizieren zu müssen. Was? Das wären immerhin ihre Brüder? Unsinn! ihre Brüder! In Sachen der höheren Kultur und deren Bezahlung hört die Verwandtschaft auf. Wo man bessere Zivilisation mit besseren Röcken am Leibe trägt, da sind ihre Brüder! O, wie habt ihr doch recht, ihr armen, jüdischen Künstler!, Aber, seht ihr: eine unsägliche Verblendung ist über diese eure Kulturbrüder gekommen. Sie sind plötzlich mit Blindheit geschlagen, denn sie wollen euch nicht mehr erkennen. Eure liebenden, weitgeüüneteu Herzen scheuchen sie mit einem Fussfritt aus ihrer Nähe. Die geheimnisvollen Oiienbaningcn eurer seelenriihrenden Künste mögen sic plötzlich nicht mehr. Von euren Herzen behaupten sie, vergiftet, von euren Oifenbarungen belogen und betrogen zu werden. Sie wollen von euch nicht mehr gerührt und bezaubert werden. Sie kenneu euch nicht mehr und sie verjagen euch. Euer Bestes habt ihr ihnen gegeben — und nun kommt ihr dafür ins Gefängnis. Ja, ins Gefängnis, mein teurer Liebhaber und klassischer Held, der du vor kaum 12 Jahren den schwarzweissen schweissigen Schabbestallis mit der purpurnen Biilmentoga. 1!nd die langbautnelndeii Zizzis mit seidenen Knieschleifen vertauschen gingest. Ja, ins Gefängnis, meine liebe komische Alte, die du einst am heiligen Freitagabend vom Liclnbensclicn weg unter die Tinge!־ tangellampen davonliefst. Und du wirst wieder zum Chasan zweiter Güte berabsinken und den alten verachteten, aber ehrlichen Namen hervorstichen, den du einstmals getragen, bevor du der Mann mit der Brillantuadei, der grosse Bass von Russland mit dem hochtrabenden Namen auf ״ow itsch" und dem dröhnenden C in der Tiefe wurdest. Und endlich du, mein Täubchen, du, die man als ״die Einzige" feierte in allen slaviselicn Chambres separees und allen antisemitischen Kunstblättern — du wirst dich bleich wieder hinsetzen auf den Aiarktplatz von Stutsehin, das wasscrfleckige ״Fürtuch‘‘ auf deinem vielbesungenen Busen, und mit jenem schmetternden Sopran, der sogar das steinerne Herz Pobjodonowszeffs zu Tränen rührte, wirst du langgezogen melodisch rufen: ״Kauft Jüdclech, Jüdelech, kauft Fische zu Jontef!“ -- Ja, der Jom Haddin für die jüdischen Künstler ist hereingebrochen. Sie, die ihrem Volke am meisten schuldig waren, haben am schwersten gegen dieses Volk gesündigt. Sie, die geschaffen waren, es zu trösten, haben es verspottet. Sie sollten es erhöhen, aber sie haben es in sieh verachtet. Anstatt seine Schmerzen und seinen Zorn zu singen, haben sie seine Peiniger umschmeichelt* um an den fremden, goldenen Schüsseln zu prassen. Sie waren die ersten an der grossen schmähliehen Fahnenflucht, sie und das Grossgeld. Und nun trifft auch sie die Judenpeitsclie. Sie trifft sie zuletzt, aber am blutigsten. Denn das Gewissen von innen schwingt tausend schlimmere als Kosakenknuten. Jetzt werden sie niedersitzen inmitten ihres verbannten Volkes, und unter Tränen ihre babylonischen Harfen umstimmen. Sic werden ihre Gesichter verhüllen und unter Strömen der Reue ihre wahren Brüder erkennen. . Die werden sie nicht mit Schadenfreude empfangen. Denn diese Ankömmlinge leiden. Sie leiden doppelt, mit der Seele des Juden und mit der Seele des Künstlers. Und alle Leidenden sind unsere Brüder. Aber ihr Volk wird ihnen ze!gen, w a r 11 m sie leiden, und es wird ihnen seine grosse Hoffnung lehren. Dann wird der Tag ihres jüngsten Gerichts vielleicht der Tag ihrer inneren Auferstehung werden. Ein neues, reicheres, stolzeres und gebefreudigeres Leben •wird für sic beginnen. Sie werden die Wurzeln ihrer Kraft in ihren Volksboden senken und Mark und Fülle daraus ziehen. Dann werden auch die herrlichen Früchte auf keine andere Tafel fallen als auf den Tisch des Volkes. Die Austreibung der darstellenden jüdischen Kunstler aus dem grossen Russland kann in Wahrheit ein mächtiges Vorwärts für die jüdische Renaissance bedeuten. Israel Auerbach. Das Ostafrütaprojeht und. der Palästinazionismus. (Nach einem Reicrat in der Berliner Zionistischen Vereinigung.) Von F I i a s Auer b a c 11. Die gewaltige Erlegung, die den VI. Kongress beherrschte, ist mit de,!!'»elegierten in die zionistischen Massen cingezogen. Das Ostzfrikaprojekt hat zwei Lager im Zionismus geschaffen, und die Kluft scheint tief. Eine Verständigung müssen wir suchen, und wir müssen sie finden, dem! Spaltung ist Tod. Das Ostafrikaprojekt hegt als Tatsache vor uns. A!1 uns ergeht die Frage, wie wir uns dazu stellen. Oder vielmehr, die Frage hat zu lauten: Wie steht das Ostafrikaprojekt zum Zionis* mtis? Richter ist der Zionismus, nicht das Projekt, und wäre cs das glänzendste. An, unseren bisherigen Prinzipien, die ja für alle Fälle gelten sollten, wollen wir diesen neuen Finzelfall prüfen. Fs ist gut, zunächst sich klarzumachen, wie England das Anerbieten, das von ihm ausging, auffasste. Für uns kann es keinem Zweifel unterliegen, dass Herzl's Bemühungen um el Arisli und Sinai keine Notstandsaktion waren. Was er hier, in Ägyptisch-Palüstma und seinem Nachbargebiet suchte, war nicht ein Nachtasyl, sondern die Volksheimat oder wenigstens der Anfang einer Volksheimat im traditionell-nationalen Sinne. Denn der Gedanke der Autonomie hat für uns überhaupt nur einen Sinn, wem! er verknüpft ist mit dem Streben nach der grossen nationale!! Heimat für das jüdische Volk. UihI zumal für Herz! war beides ein Begriff, für ihn, der ja gerade die politische Selbständigkeit als notwendiges und unzertrennliches־ Attribut unserer zukünftigen Heimstätte aufs Schärfste betont hat. England sah ־-- vielleicht mit Bedauern -, d *ss die Verliandlungen resultatlos verliefen, weil technische Hindernisse eine Kolonisation unmöglich machten. Sein Afrikavorschlag kann darum nur aufgefasst werden als ein Ersatzanerbieten. Unsere Unterhändler werden der englischen und ägyptischen Regierung genügend klargemacht haben, um was für ein Projekt cs sich für uns handelt. Und da Fmgland diesen Teil seines Gebietes nicht geben konnte, bot cs, gleichviel aus welchen Gründen, einen anderen Teil an. Wir können in der Tat nicht verlangen, dass England eine deutliche Vorstellung da%׳on haben sollte, was uns Palästina bedeutet, oder dass eine Landesfragc in diesem Sinne für uns bestellt. Es weiss nur, dass wir heimatlos sind, und es glaubte uns die Heimat zu geben. Und England wollte uns. zu seiner Ehre sei’s gesagt, eine nationale Heimat gehen, das geht aus jedem Wort des offizielle•* Dokuments hervor. Wozu spricht denn sonst das Schriftstück von der Beobachtung der jüdischen Volksbräuchc und der völligen Bewegungsfreiheit der Kolonie in allen jüdischen »

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