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Jüdische Rundschau · 1903-10-30 · Heft 44 (30.10.1903) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 44 (30.10.1903)
Date
1903-10-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Hunden werden Pelz- und Ohrenklappen angelegt. iiir altersschwache Katzen Vcrsorgtmgsasyle errichtet, und in Taubstummenanstalten und Irrenhäusern inszeniert man Konzerte und Theater. In Russland aber erleben w ir noch etwas viel Riilirenderes. Port kann das ineiisdilich fühlende Herz keine Gefangenen und Eingckcrkerten mehr traurig seilen. Hort wird man in Fcsutiigen und Zuchthäuser Schau- Spieler und Musikanten schicken — zur Zerstreuung und Erheiterung. Sogar den Juden geschichts; nein, gerade nur den Juden! Pas grosse Gefängnis, das man Ansiedlungsrayon nennt, wird seine Physiognomie verändern: cs wird ein einziger grosser Kunsttempel werden. Niemand mehr wird da klagen, nur Gesang wird ertönen, und statt aller gepressten Seuizer wird das Entzücken und die Wonne des Schaucns die Lippen seiner Bewohner öffnen. Die Rotte der düsteren Hingesperrten wird zum strahlend hinteren Kunstpublikum werden. Lustig, lustig! Denn so erging das Wort der Mächtigen an ihr Volk in Russland: dass unverzüglich alle darstellenden Kunstler, alle Schauspieler, Sänger und Musikanten, soweit sie jüdischen Geblütes, aus dem ganzen grossen Zarenreiche sieh in den Ansiedlungsrayon zu verfügen hätten. Nein, es ist kein Zweifel. Die Reihe der in Aussicht gestellten Erleichterungen für den russischen Juden beginnt. Was? ihr lebt zu gedrängt? Bald wird Platz geschafft! Hin paar liiindert Bauern mit Sensen und Knütteln, im Notfälle ein paar Regimenter gutbeuaiineter Soldaten werden eure Scharen schon lichten! Was? Ihr lebt in Verzweiflung? Da habt 111 r Pauken und Trompeten und ein paar Theater-Spassmacher, die tJas grossmütige Russland euch zuliebe wird missen können. Fortan wird euer klappernder Magen die musikalische Begleitung nicht entbehren, zu euren Totentänzen wird die Trommel und die Fidel nicht fehlen, und eure Komödianten werden zum Entzücken der Ueberlebeuden in den Pausen zwischen den wirklichen Judenkrawalleu noch schönere künstliche Schauspiele der Zukunft vor euch zur Aufführung bringen. Sagt, wollt ihr mehr? Also lustig, lustig!' Es ist auch kein Zw eifel, dass die Russen das gottesfiirchtigste aller Völker auf Erden sind. Sie helfen unsein! Herrgott regieren und bei schwierigen Unter־ nehnumgeii nehmen sie die* Hälfte seiner Mühen au! ihre Schultern. Wie lange hat er doch verheissen, die Kinder Israels \׳>־n;!He!! licken der Freie zu sammeln! Und nun. da es ihm anscheinend zu schwer wird, da er in den Reichen eben dieser Kinder soviel Widerstand findet, leistet das demütige russische Volk ihm Beistand. Wenigstens, soweit das in ihren Gauen um;, tick. ei io ja Gott sei Bank an Umfang nichts zu w Cm sehen übrig lassen. Und sic vrkebu» dc.1 frommen >'tab ü.n geschäbigen Hirten, und sie treiben die säumigen Schäfchen auf einen Fleck zusammen. Früher einmal waren's die;!!)gemagerten, hungrigen, die sich weithin zers r!1 hatten, dürre Weide zu suchen. Jetzt aber sind am die lustigsten übermiuigsten!Söckchen, die am a!!ersü׳nd״s;c1: iierumgehripft waren, die auf den fette sie:! fremden Wiesen tunhergescltmippcn und am leiehtsinngx«*:. r.nd harnischten 'die heimischen Troge hemeckert und bespottet hatten. Nach den Handwerkern und Händlern die Künstler! Nur immer hinein, flink hinein, in den Ansiedliitigräyons-Stall! Da seid ihr der sammelnden Hand eures Herrgotts näher. Aber noch ist die Kette der Wohltaten nicht zu Ende. Wir waren st» lange um eine jüdische Kultur besorgt. Unsere Renaissance liess uns Tag und Nacht nicht schlafeil. Was nur eine Vers :'eile reimen konnte, oder Tisch und Wände zu beklecksen nur im geringsten geschickt war, rieb sich förmlich auf, eine neujüdische Kunst zu.erfinden. Alle unsere grossen und verborgenen Lichter wären in ruhloser Bewegung, aus irgend welchen Winkein Talente autzustöberu. und aus den Bettelpfennigen unserer Hungerleider gedachten wir in unserer Not jüdische Kultur- und Kunststätteii aufzurichten. — Nun ist unsere Sorge am Ende! Unser heisscs Streben fand Würdigung, unser Abmiihen!Mitleid. Nun wird ein Heuschrcckenschwarm von Künstlern unter unsere jubelnden Massen fallen. Wie Unkraut werden Talente, Noten, Bühnen und Bücher wachsen. Soviel Menschlichkeit, Frömmigkeit und idealer Segen liegt in einer einzigen weisen staatlichen Ver- Ordnung, sobald sie die Lieblinge der Gesetze, die Juden, betrifft. Darum lustig, lustig, ihr im Ansiedlungsrayon; Und vor allem seid dankbar! — — . Aber, siehe da: unsere Lustigmacher selber, unsere säumigen, verlaufenen Kinder, unsere zusammengetriebenen Böcklein. unsere Kuiturgebärer — sie* selber f I

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