Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1903)
- Date
- 1903-10-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 460. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 43. den Romans folgt, jede Diskussion mit Lammesmiene von sich! weist und hinterher vergnügt zu den heimischen Laren zurückj kehrt. . ׳ ־ ד ג j Beulhen. O.-S. Die hiesige zionische Ortsgruppe eröffnetc! das Wintersemester am 10. Oktober mit einer sehr gut besetz- J teil Sitzung. in welcher Herr Dr. Littmann, der Delegierte der t/berschlcsisc’ncn Gruppe, seinen Bericht über den sechsten ן rionistischcn Kongress erstattete. Seine.klaren interessanten j Ausführungen wurden mit vielem Beifall und Dank aufgenom- ן inen. Im Anschluss hieran wurde die Agitation für den Vortrag ] des Herrn Dr. Klee eingehend beraten. Es wurde ein Rund* ן schreiben fesrgcstcüt. weiches mit der Einladung für den Vorj trag noch einmal die gegen den Zionismus erhobenen Emwiirie! vom Standpunkte des Patriotismus und der Religion, sowie die irrigen Anschauungen bezüglich der Emigration kurz und entschieden widerlegte. Dieses Rundschreiben wurde in Vielen hunderten von Exemplaren in Bcuthcn und den benachbarten Orten versandt. Der Erfolg dieser durch die Lokalpresse verstärkten Agitation war ein entsprechender. Ucbcr 500 Personen unter denen alle Kreise, darunter die Führenden der jiidischcn Gemeinde vertreten waren, füllten am Sonnabend den | 17. d. Mts. den grossen Sanssouci Saal. Dr. Klee batte auf j vielfacjicn Wunsch das Thema gewählt: ״Der Zionismus und I seine Gegner“. An der Hand dr־s Baseler Programms zer- I glieJette er die Hinwände der Gegner gegen den Zionismus \ id erzeugend setzte er die Notwendigkeit des Zusammenschlusses! aller Kräfte des jüdischen Volkes zum Zwecke der gemeinsamen! Arbeit atiscirander. Schic '/•Mündigen Ausführungen hielten die Zuhörerschaft in Spannung und weckten lebhaftesten B.;-! fall. An den Vortrag schloss sich eine Diskussion an, di׳.* j ihren Höhepunkt erreichte, als Herr Dr. Kopfstein, der Rabhh!.־r j *ler hiesigen Gemeinde das Wort ergriff. Dr. Kopfstein gehör) zu jenen Rabbinern, die seinerzeit den bekannten Protest gegen I den Zionismus erlassen haben. Die Ansichten haben sieh mitj lerwtüe geklärt und der Zionismus zählt jetzt niefit nur in ausserdeutschen Staaten sondern auch in Deutseliand selbst, eine Anzahl Rabbiner zu seinen Anhängern. Wir wissen jede j ehrliche Gegnerschaft zu würdigen und begreifen auchdass das reifere Manutsalter nicht so leicht einen l'uiseltwuug in seinen Ansichten mitmacht, wie der der leichteren Bcgeisterungsüihigkeit der Jugend gegeben. Allein die Eo:nt in welcher Herr Pr. Kopfstein *־ selbst ein Meister der Worte dem Re- Präsentanten des grossen zionistischen Aktions-Komitees entgegen trat, wurde selbst von den Gegnern des Zionismus, | vor allem aber von denen bedauert, welche Herz uni Sinn fitr eine jüdische Bewegung besitzen. Dr .Klee erhielt das Schlusswort. In welchem er sich auf imposanter Höhe zeigte und in unerreichter W eise die Gegner des Abends in erster Linie alter Herrn Dr. Kopfstein wicdcrlegte. Der Erfolg des Abends war ein aussergewöhttlicher. Nicht weniger als 85 neue | Mitglieder traten der Gruppe 4?ci. welche hierdurch auf die stattliche Anzahl von 130 Mitgliedern gestiegen ist und neben Breslau wohl die bedeutendste Gruppe in Schlesien sein dürfte. Es ist zu hoffen, dass damit für die weitere Ausbreitung des Zionismus üt Obcrschlcsicn ein kräftiger Stützpunkt gewonnen worden ist. . Die Ortsgruppe Düsseldorf, (Zionistische Vereinigung für Deutschland) veranstaltete am K d. Mts. im Uraniasaal einen gut besuchten Vortragsabend. Herr Dr. Bodcnheimer-Köln, der Vors'tzcndc der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, schilderte die bisherigen diplomatischen Schritte zur Er- Werbung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk und besprach besonders die Erklärung der russischen Regierung, sowie die verschiedenen Anerbietungen Englands und die Verhandlung mit dem Minister Cliamberla’ht. Der jüngste Vorschlag der englischen Regierung, ein Gebiet in Ostafrika von der ungefähren Grösse Siiddcutschlands den Zionisten zur Besiedelung unter eigener Verwaltung zu überlassen, wurde in seinem Eiir und Wider eingehend beleuchtet. Im Laufe des Abends meldeten sich 20 neue Mitglieder, auch wurden etw a 10 Aktien der Kolonialbank gezeichnet. Köln II. Oktober 1903. Auch im Siegerlande scheint 1111־ serc Bewegung nunmehr icste Wurzel gefasst zu haben! Nachdem bereits im vorigen Jahre Dr. Edelstein aus Bonn gelegentlich eines Vortrages int I.ittcratiir-Verein zu Siegburg den Boden dafür vnri>ereitct hatte, erstattete daselbst am letzten Donnerstag Dr. Dannenberg aus Strassbnrg. c'n Kind der jüdischen < ietneiude SlegLurgs, ein ausführliches Referat, hast die ganze Gemeinde war erschienen und lauschte mit Aufmcrksnmkeit dem Yortiage des Referenten. In;iusserst popttlater ttaJ fasslicher Weise gab Dr. Dannenberg eine Parste!- lang der Wecc und Ziele der Bewegung mal betonte insbesondere die Wichtigkeit der letztet! diplomatischen Erfolge des Zionismus, die ihm eine ungeahnte Machtstellung verliehen haben. Pflicht eines jeden Juden sei es. die zi<1!׳!s:iNeke Trage eingehend zu prüfen und der Bewegung sielt anzusekUessen. Alt den Historischen Gedanken des gegenwärtigen Sukknthfestes anknüpfeud. schilderte der Redner die Lage der ostcuropäischu! Judenlteit, d;c unendiieh trauriger und so!!utz!<»er sei, als die unserer Ahnen in der Wüste war. W ie die Blätter der Sukkali. der leiseste W indeshauch wegfegt, so werden unsere Brüder Osteuropas von Land zu Land, von Ozean zu Ozean getrieben und ihr Leben ist ein ununterbrochenes .,Wohnen in Hütten“. Helfet, so schloss der Redner seinen warmen Appel! an die Zuhörer, dass wir diesen iaumtervoHcn Zuständen bald ein Ende machen, dass wir jenett armen ,.Hiittenhewolmern“ in Bälde eine Dauerwohnung errichten können! In der mm folgenden Diskussion brachte ein Herr unter der Erklärung, ״auch nach dem Vortrag noch so dumm zu sein auch ein leichtverständlicher Kursus der Hygiene. Auf j den technischen Unterricht lege ich im Interesse der ästhetischen Ausbildung, sowie der körperlichen Krättigung, ebenfalls grossen Wert. Bei dem hier entwickelten Lehrplane scheint ein Pach völlig ausgefallen zu sein,, das in Deutschland eine grosse Rolle spielt, und von dem man wohl an einer, in so eminentem Sinne jüdischen Schule noch viel mehr erwartet hätte, nämlich der systematische Religionsunterricht. Ich sage: er scheint ausgefallen zu sein. Denn in Wahrheit hat man nur den Gegenstand, der in den sogenannten jüdischen Rcligionsschulen in Deutschland erteilt wurde, In verschiedene Fächer gegliedert lind verteilt. Denn erstlich ist nach diesem Diane der Unterricht in hebräisclier Sprache und Lltteratur, der doch in Deutschland in erster Linie den jüdischen Religionsunterricht ausmacht, ein so ausgedehnter und ergiebiger, wie es die günstigsten deutschen Verhältnisse nie und nimmer erlauben würden. Anstatt systematisch an der Hand von einzelnen Bibelverscn und Sprüchen ein notdürftiges Gebäude der Sittenlehre aufzuführen, erhält der studierende Knabe eine rein menschliche und doch echt jüdische Ethik, da er ja iin Geiste der Bibel und des Talmuds lebt. Den dritten und Hauptteil des fälschlich sogenannten Religiüiisunterridtts bildet zur Zeit in Mitteleuropa die jiidische Geschichte und Litteratur,.,und diese nimmt füglieh in unserem Lehrpläne einen, .weiten Raum ein. Nun aber kommt eine Schwierigkeit, die darin besteht, dass für eine solche Schule neue Lehrbücher, nicht etwa ins Hebräische übersetzt, sondern erst verfasst werden müssen. W ir verkennen keineswegs die tiefeiuschneidende Bedeutung dieser Frage. Aber ebenso, wie das Gymnasium von Jahr zu Jahr langsam aus kleinen Anfängen mit immer steigenden Klassen entwickelt werden muss, so werden die Lehrbücher auch mit dem Bediirinis geschaffen werden. Fs wird jetzt in Jaffa ein eigenes Schulhaus errichtet, und was man an Miete spart, mag dem Fond für neue Lehrbücher überwiesen werden9). Nur möge man nicht jeden hebräischen Litteraten für geeignet halten, eine hebräische Physik oder gar ein Scliullesebuch zu verfassen; damit möge man geeignete Leute betrauen, deren wissenschaftliches und pädagogisches Körnten Garantie für ihre Leistungen gcwährt. Die Lehrer freilich, — ich meine den idealen Lehrer — wc ‘den erst aus der Schule selbst Uervorgehcu müssen. Dann freilich werden diese Lehrbücher und diese Lehrer mustergiltig werden für unsere Brüder, nicht, nur im Orient, sondern vor allem auch für unsere Stammesgenüssen in den osteuropäischen Ländern. Es würde zu weit iühren, wollten wir aut den gewaltigen Vorteil hinweisen, der aus dieser Schule der neuhebräischen Dichtung, dem israelitischen Schrifttum und nicht zum wenigsten der jüdischen Wissenschaft erwach- , sen wird. Wir sollten uns doch an den grossen Rcfor- | *) Wir erinnern daran, dass dieser Artikel zu End.* d׳.' . Jahres 1895 geschrieben wurde.