Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 41-42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 449. No. 41/42■■__JÜDISCHE RUNDSCHAU. Allerlei. ״Renegat“. Die ״Ostdeutsche Rundschau“ bringt unter der Spitztnarkc: ״Der antisemitische Jude“ folgende Feder- Zeichnung: ״Der Jude, der da glaubt, sich an Christlichcr Moral, christlicher Schule und Wissenschaft gesättigt zu haben, beginnt sich selbst genau im Spiegel zu betrachten und findet eine Unsumme nationaler — Tugenden daraus hcrvorspicgeln. Stellt er aber einen Stammbriider vor sein Glas, so bemerkt er plötzlich die Fehler seines Stammes- und Glaubengeuosseii in grotesker Verzerrung, gleichsam in einem Hohlspiegel, weit abschreckender und verächtlicher, als wir zu sehen imstande sind. Nun wird der Jude antisemitisch: Entweder er seufzt unter dem Unglück, als Jude geboren zu sein, und fühlt in romantischer Wehleidigkeit die ganze Misere des• Ahasverschicksals, zieht. sicTi aber als still duldender Märtyrer zurück — oder er wird zum fanatischen Apostel gegen das Judentum selber. Muss er eingestehen. dass er ״sozusagen*' Jude ist. folgt regelmässig: ״aber ein anständiger“. Fr lernt — so gut es geht -־- anständig seine Landessprache reden. Fr bemüht sich, seinen temperamentvollen Gesten nicht allzusehr die Zügel schiessen zu lassen, sorgt für christliche Dienstboten und. was für ihn gleichbedeutend ist. für christliche Lehrer in seinem Hause. Fr langt au, über die Protzerei seines Stammes zu spotten und protzt mit seiner — Fim'achheit. Gegen seine Glaubensgenosse:! wird er intoleranter als der schärfste amisemitische Arier. Fr liest mit Fiter antisemitische Blätter, rückt in jüdische W itzblätter spotttriefende Witze über seine Russe ein. in welchen Witzen bekaimliel! der Jude!'!!*rhaupt imerreichbar ist. geht zum Unterschied von den Antisemiten gnmdsätzlich nur in christliche Geschälte und besucht Lokale mit durchweg christlichem Publikum. Fs wundert ihn. dass mau ihm nicht soiort an seiner - - Nase den Antisemiten ansieht. Fr zieht in christlicher Gesellschaft mit aufdringlicher Suada gegen das Judentum los und deckt schonungslos dessen innerste Mängel auf. Fr sucht auf alle mögliche Weise seinen mehr oder minder poetischen Namen gegen ״bescheidener“ klingende loszuwerden — kurz, er geriert sich als eifriger Renegat.“ jjtg *O 1 Kleine Chronik. Der Antisemitismus Ist znrückgcgangen. Dieses Dogma der Assimilation wird grell beleuchtet durch die Behandlung, die ein russischer Jude Levy ans W arschau im Kreise Sehlochau erfuhr. ..Levy kam am 28. September in die Herberge von Selnilke in Stegers. Fr setzte sich allein an einen Tisch, worauf ihn die schon namhaft gemachten vier later zu hänseln begannen. Leyy reagierte nicht darauf, da trat einer der Beteiligten auf ihn zu. würgte ihn an der Gurgel und verlangte von ihm Auskunft über den W'interschen Alord. Der Alaun kannte als ״Russe“ die Sache nicht einmal dem Namen nach. Sodann sollte er unter Misshandlungen cinrüiime», dass die Juden ..Christenblut״ brauchten, und als er auch dies verneiiite, sollte er den Unholden das Vaterunser vorbeten. Fr musste niederknien, konnte das Gebet aber nicht sprechen. Hierauf fielen die vier Menschen über ihn her, prügelten ihn, worauf L. auf den Hof flüchtete. Die vier Kerle folgten ihm und misshandelten ihn auf dem Hefe solange, bis L. zusammenbrach. Fr wurde dann bewusstlos von ihnen in eineit Stall geschleift und blieb dort liegen, ohne dass sielt jemand um ihn kümmerte. Am anderen Morgen wurde L. tot im Stalle geftmdcn, er war an den Misshandlungen .,verendet wie ein Stück Vieh!“ Die ״Staatsbiirgerzcitimg“ ״missbilligt solche Ausschreitungen“. Atan wird uns darum in den Philistcrvensammulugen des Staatsbürgervereins mit Stolz und Emphase verkünden, dass es gelungen ist, wenigstens die rohen Formen des Antisemitismus einzudämmen. Sollen sich die Juden in Scliloehau auch ihren Landsleuten assimilieren? ‘ Die ״Mitteilungen" werden um Antwort ersucht! Zu den wichtigeren jüdischen Vereinen Berlins gehört eine Gesellschaft, die jüdische Schüler unterstützt. Ueber eine Generalversammlung erhalten wir folgenden Bericht: Am 26. d. M. fand unter dem Vorsitz des . Herrn Geheimen Sanitätsrats Dr. Blumeuthal die Mitgliederversammlung des Vereins zur Unterstützung jüdischer Schüler zu Berlin (früher C11 e w r a t B a c h u r I!111816 ־) statt. Nach dein Bericht des Unterrielusvorstehers Herrn Hauff wurde in der verflossenen ffcrichtspcriode 1901—1903 einer grösseren Anzahl bedürftiger und würdiger Jünglinge durch Gewährung von Schulgeld, durch Privatunterricht und auch durch besondere Geldmitcrstützungcti die für ihre berufliche Ausbildung erforderlichen allgemein-wissenschaftliche Vorbildung crleichtert. Die Erfolge kann man als vorwiegend günstig bezeichnen. Nur zwei Schülern wurde wegen ungenügender Fortschritte das Stipendium entzogen. Die Unterstützten waren zum Teil Schüler hiesiger höherer Lehranstalten, zum Teil ausländische Talmudbeflisscne. Von den zehn iit der verflossenen Berichts- Periode aiisgeschiedenen Schülern haben zwei das Zeugnis der Reife erlangt, der eine um Rabbr.iica, der zweite um Medizin zu studieren. Die anderen gingen von Prima ab. von denen einer als l:\trancus das Abiturieiiteiicxamen nachlmlcn will. Ein zweiter besucht das Lehrerseminar. Mehrere Schüler erhielten vorübergehend das Schulgeld wegen augenblicklicher Ocldschwierigkeiten ihrer Eltern. Die sieben privatim unterrichteten ZöglHge stammten sämtlich aus Russland. Sie erhielten teils einzeln, teils in Kursen Unterricht in allen weitliehen Schulfächern, tun die Reife fiir Obersekuuda zu erlangen. Zwei weitere vcrliesseu Berlin, die anderen fünf bestanden die Prüfung lind besuchen die Universität, vier um Rabbiner zu werden, einer als Chemiker. -- Aus dem von Herrn Kirsehstein erstatteten Kassenbericht ist zu ersehen, dass das Vermögen ues Vereins in 10 000 Mk. besteht, die niüudelsieher angelegt sind. Die Hinnahmen aus den Beiträgen belaufen sich auf ca. 800 Mk.. denen eine jährliche Ausgabe von etwa lOK» Mk. gegenüberstellt. Dem Kassenwart wird Entkotimg erteilt. -- Bei der daran! folgenden Neuwahl des Vorstandes wurde der bisherige Vorstand wieder- Und Herr Director Dr. Holzmann zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. - - Die neuen Statuten wurden alsdann verlesen, die bereits vom Vorstande eingehend1 beraten waren. Der Name des Vereins, der bisher ״Jüdischer Studieubetörderimgsvvrein" lautere, soll geändert werden, weil häufige Verwechslungen zum Nachteil unseres Vereins mit dem Hilfsvcrein für jüdische Studierende vorkommen. Der Name ״V e r e i!1 zur Unterst ii t z 1! •: g j:: - i di sc her Schüler zu Berlin“ mit den! NeK-ntile! ״Che w rat Bachurim“ (18-16; wird angenommen, ebenso mit geringen Aenderungen das neue Statut. Bei Beratung des § 1 über die Aufgaben des Vereins wird eine lebhafte Debatte durch einen Antrag des Herr:! Sanitätsrats Dr. S. Ncumanu hervorgerufen. Herr Sanitatsrat Dr. Ne1un:e!n hat den Vorschlag gemacht, Kurse im Hebräischen für die ohe* reu Klassen höherer Lehranstalten einzurichten. Herr Dr. Karpelcs weist darauf hin, dass von dem ״Verein für jüdische Geschichte und Literatur“ den Schülern die Errichtung solcher ״־ sehr gut besuchter — Kurse Gelegenheit genug geboten würde, sich im Hebräischen fortzubilden. Indessen wird durch die grosse Bedeutung der Einrichtung vrf.1 der Mitgüederver- Sammlung anerkannt, und beschlossen, mit Herrn Dr. Neumann gemeinschaftlich zu beraten, in welcher Weise am zweckmassigsten für die Förderung hebräischen Wissens auch bei den Schillern Sorge getragen werden kann. Zum Schluss wurde eine eifrige Agitation für den Verein beschlossen, u!n dessen Aufgabe zu erweitern und allen an ihn gerichteten Anforderungen gerecht zu werdet». Namentlich wird es oft schmerzlich von dem Vorstände empfunden, dass die befähigten armen Schüler nicht neben dem Schulgeld auch eine Beihilfe zur Be- Schaffung von Büchern und Kleidern gewährt werden kann. Fs sollen 2000 Exemplare der Statuten verschickt werden. Eitrige Synagogenbesucher eigener Art trcibcu in der Iserlohuer Gegend ihr Unwesen. Nachdem sie in die Iserlohner Synagoge cingedrungen waren und dort den Opicrstock leer fanden, statteten sie der Mcndcncr Synagoge einen nächtlichen Besuch ab. Hier hal>en sie. wo sie auch hier im Opicrstock nichts fanden, in der Synagoge nach Kräften Verwüstungen an* ,gerichtet. Die Handelskammer In Trier hat einem Ersuchen des ZentralVereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eiltsprechend den Beschluss gefasst, bei der Reichsrcgierimg dahin vorstellig zu werden, dass die Regierung auf eine gleiehmässige Behandlung aller deutschen Kautleute im llamklsverkchr mit Russland bei dem Abschluss eines deutsch-russischen Handels- Vertrages hinwirken wolle. — Nur wird es nicht helfen. Wir entnehmen der ״Frankfurter Zeitung“: ״Herr von Pichwc'und die Zionisten. Von zionistischer Seite werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass mit Bezug auf den auch von uns inhaltlich wiedergegebenen Erlass des Herrn von Pieliwc gegen den Zionismus in Russland Herr Greenbcrg, ein Mitglied des zionistischen Aktionskomitees für Grossbritamnen, 111 einer Zuschrift an die ״Daily News“ vom M. d. A\. folgendes bcmerkt hat: Das Zirkular, welches auf die zionistische Bewegung in Russland Bezug hatte und das Sie am 11. d. M. veröffentlich-