Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 41-42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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- Pinsk 2× ep/1045440
- Minsk 1× ep/1000754
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י Seite •!56. ten, wurde vor dem Besuch Dr. HcrzFs in St. Petersburg erlassen und auch bevor Herr v. Piehwe den Briet" an Hcrzl schrieb, der während des Zionistenkongresses veröffentlicht wurde. Man nimmt auf zionististher Seite an, dass der Erlass des Herrn von Piehwe nicht zur Ausführung gelangen soll.“ Ganz ohne Wirkung Ist dfe Konferenz nicht geblieben, die zur Bekämpfung des Mädchenhandels vom Hilfsverein Deutscher Juden in Lemberg abgehalten wurde. Die .,Österreichische Wochenschrift” schreibt dazu: ״Wien. Herr Maximilian Paul-Schiff hat als Präsident des ״Galizischcn Hilfs- Vereins" seine Demission gegeben. Anlass zu seinem Rücktrifte soll, wie wir vernehmen, die Form der vom , Hilfsvercin der deutschen Juden” in Gemeinschaft mit dem Oalizischcn Gar-eindcbund erlassenen Einladung zu einer Delegiertenver- Sammlung in Lemberg, betreuend die Bekämpfung des jüdischen Mädchenhandels, und in weiterer Folge die Frage der Be- Schickung dieser Dclcgierteiivcrsammluug gegeben haben.“ Ptf.tlk In dner Synagoge. In Strzcniska Noweim, Bezirk Poprka, har sich, wie man uns aus Lemberg meldet, eine schwere Katastrophe ereignet. Am Abend befanden sich anlässlich des jüdischen Versöhnungstages in der dortigen Synagogc viele Andächtige. In einer Entfernung von dreihundert Schritten von der Synagoge hatte in einer Wohnung das Tischtuch plötzlich Feuer gefangen, worauf ein in der Wohnung zurückgebliebenes Mädchen durch ihre Schreckensrufe alles alarmierte, in der Synagoge entstand eine fiircltterliclie Panik. Hunderte von!•'rauen eilten die engen Stiegen hinab. Es entstand ein entsetzliches Gedränge, bei welchem die?(’jährige Pa ran, che?*jährige Seidel und die 5-tjährige Berliner 711 Tode getreten wurden. Vier andere Personen sind lebensgefährlich verletzt, zwei Personen leichter verwundet. London. Die jüdischen Arbeiter, die in Wales hauptsächlich durch irische Arbeiter überfallen und verfolgt wurden, weil sic angeblich den englischen Arbeitern die Beschäftigung entziehen werden nach Kanada geschickt werden. Die Leute sind zumeist aus Polen. Als Tag der Abreise von Liverpool ist der Dienstag nächster Woche festgesetzt worden. Einige von ihnen werden nach Neuschottland gebracht, w ährend andere nach Woodstock in Montreal geschickt werden. Die Zahl der Auswanderer beläuft sich aut" 60 Köpfe. Da man am Samstag eine Erneueruug der Unruhen in Dowlnis erwartete, war die Polizei hodeutend verstärkt worden, und der Ort wurde beständig abpatrouilliert. Der Ansledltingsraycn Ist noch zu gross. Der ,.Kritnsky Wcstnik“ belichtet, dass im nächsten Jahr die Aufenthalts- Berechtigung der Juden in Jalta noch mehr eingeschränkt werden so!!. Die Auswanderung von Juden hat dem St. Petersburger ״Herold” zufolge im Gouvernement Minsk einen Massencharakter• angenommen, so dass man eine sichtliche Abnahme der 11cbräischen Be\ö!kerung einzelner Flecken merkt. Die meisten jüdischen Emigranten fallen den ausländischen Agenten zum Opfer, die ihnen goldene Berge versprechen und sie dafür, was ihr Bargeld betrifft, regelrecht ausphmdern. Nach einigen Monaten werden die meisten dieser Emigranten als Bettler heimkehren. Im ..Prawittelstnij Wcstnik“, dem russischen Rcichsanzciger, erschien am Montag vor H Tagen folgende Notiz, und zwar im amtlichen Teil: ״Am 30. August (a. St.) wurde in Pinsk in der Strasse, in der die jüdische Schule liegt, ein 1!jähriger Knabe namens Kissclcw, als er gegen 9 Uhr abends aus dem Kloster in der Lagoschunerstrasse heimkelirte, von drei Juden überfallen, ms zur Bewusstlosigkeit mit Stöcken geschlagen, an der Hand verwundet und halbtot am Ufer des Pinaflusscs hingeworfen. Dort wurde er von drei Schifisarbeitern aufgefunden. Als er zur Besinnung kam, erzählte er den Vorfall mit dem Hinzufugen, dass cin.er der Juden Samuel Pomeranz heisse. Der Überfall eriolgte plötzlich und ohne jeden Anlass. Der lokale Untersuchungsrichter ist mit der Angelegenheit beschäftigt." Nach den Feststellungen des Gouverneurs von Minsk, der zur Untersuchung des Vorfalles nach Pinsk gefahren war. liegt der ״Affäre" Risselew folgender Tatbestand zu Grunde. Kisselesv ist erstens kein 1!jähriger Knabe, sondern ein handfester lSjährivcr Arbeiter, dem Streit und Schlägereien nichts neues waren: ferner kam er nur mit einem jüdischen Arbeiter in Streit, und endlich erhielt er nur eine kleine unbedeutende Schramme an der Har.d. Er ging schon am nächsten Tag wieder zur Arbeit. Ein Vergleich dieser unanfechtbar festgestcllten Tatsachen mit der Darstellung des ״Pravittelstnii Wcstnik“ zeigt, wie das amtliche russische Organ mit der Wahrheit umspringt. Der ״P.rawittelstüij Wcstnik” wird an sämtliche russische Behörden verschickt, und seine Nachrichten sind sozusagen geschützt, da No.'41/43. weder eine Kritik noch Richtigstellung derselben zugclasscu wird. Es scheint, dass die russische Regierung an den Exzessen von Kischincw und Hornel, die ihre Organe nicht nur nicht geduldet, sondern protegiert haben, nicht genug hat. Auf jede mögliche Weise wird Stimmung gegen die Juden gemacht und ein Vorwand für das grausame und arglistige System der Unterdrückung ihnen gegenüber gesucht. Es ist notwendig, einen scheinbar so unbedeutenden Vorgang, wie die Veröffentlichung obigen Berichts, in seinen wahren Motiven zu beleuchten, weil er den Eindruck macht, als wäre die Irreführung und Täuschung ein programmatisches Mittel russischer Politik — im Inland ebensogut wie dem Ausland gegenüber. Es sei nur an die offiziehe Darstellung der Exzesse von Kischincw und Hornel erinnert, die das Menschenmögliche an Entstellungen leisten. Eine Berichtigung brachte der ״Prawittelstniz Westnik“ selbstverständlich nicht. Russland aber ist ein christlicher Staat. Und wir sind eben nur Juden. ־־ Jeus Woche bringt neue Beschränkungen der russische!» Juden. Das neue Gesetz, welches jüdischen Künstlern ausserhalb des jüdischen Ansässigkeitsrayons zu wohnen verbietet, ist bereits, wie der ״Kiewaljanin“ meldet, in Kraft getreten. Soeben haben die in Kiew lebenden jüdischen Schauspieler und Musiker durch die Polizei die Weisung erhalten, sofort die Stadt zu verlassen. Unter der Aufschrift: Eine polnische Absage an den Antiscmjtisnius, bringen d׳c liberale:! Blätter folgende Auslassung: Graf 1 isclikcNvitsch. das Haupt der bekanntesten und ältesten litauisch-polnischen Adelsgcschlechtcr. hat in der Warschauer Zeitun.q ״Wiek” einen gegen den Antisemitismus gerichteten Artikel veröffentlicht, der grosses Aufsehen erregt hat. Er spricht seine Entriistu;:.•: darüber aus, dass der Antiscmit'smus sich in letzter Zeit heim polnischen Adel heimisch gemacht habe und forscht eingehend nach der Veranlassung der jüdeufeindlichen Bewegung in Russland. Er schreibt darüber: ״Die christlichen Geschäfte unseres Landes mit der Aufschrift ״Irr: Namen Gottes” verkaufen minderwertige Ware um teures Geld o.kr. was noch schlimmer ist. mit doppelter Rechnung. Der ckrUlichc Handwerker arbeitet nachlässiger und teurer, als der jüdische; der christliche Agent trnüit die Aufträge seines Mandanten niemals so schnell und geseiltem, wie sein jüdischer Konkurrent. Wer ist wohl daran schuld, dass unsere Juden das ganze Geschäft in Händen haben? Der jüdische Kaufmann, der besser zu handeln versteht, oder der Christliehe Kaufmann, der dafür, dass er überlw.wt existiert, doppelte Rechnungen ausschreibt? Der jüdische Brnmnweinhänüler oder der christliche Branntweintrinker? Der Jude, der sich mühsam sein Geld verdient oder der ,.Herr Gutsbesitzer“, der Geld leichtsinnig auf Pump nimmt? Der Antisemitismus ist die Stimme des Begehrlichen, aber Schwachen; und der Alicheu gegen die Juden, der Hass, der zu blutigen Grausamkeiten gcführt hat, — ist wie jeder Hass aus dem Bewusstsein der Schwäche und der Ohnmacht geboren. Wenn wir uns i I er das Übergewicht der Juden beschweren, warum verteidigen wir uns nicht auf eine Art. die der modernen Kultur würdig ist? Denn die Verteidigung, die jetzt überall beliebt wird, die selbst in den Kreisen der adligen Gutsbesitzer Mode werden möchte die Verteidigung durch den Antisemitismus, sollte von Christen nicht angewandt werden. Wenn wir uns rühmen, die Gebote der Nächstenliebe zu erfüllen, so sollte der Hass uns fernbleiben. Leicht ist cs, anderen ihre Fehler und Mängel vorzu- Italien, leicht ist es für uns, d:e Juden mit Vorwürfen und Beschuldigungen zu überhäufen. Viel schwerer ist cs. sich an ihnen! ein Beispiel zu nehmen, von ihrer Solidarität und iherr gemeinsamen Aktionskraft zu lernen: bei ihnen gibt es keine Unterscheidung nach Rang und Stand, Klasse und Partei. Mögen immerhin unsere russischen Christen von den Juden, die sie verachten und verfolgen. Ausdauer in der Arbeit lernen und vielleicht auch bisweilen ׳״- Ehrlichkeit! Die Weltgeschichte hat uns mit den Juden gemeinsame Interessen gegeben; an uns ist es, mit ihnen in Frieden zu leben, statt in Hass und Feindschaft.“ — Am Schlüsse seines Artikels erinnert Graf Tischke witsch noch daran, dass der Antisemitismus ebenso alt sei, wie das jüdische Volk und wie in früheren Zeilen, so auch heute sich in rohen Qewaltsau-dmichen, barbarisciien Metzeleien und blindem Zorne äussert. Nichtsdestoweniger sei das jüdische Volk vorgeschritten, der Antisemit;*- mus hingegen sei steheugebliebcn in seinem düsteren Rahmen des Rassen- und Stammeshasses. Er habe kein Ziel und keine Zukunft. -- Aber dieser weisse Rabe unter den Polen beweist noch nicht, dass jetzt die schwarzen Raben Polens vveiss geworden sind. Jedenfalls wollen die Polen der jüdischen Hilfe beim Kastanienrösten nicht entraten. Jubiläum. LHe Berliner Korsettfabrik VV. &* G. Neuraann, Inhaber William Neumanu, Blumcnstr, 62, feierte am Sonntag, JÜDISCHE RUNDSCHAU