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Jüdische Rundschau · 1903-10-16 · Heft 41-42 (16.10.1903) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 41-42 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 41/42. 4 Seite 443. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Inhaltsangabe umfasst Mir hat einmal ein berühmter deut- I scher Schriftsteller, Berth. Auerbach, gesagt, ein Kunstwerk [ ohne passenden, gutgewShltcn Namen ist wie ein kopfloser j Torso. Es sind schon eine ganze Anzahl von Namen dem Werke des Ungenannten bcigclcgt worden; man nabntc cs zu-! nächst das#Trostcsbuch Israel. Dieser Name trifft annähernd*: die Tendenz, aber nicht das Kunstganze selbst. Andere bc- I zeichnen dasselbe als des Gottesknechtes Krdeuwallen; das . christliche Dogma sicht in dem Buche die Verherrlichung des j leidenden Christus und den Triumph seiner Kirche. Inhalt j und Form des ganzen muss uns auch zur richtigen Bezeichnung j desselben den Hinweis bieten. j Die beiden Hauptteile stellen nicht unmittelbar neben- \ und nacheinander da. Sie sind verbunden durch Kap. 52, 13 bis Kap. 54, durch die epische Darstellung des ״Schmcrzcnsj manncs“, (Isch machöwös). welche in ihrer lebendigen und. machtvolle« Schilderung, ergreifenden und erschütternden Wirkung völlig unvergleichlich dasteht. Um diesen Schmer- ( zensmanu mm drehen und gruppieren sich alle die Ausfiihrungen und Verkündigungen im ganzen Buche, und indem wir . hierauf die Aufmerksamkeit gerichtet halten, ist ja der Name bald geitmden, welcher aus dem Ciesumtinhalte abgeleitet auf den Gesamtiniialt hindeutet, nämlich: ״Des Schmerzensmanns 1 Leid und Trost.‘* Wer ist nun dieser Schmerzensmann? Offen- ■ har jener ״Ewcd Adonai”, jener Gottesknccht. womit sich der ’ Prophet durch den ganzen ersten Teil des Buches hindurch so eitrig und eindringlich beschäftigt. Zunächst beginnt das; Buch mit tincr Einleitung, welche die Absicht und den Zweck des ganzen kundgibt. ״Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott! Redet zum Herzen Jerusalems und verkündigt ihm, dass sein Kriegsdienst erfüllet, dass seine Sünde gcsülyiet. dass es von Gott ein doppeltes Strafmass empfangen hat für alle seine Sünden." Man beachte wobt die schöne und kräftige : Steigerung m diesem gewaltigen Trostworte: ״Redet zum Herzen Jerusalems.‘־ Worte, die von Herzen komme!! und wiej der zu Herzen gehen, dass sein Kriegsdienst beendet, weil seine Sunde gesühnt, dass seine Sunde gesühnt, weil es dafür ein! doppeltes Strafmass empfangen hat. j So spinnt sich denn dieses Trostwort der Einleitung weiter j fort in einer Weise, welche lebhaft an die Diktion Shakerpeares rnd Schillers erinnert, nur ju.cli weit erhabener kl'ngt und weit ergreifender wirkt, weil es als Proplieteuwort, als Gotteswort sich kundgibt und aus dem Geiste der Ewigkeit und Unendlichkeit hervorquilit. Kap. •41, 8 tritt dann der Gotteskuecht zum ersten Mal auf den Plan: ״Du, Israel, mein Knecht, Jacob, der ich dich erwählt, Samen Abrahams, meines Freundes. Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, scheue dich 1 nicht, ich bin dein Gott — ich stärke dich, helfe dir und stütze! dich. ' j Siehe, es werden zu Schanden werden alle, die sich an dir ärgerit, und werden zu Grunde gehen die Männer deines Haders; . . . ich der Ewige, dein Gott, erfasse deine Rechte und sage dir: ״Fürchte dich hiebt, ich helfe dir.“ Und Kap. 42: ״Siehe mein Knecht, worauf ich mich stütze, meinen Erwählten, woran meine Seele Gefallen findet — er schreit nicht, überhebt sich nicht, lässt nicht in der Ocffentlichkcit seine Stimme hören. Das schwanke Rohr zerbricht er nicht, da! verglimmenden Docht verlischt er nicht: zur Wahrheit nur lässt er hecvorgeUeu das Recht und ermüdet, ermattet nicht, bis er begründet hat auf Erden das Recht und seine Lehre, worauf die Völker warten.“ Ebenso Kap. 44: ״Fürchte dich nicht, mein Knecht Jacob. Jcschurun, das ich mir erwählt habe; wie ich das Wasser ausgiesse über alles Lechzende und die Rieselung über alles Trockene, so werde ich ausgiessen meinen Geist über deine Nachkommen und meinen Segen über deine Abkömmlinge." Fragen wir null, welches bedeutsame Ereignis, weiche absonderlichen Beweggründe können wohl den Propheten xit solchen Hcilsvcrkündigungen erweckt und begeistert haben? so erhalten wir bald, Kap. 44; 23 ff. und Kap. 45 zu Anfang völlJg ^»lügenden Aufschluss: ״Jauchzet ihr Himmel, dib Gott gemacht hat, jubelt ihr Erdcngründe, erhebet Ihr Berge Freudenruf. du Wald und alle Bäume darin, denn Oott erlöset Jacob und Israel, das gerühmte ... der da zu Kyros spricht: .,Mein Hirt bist du, all mein Anliegen zu vollbringen mul zu Jerusalem zu sprechen, werde wieder aufgebaut und der Tempel begründet.“ — ״So spricht der Herr zu seinen Gesalbten, zu Kyros, den ich bei seiner Rechten ergriffen, Völker vor ihm niedergeworfen . . . Um meines Knechtes Jacob willen und Israel, meines Erwählten, habe Ich dich bei Namen gerufen, dich benannt, ohne dass du mich erkannt hättest.“ Das war allerdings . ein hinlänglicher Grund, den Gottes* mann zu begeistern und zu erwecket»; er, der sein Volk liebte mit aller Glut seines empfänglichen Gemütes, seines begeisterten Herzens. Merkwürdig mir, dass hier die Rolle des persünlieben und weltlichen Messias für Israel dem Cyrus zugcleili ist. Israel selbst aber ist als der Knecht Gottes mit der Mission betraut, der gesamten Welt die Erlösung zu bringen, denn Gatt spricht: ״Da es zu gering ist, dass du mir cU Knecht seiest, um den Stamm Jacobs auf/iirieiiteu und die Ge* retteten Israels zuritckzunihreu. so habe ich dich denn gemacht z״m Uchte der Völker, mir zu sein eine Beihilfe bis an das Ende der Erde.“ Das will sagen, bis dnliin. wo die Erde ihre räumliche und ihre zeitliche Endsehait erreicht hat. So hat uns denn der Prophet zunächst mit dem Gottes- Knecht bekannt machen wollen, dem alle die tröstlichen Verheissungen gelten, dem alle die erhabenen Sendungen anvortraut sind. Diese Aufgabe, der Welt die Erlösung za voririilelu. war aber kein Iciehus Werk. Dieser Golicskttccht in seinem schwachen, hinfällige•! Mensclieiuiasem muss׳.־.• mit der entmenschten, in allen Sunden und Sch.׳,:'■ len versunkenen Welt gar mächtig zusammeniahrcti. Alle Weitübel, Gewalt* und Schancnaten der verrohten Menschen mussten sich über seinem Hrmpic entladen: so ward seine Mission zu einer Eeidcnsmission, und der Gottesknecht ward zum Schmerzen.«.־ manne, dessen Beschreibung wir hier auszi! glich 1t:־cb dem Prophetenworte miticilen wollen: ״Siehe, nun! wird verstehen lernen meinen Kredit, und hoch, erhaben und herrlich wird er sehr, gar sehr.“ ״Wer hätte das geglaubt, was wir gehört, und die Allmacht Gottes — an wem hätte sie sich so offenbart? Er ging vor ihm auf. wie ein Spross und wie ein Keim aus dürren» Lande. Ohne Wohlgestalt, ohne Schönheit, dass man auf ihn gebückt, ohne Ansehen, dass er uns gefallen hätte. Verachtet und mens dienverlassen, ein Schmerzensmann, leidvertraut — und wie um das Angesicht vor ihm zu verhüllen, war er verschmäht. Und wir achteten nicht sein. Aber wahrlich! unsere Krankheiten hat er getragen, unsere Schmerzen auf sich geladen — und wir betrachteten ihn als von Gott gepeinigt und geplagt. Und er —־ wundverlctzt ob unserer Verbrechen, zerschlagen ob unserer Sünde, übernahm er die Zucht unserer Heilung und durcli seine Wunden sind wir genesen. Wir irrten alle, gleich Schafen, ein jeder seinem Wege zugewandt — und Gott hat an ihm unser aller Sünden heimgesucht. Er ward misshandelt, demütigte sich und tat seinen Mund nicht auf. Wie das Lamm ward er zur Schlachtbank geführt, und wie das Schaf vor seinen Scherern — er blieb stumm und tat schied Mund nicht auf. Des Schutzes und des Rechtes beraubt — und wer sein Zeitalter schwatzen hört — ausgeschlossen aus dem Lande des Lehens, — sei der Sünde meines Volkes wegen diese Plage ihm geworden. . . . Gott aber wollte bis zur Zerknirschung ihn krank werden lassen *— wenn er dann sein Leben zum Scliuldopfer dargeboten, sollte er Nachkommen schaue«, lange leben, und die Angelegenheit Gottes gelingen durch seine Hand.“ Ist es nicht im höchsten Grade staunenswert, wie uns der Prophet in der Person dieses Schmerzensmannes, dieses Leidcnshclden ein .Geschickes- und Geschichtsbild unseres Volkes nicht blos seiner Zeit, sondern aller Zeiten, ganz vorzugsweise unserer Zeit darbietet. Schauet Um doch einmal genauer an.

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