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Jüdische Rundschau · 1903-10-16 · Heft 41-42 (16.10.1903) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 41-42 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 442. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 41/42. es, dass der Antisemitismus den Zionismus gern sähe oder gar begünstige. Noch nie hat der Antisemitismus eine jüdische Bewegung mit so hämischer Gemeinheit und so berechnender Feindseligkeit bekämpft, wie die zionistische, wenn er auch zuweilen so tut, ab passe ihm der Zionismus in den Kram. Er will mit kluger Berechnung die Juden der ״Mitteilungen“ und Genossen, deren Psychologie er sehr gut kennt, verlocken, die einzige jüdische Bewegung hinterrücks anzufallen, die imstande ist, die Juden der elementaren Gewalt antisemitischer Gewalttat wirksam zu entziehen. Mit einem geradezu unglaublichen Eiter wenden sich dabei die ״Mitteilungen“, die selbstverständlich nicht dagegen haben, wenn sich evangelische und katholische, deutsche und polnische Turnvereine bilden, gegen unsere jüdische Turnbewegung. Sic, die uns imputicrcn, unser jüdisches Ehrgefühl sei erst durch den Antisemitismus wachgerufen, können es natürlich auch nicht verstehen, wenn wir uns für viel zu gut halten, uns einer Gesellschaft anzuschliessen, in der man uns vielleicht nicht will. Wir sind eben nicht aufdringlich, und werden uns auch keineswegs einer liberalen Partei bei den bevorstehenden Landtagswahlen auidrängen, wenn sie uns zu verstehen gibt, dass jüdisch-nationale Stimmen besser anderen Parteien zugute kämen. Wenn etwa die ״Mitteilungen ‘, die von einem Vcreine herausgegeben werden, der durch Personalunion mit der ״Freisinnigen Vereinigung“ verbunden ist. diesen Tribut dem neuen Zuwachs an Nationalsozialen bringen zu müssen glauben, so beweisen sie damit nur, dass sic es besser verstehen, dieser Vereinigung zu schaden, als den idealen Gesinnungen Rechnung zu tragen, die die Naumann, Gerlacli etc. beseelen. Diese Leute verstehen, dass uns Juden nicht damit gedient ist. wenn man berufsutässig -eine Anzahl von antisemitischen Zeitungen liest und zeitweilig gegen eine derselben einen Beleidiguugsprozess führt. Sie verstehen, dass es für die Lösung der Juden frage garnicht darauf ankommt״ dass irgend ein jüdischer Kommerzienrat einen Orden erhält oder sein Sohn eine Onizicrsuuit'orin anziehen darf. Denn sie wissen als nationale Männer, dass man ehrlieh cm Nationalismus nicht anbängen kann, wenn man die eigne Nation an den Nagel hängt, und siel! einem andern Stamm anschliesst, dem dieser Anschluss vielleicht gar nicht einmal erwünscht ist. Auch ist ihnen als modernen Menschen, die sich in der Welt!ungesehen haben, wohl bekannt, dass cs eine Selbsttäuschung ohne Gleichen ist, wenn die ״Mitteilungen" davon sprechen, dass es gelungen ist — selbstverständlich', mit ihrer Hilfe —, die antisemitische Bewegung unseres Vaterlandes cinzudämmen. Diese Nauniänucr würden ihnen berichten, dass Könitz und Schlochau auch nicht in Russland liegen. Und dann, wenn sogar die deutschen Juden im bürgerlichen und gesellschaftlich-sozialen Leben das ganze ״praktische Ideal" der ״Mitteilungen“ erreicht hätten, wäre damit etwas für die Lösung der Judenfrage geschehen? Dann wäre die Frage für Herrn Kommerzienrat Gallinger in Nürnberg gelöst, der in den ״Mitteilungen" W i c 111 i g t u e r e i, U e b e r 11 e b u n g und U ebermut zu den Beweggründen des jüdischen Nationalismus macht, aber nicht für das jüdische Herz. Denn V״> unserer Brüder leben in christlichen Staaten, wie Russland und Rumänien, und wir werden uns nicht von ihnen trennen, wenn es uns gut geht und ihnen schlecht. So praktisch ist eben unser Ideal nicht. Mit einer Naivität, an deren ungeschminkte Aufrichtigkeit zu glauben uns schwer wird, schreiben die ״Mitteilungen“: ״Unsere Auslassungen über die Absonderung der jüdischen Turner und über die Zionisten haben!n diesen Kreisen vielfach keinen Anklang gefanden, hie und da wohl auch Anstoss erregt." Wenn das aufrichtig gemeint ist, so begreifen wir tatsächlich, dass die ״Mitteilungen" für ein Ehrgefühl kein Ver•• ständnis haben, das uns Juden 'abhält, uns in Kreise zu drängen, wo man uns vielleicht scheel ansieht. Wir können doch nicht alle in der Tiergartenstrasse wohnen und mit Impressionen unser שב צ ישראל in den Staub ziehen. Audi können wir nicht jedem gleich klar machen, ob wir Anstoss an etwas nehmen oder nicht, besonders einer Redaktion gegenüber, die nur ganz handgreifliche — praktische Ideale versteht. Auch warteten wir immer auf das Quos ego. vom Vorstand der ״Freisinnigen Verciningung", dem es so nahe vor den Preussischcn Landtagswahlen niclit glcichgiltig sein kann, ob einer so zahlreichen und rührigen Partei. wie der zionistischen ein Kampf aufgezwungen wird. So lange die ״Quos ego" nicht erfolgt, ist die Partei für ihr Organ, die ״Mitteilungen", verantwortlich. Die ״Mitteilungen" neunen unser Ideal ein falsches, luftiges und gefährliches, und wünschen dagegen, dass wir ein praktisches und realisierbares an seine Stelle setzen. Das praktische Ideal soll darin bestellen, ״durch unser Verhalten und Streben, die uns ungern gewährte Achtung und Liebe den deutschen Mitbürgern abzuringen“. Sie prophezeien uns das ״schnelle und sehr böse Ende des zionistischen Staates“. Wir trösten uns mit dein talmudischen Satze, dass seit der Zerstörung des jüdischen Staates nur noch Kinder und Narren Prophetengabe besitzen. Aber nicht so können wir 1111s damit zufrieden geben, dass die .,Mitteilungen“ uns vorschreiben wollen, was die Lehre des Judentums sei. wenn sie uns einen Satz von Moses falsch zitieren und interpretieren. Denn wir halten an der nationalen 1110• saisdien Lchtc unverbrüchlich fest und werden den ״Mitteilungen“ zu Liebe kein De:!t von niiserm Judenturne aufgeben. Für die Juden ist die Arbeit an der Rückkehr ins Land IsragJ eine von Moses (פ' ה׳ ג׳ד בשה עי.) gebotene Pflicht. Zum Schluss zitieren uns die ״Mitteilungen" ein Schillersches Wort aus ״ :“011*1'״Ans Vaterland, ans teure schlicss dich an“. Wenn der Redakteur der ״Mit-־ teilungen“ einmal etwas anderes zu lesen wünscht als die ״Staatsbürger-Zeitung“, ״Das Volk“ und das ״Berliner Tageblatt“, so mag er sich für 2n Pfennig eine Rehlainausgabc von ״Wilhelm Teil" kaufen und sich sein Zitat näher ansehen. Dann wird er dort noch die Worte finden: ״Was liegt dem guten Menschen näher als die Seinen, gibts schönre Pflichten für ein gutes Herz, als seines eignen Volkes Schirm zu sein?“ Und wenn er dann noch nicht versteht, was uns die deutsche Kultur so teuer macht, und uns von dort zu jüdischen, nationalen und sozialen Idealen führt, so!nag er seine Lektüre ausdehnen, bis er an das Wort kommt: ״Nichts w ii r d i g ist die Nation, die nicht ihr Alles trendig s c t z t a n i 11 r e Ehre!“ — Ob cs ein praktisches Ideal ist, das Schiller da verzeichnet, mögen die ״Mitteilungen" entscheiden. E1 j a q 1 in. Der grosse Ungenannte. Von Dr. J. J. Rülf. (Fortsetzung.) Als ein Kunstganzes ist cs auf das beste und Übersicht- Hellste disponiert und komponiert. Es besteht zunächst aus zwei, völlig ebemnässigen, in konsequemter Abfolge hingestellteil Teilen, welche in einem Anfangs- und Schlussworte ihre Ergänzung und Vervollständigung finden. Der erste Teil hat den Blick gerichtet aui die Vergangenheit, der zweite auf die Zukunft, .und der abschliessende Teil dulhält die Erfüllung und Auflösung aller der im Prophetenge-istc ungeschauten Zukunftshoffnungen und NVclträtscl. ' Ein echtes Kunstwerk muss aber auch einen Namen haben. Der Name ist ein wesentlicher Bestandteil eines jeden Kunst- Werkes und muss so gewählt sein, dass er an sich eine volle

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