Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 41-42 (16.10.1903)
- Date
- 1903-10-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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In einem Hamfschcn Märchen setzt Molläuder-Micliel dem schwäbischen Peter auseinander, wie unpraktisch cs sei. ein menschliches Herz zu haben, tmd dass es weit richtiger und unendlich praktischer wäre, ein steinernes Merz im Busen zu tragen. Das wäre so schön kühl und so handlich, und mache keinerlei Aufregung und Be- .sehwerde. Das schwäbische Peterle macht den Versuch. Holländer-Michel setzt ihm ־anstelle eines warmen, pochenden Herzens einen Stein in den Busen, und Peter ist zu einem praktischen Ideal gekommen. Der Mann \ mit dem Stein unter dem tadellos weissen Chemisette j w ird steinreich und wäre wahrscheinlich, wenn er deuti scher Staatsbürger mosaischer Konfession gewesen j wäre, vielleicht Kommerzienrat geworden. Sogar im j Märchen bringt das praktische Ideal etwas ein, und um | wieviel mehr in der Weit der Wirklichkeiten, wo es die zärtlichsten. Eltern, nur weil sie reich sind, fertig hekommen, ihre Kinder Jahre lang nicht zu sehen, und erst von ihnen wieder erfahren, wenn eines oder das andere zufällig tot ist. Wir, die wir nichts geerbt haben vom Glückssäckel des weiland Fortunatas aus Famagusta, sind ebenso wenig imstande, diese elterliche Zärtlichkeit zu würdigen, wie wir überhaupt so praktische Ideale jemals erreichen werden. Daher kommt es, dass der jüdische Mittelstand und die kleinen Leute unter uns kein sonderliches Verständnis den Bestrebungen entgegen bringen, die uns vom Judentum abweuden und uns einer vielleicht für den Kinzclnen praktischen Assimilation Zufuhren wollen, die für das Judentum als solches den langsamen aber sicheren Tod bedeutet. In diesem Sinne haben wir die Abwehrbestrebungen abgelelmt, die darauf hinausgehen, «ns vom angestammten. Judentum zu entfernen, da wir 1111־ praktisch genug sind, für eine Sache auch leiden zu wollen, die wir für wahr und gerecht halten. Daher hat die ganze Pressmeute der getauften Juden, und derer, die cs werden wollen, ihren Geher gegen das historische Judentum losgclassen,und kein Prinzip des Liberalismus w ar diesen ״Liberalen“ so wertvoll, — heilig ganz gewiss nicht —, um nicht gegenüber nationalen Juden vergessen zu werden. Unter den liberalen Blättern hat das von dem Protestanten Arthur Lcvysohn redigierte! ״Berliner Tageblatt“ das schon herkömmliche Recht, sich jn die inneren Angelegenheiten des Judentums einzumischen, und für Reformgemeinde und Judemaine direkte und indirekte Propaganda zu treiben. Wir w erden diese Angriffe auf den Bestand des Judentums ebenso überwinden, wie die gleichzeitigen aui den Kanzeln gewisser Synagogen. In den letzten Wochen hat aber ein Blatt sich ebenfalls bemiissigt gefunden, uns ״ein praktiscb.es Ideal“ vor Augen zu führen, und sich in die inneren Fragen des Judentums zu mischen, das nach seinem Programm den Antisemitismus abwehren tmd die sittlichen Fehler der Juden bekämpfen will. Dieses Blatt, dessen Reichhaltigkeit an Inhalt in umgekehrter Proportion zur Länge seines Namens: ״M i11ei 1 u ngcn ans dem Verein zur Abwehr des A!11i semi t i sm 11s“ augenblieklieh steht, versucht, sich seinen ausschliesslich jüdischen Lesern dadurch interessant zu machen, dass cs sich von der Abwehr des Antisemitismus, für die es seit etwa zwei Jahren nichts mehr zu leisten vermochte, abkehrte und die Bekämpfung des Zionismus und der jüdischen Oesinnung auf seine Falmc schrieb. Es handelt sich nicht um einen Zufall, da das Blättchen jetzt schon seine sechste Nummer mit diesen ungerechtfertigten tmd unwahrhaftigen Angriffen füllt. In diesen Artikeln, die von einer ebenso grossen Unkenntnis des Zionismus und seiner Bestrebungen, wie des Liberalismus, dem das Blatt angeblich huldigt, zeugen, wird uns vorgeworfen, dass der Zionismus teils eine Frucht, teils die Ursache des Antisemitismus sei. Es fallen dabei in einem Artikel der Redaktion einige gehässige Liebenswürdigkeiten für die Juden in Russland ab, die davon zeugen, dass diese Redaktion der Abwehr des Antisemitismus einen grossen Dienst leisten würde, wem! sie sich an ihr nicht beteiligte. Wenn wir den guten Lehren, die das Blatt unserer ״jugendlichen Vorliebe“ für ״sonore Worte“, unserer ״jüdischen Abschliessungsspiderei“ mit einer aufdringliehen ״lebhaften Sympathie“ erteilt, folgen wollten, so müssten wir vor allein die antisemitischen Zeitungen lesen, um dann unser Judentum und unsere Arbeit in ihm nach deren Anschauungen und Bedürfnissen einzu richten. Es ist dabei eine unglaubliche Denunziation, wenn in einem mit bemerkenswertem Mute anonym geschriebenen Artikel uns untergeschoben wird, dass wir keine ״guten deutschen Staatsbürger“ sind oder sein können. Man muss gestehen, dass der Schreiber dieses Artikels von den Antisemiten gut gelernt hat. Eine der Wahrheit kühn ins Oesieht schlagende Behauptung ist i;- ־ ״1 %