Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 40. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 437. Volkes zu Zion ist ein zu gewaltiger Posten in unserem ״Haben״, als dass wir nicht damit reclniU 1 sollten. Unsere Feinde möchte! uns uneinig machen, Misstrauen zur Zionstreue unseres Herz! in uns wecken. Sie sind plötzlich eifersüchtigere Zionisten geworden, als, wir selbst ie waren. Wenn sic aber Herzls Zionstrcuc nicht trauten, so brauchten sic nur mit seiner politischen Klugheit zu rechnen. Seiner klugen Kenntnis der jüdischen Volksseele könnte man sogar trauen, selbst wenn er gar kein Zionist wäre, wie er der allertrcueste ist, dass er aus Klugheitsriicksichtcu nie von Zion als dem einzigen Ziel lassen werde. .,Zionismus ohne Zion“ sei nur von dcücn denk״ bar, die ein ״Judentum ohne Juden“ sich ausgedacht hätten• Unser Denkvermögen reiche zu beiden nicht aus. Unsere Gegner recl 1:t!1 uns als Passiva für die Inventur uns«• rer He* ttiülinngcn um Sinai und Ostafrika, aber nicht, wie sie vorgeben, weil das nicht Zion sei, sondern weil es ihnen noch zu n a h zu Zion ist. Sic wollen ja überhaupt keine Auswanderung. Und damit kam Redner zu einer andern Bilanz des Zionismus, nämiieh nicht einer solchen, die man dem Zionismus zieht, sondern der Bilanz, die der Zionismus als Teilhaber am Jude(.!• tum über die letzte Jniiresreclniuug de* Judentums auistelh. Ui ging dam! über die rumänische Judennot. d׳e imgemindert tortdauert, über die Babel-Bibel.* r.grine auf Juden und Judentum. aber die Nachklänge zum Konitzer Mord und die Unruhen in Algier und Rumänien zu Kischinew. Zablotow und Home! über, wobei er den christlichen Charakter der Verfolgungen in Hinbück auf das hohe Lied der Liebe in Cor. 1, 13. beleuchtete. Er zeigte dann, dass nichts von nichtzioitistiscftcr jüdischer Seite geschähe, um der Wiederholung der russischen Ereignisse vorzubengen. Mit Geldsumme!!! und Auswauderungsverbotcn sei es nicht getan. Der Zionismus habe als ״Soli“ eine Arbeit ii!r Jahrhunderte und in seinem ,.Haben“ die grossen Resultate des VI. Kongresses. Ein gewaltiger Einzelposten im ״Haben“ ist die Person Herzls, ebenso aber auch die gewaltige nationale Begeisterung und unwandelbare Zionsliebe gerade der russisehen Juden, die dem ganzen Zionismus den gewaltigen Rückhalt verleiht. Das Judentum im allgemeine״.־, hat nur ein Defizit zu verzeichnen, nur Passiva, und sein einziger Posten auf der Seite der Aktiva ist der Zionismus. Der aber halte die Kraft und den Willen, sein Ziel in Zion zu erreichen. Langandaucritder Beifall bewies, dass der Referent der Versammlung aus dem Herzen gesprochen hatte. Line angeregte Diskussion schloss sich an, in der Dr. Klee die Gegner, die Herzls russische Politik bemängelten, in meisterhafter W eise ad absurdum iuhrte. Hin Augenzeuge der Ereignisse von Kiseliinew, Rechtsanwalt Jitclsoh!׳. legte ans der reichen Fülle seiner Erfahrung dar, dass den Juden in Russland durch eine Volksregierung nicht geholfen würde, da der Volkshass gegen die Juden in allen Klassen der Bevölkerung gieieh tief wäre. Man könnte im Gegenteil eher eine Verschlimmerung für die Lage der Juden erwarten, wenn solche überhaupt noch möglich wäre. Einem Gegner, der jeden Nationalismus als unmoralisch verdammte und ihm gegenüber die reiche Ethik und allgemeine Menschen« liehe aufgestellt wissen wollte, erwiderte Dr. Locwe in seinem Schlusswort, indem er u. a. betonte, dass die allgemeine Men« schenlkbe dazu erfunden zu sein scheine, um sich den Pflichten dem Bruder gegenüber zu entziehen. Ehe man theoretisch vom Fernsten spreche, solle »״an praktisch für den Nächsten Hand aulegcti. Das jüdische Recht habe deshalb keine abstrakten Forderungen von Liebe und Philanthropie, sondern präzise Ge« setze aufgestcllt. Darunter sei auch: Du sollst beim Blute deines Nächsten nicht stille stehen! Das Blut unserer Bruder, das zum Himmel schreit, würde ein neuer Ansporn auf dem W'ege gen Zion sein. Der Beifall, den die zionistischen Redner fanden, kam auch darin zum Ausdruck, dass während der Diskussinn 17 neue Mitglieder sich zum Beitritt zur Berliner Zionistischcn Vereinigung meldeten. Auch diese Versammlung war wie die letzte in der Philharmonie ein grosser Erfolg. Posen. Am 26. September fand die offizielle Konstituierung der Ortsgruppe statt. 42 Mitglieder traten derselben bei. Vorstand: Dr. Jeremias, Vorsitzender; Fabrikbesitzer M. Krause, stcllvcrtr. Vorsitzender; Kaufmann J. Brandt, Schläft« fiihrer; Kaufmann S. Scherck, Kassierer; Zahnarzt Risch, Bibliothekar. Es sollen im kommenden Winter regelmässige Miriatssitzungcii stattfiuden. Eine zionistische Lesehalle wird schon in nächster Zeit eröffnete werden. Die Ereignisse der letzten Wochen lassen eine gedeihliche Entwickelung unserer Gruppe bestimmt erhoffen. Frciburg I. B., 26. September. Bald nach dem Kongress hat die hiesige Ortsgruppe ihre Tätigkeit wieder aiifgcnoinmcn. Sie veranstaltete am 6. d. Mts. eine Versammlung in Offenhurg und zwar schon die zweite In diesem Jahre. Da über die erste nicht referiert' wurde, so mag kurz nachgeholt werden, dass am 21. Juni Jul. S im on - Mannheim daselbst in einer gutbesuchten Gemeindeversammlung über ״Das Wesen des Zionismus“ in fesselnder und eindrucksvoller Weise sprach, und zwar, wie aus der Haltung der Zuhörer ersichtlich war, mit gutem Erfolg. trotzdem der Offenburger Bezirksrabbiuer Dr. R a w i e z es an lebhafter Opposition rieht ichlen liess, die jedoch vu: Priv.-Doz. Dr. F r i t ü 1 ä n d e r ־ Strassbuig und Rechtsanwalt V eit- Offenburg wirksam bekämpft wurde. Zur Gründung einer Ortsgruppe kam es damals nicht. Das wurde in der letzten Versammlung nachgehob, in welcher Dr. Da 11 n c n b erg- Strassburg ״Ueber das Ergebnis des VI. Z i o n i s t e n k o n g r e s s e s" referierte. Herr Dr. Rawicz war diesmal nicht erschienen, soll aber vor dein Besuch der Versammlung von der Kanzel herab gewarnt haben. Dr. Daimvnbergs Vortrag war zü'iüer.d. wie immer, und wii hatten die Freude, dass sich!6 der Anwesenden zur Bildung einer Ortsgruppe Zusammenschlüssen. Der kleine Anfang ver« spricht unter der Führung des Rechtsanwalts Veit einen guten Fortschritt zu nehmen. Frciburg |. Br., d. 203 .9 .1־. Unsere Ortsgruppe vcrnnstaltete am 19. d. Mts. ihren erste*! diesjährigen Agitationsnbend. «!er einen sehr glänzenden Verlauf nahm. Dr. Zloeisti- Berlin, sprach Vor einem dielitgefü’Uen Saal ״Leber den Stand des Zionismus nach dem VI. Kongress.“ Nachdem der Redner aus persönlicher Erinnerung der Ent- Stellung unserer Ortsgruppe mit wen'geu Worten gedacht hatte, gab er ein getreues und zusaimneniasselides Bild des letzten Kongresses und schilderte besonders mit flammender Beredsamkeit die ׳.!:,.geahnten politischen Erfolge, die er dem ganzen Judentum gebracht hat. Zwar habe der Zionismus niemals etwas anderes, als eine politische Lösung der Judentrage gesucht, doch hätten seine kühnen Bestrebungen, wie die Verhandlungen mit deu Grossniächten. von denen auf den fünf ersten Kongressen nur gesprochen wurde, auch den eifrigstea Verfechter unserer Sache bisher etwas mystisch angeheimelt. Dem VI. Kongress aber sei es Vorbehalten gewesen, jene Reden in Taten umzusetzen und den Zionismus mit einem Mal auf eine fiir diese kurze Zeit kaum erwartete politische Höhe zu versetzet!. Indessen dürfte man sich darüber kaum wundern: bilde ja die Judenfrage eine drückende Last fiir die ganze Menschheit, d. i. ״wie ein Dorn in den wuuderrtistigeii Füssen der Völker“ überall die Entwicklung der Humanität hemme und die innere Politik eines icdcit Kulturr.taatcs in 1111erwünschte Bahnen hincinzwinge. Eine radikale Lösung dieser Frage, die 'mir im Zionismus gesucht und gefunden werden könne, sei daher für die Grossmächte zur ernsten Notwendigkeit geworden. Selbst das freie England müsste sonst seinen alten Traditionen untreu werden. Was die äussere Gestaltung des letzten Kongresses hetrifit. so trabe man mit Freuden konstatieren können, dass das Verständnis fiir die parlamentarische Form immer mehr bei uns durchdringt. Die diesmal besonders heiss geführten Kampfe und sogar die darübergehende Disharmonie seien nur ein Beweis für die Grösse unserer Erfolge, sei mau ja auf den ״politischen Ricseiipauzcr** nicht im entferntesten gefasst ge« wesen, als man von seinen Wählern Abschied nahm. Bei der grossen Wendung, die der Zionismus auf diesem Kongresse erfahren habe, habe die Kulturfrage, die ja einmal aut die Baseler Tribüne gehörte, von selbst wegfallen müssen. Die nur künstlich und vielleicht aus nicht rein zionistischen Motiven geschaffene ״demokratische Fraktion“ habe sich diesmal ebenso wenig behaupten können. Bei dem Ostairikastrcit sei die Frage