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Jüdische Rundschau · 1903-10-02 · Heft 40 (2.10.1903) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 434. JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 40. Der grosse Ungenannte. Von Dr. J. J. Ralf. (Fortsetzung.) Orosse Zeiten aber erzeugen grosse Männer. Für Israel war aber damals eine Zelt angebrochen, welche das Volk zur höchsten Begeisterung stimmen und den im Volke lebenden prophetischen Geist gar gewaltig anregen und aufwecken musste. Mit Recht sagen unsere Weisen: ״Kol hanwiim in nisnabu" etc. ״Alle Propheten haben nur prophezeit für die Zeit des Messias.״ Damals aber schien diese Zeit gekommen zu sein. Der Prophet, von welchem hier die Rede ist, lebte nämlich ohne alle Frage zu Jener Zeit, die bezeichnet ist in dem Schlusswortc der Chronik und der ganzen Bibel und nochmals wortgetreu am Anfang des Buches Esra sich wiederfindet. Dort heisst cs: ״Und im ersten Rcgierungsjahrc des Kyros, König der Perser, nach Erfüllung des Gotteswortes aus dem Munde Jeremijas, erweckte Gott den Geist des Kyros, König der Perscr, und er licss ausrufen in seinem ganzen Reiche und auch ausschrcibcn folgendes: ״So spricht Kyros, König der Perser: Alle Reiche der Erde hat mir Gott, der Herr des Himmels gegeben, und er hat mir befohlen, ihm ein Haus zu bauen in Jerusalem in Judäa; wer unter euch von seinem ganzen Volke will — mit dem sei Gott, und er ziehe hinauf.“ Die siebzig Jahre der babylonischen Gefangenschaft, welche dereinst der Mund Jeremias verkündet hatte, waren beendet. Der Erlösungsruf für Israel war erklungen, der israelitische Staat sollte neu begründet, Jerusalem, und sein Tempel wieder aufgebabt worden: Das war eine grosse, hoffnungsreiche Zeit ganz ebenso gross und ebenso bedeutungsvoll, wie der Tag, da Moses die Kinder Israel aus Aegypten führte. Das war eine Zeit des Trostes, der Erweckung und Prophezeiung, eine echte Propheten zeit, und nicht dieser eine allein, nein, eine ganze Anzahl ungenannter Propheten sollen damals gelebt und gewirkt haben; wenn wir nämlich Ewald glauben dürfen, der die auf die damalige Zeit bezüglichen Stücke der Ungenannten aus den Büchern der übrigen Propheten, denen man sie clnvcrlcibte, heraus gehoben hat; — jene schnell entstaudenen, und wie die fliegenden Blätter in die Welt gesandten Prophetenworte, wie Ewald sie bezeichnet hak Die Hoffnung auf eine Erlösung der Welt von allen Uebelu, welche tief eingesenkt ist in das Herz eines jeden Menschen, aber erst im israelitischen Volko und seinen Propheten die gläubigsten Anhänger und begeistertsten Verkündiger gefunden hat — glaubte man damals der Erfüllung nahe. Wenn de» Weltcrobcrer und Wcltbchcrrschcr selbst, der eben erst das tödlich gehasste Babylon niedergeworfen hatte, Befreiung und Erlösung verkündigen lässt — nun, dann muss doch die Erlösungstatsache bald ihre Vollendung erlangt haben. Die Zeit, welche alte, verrottete Wcltzustände schliesst und neue hoffnungsvolle eröffnet — das ist die rechte Prophetenzeit. Noch zu keiner Zeit vorher schien die Erlösungshoffnung, welche alle Propheten in ihren Verkündigungen begeisterten Ausdruck gegeben hatten, ihrer Erfüllung so nahe gerückt zu sein, wie gerade damals; dieser Umstand musste einen Prophetengeist, wie den unseres Ungenannten gar mächtig bcfliigeln und ihn emportragen über die Spuren des Verfalls hinaus, bis zu jener Höhe, welche die besten Propheten früherer Zeit erschwungen hatten. Nach einer anderen Richtung hin unterscheidet sich aber unser ungenannter Prophet von allen früheren in vielen wcscntlichcn Punkten. Die mcssianisclic Erlösung Israels und der ganzen Welt ist docli alles Prophetismus Anfang und Ende, und ganz besonders unser Prophet ist der Held der Tröstung und Erlösung; sein ganzes Buch befasst sich nur mit Tröstungs- und Eriösungshofmungcn; allein, im Gegensätze zu allen!ruheren Propheten, ist die Erwartung eines persönlichen Erlösers aus dem Hause Davids bei ihm nirgends angedeutet. Alle Erlösungsvermittlung hat er auf sein Volk übertragen. Sen! Volk ist ihm der W e 11 m e s s f a s; einen anderen kennt er nicht, und will er nicht kennen. Sein Gott und sein Volk sind ihm sein ein und sein alles. Der Gedanke a!1 Gott, an die Erlösung seines Volkes und die Welterlösung durch sein Volk, beherrscht ihn so gänzlich und ausschliesslich, dass ihm alles übrige gleichgüiig erscheint. Im 63. Kapitel gedenkt er des Moses nur ganz vorübergehend in zwei nacheinandcrfolgcmlen Versen. Und von den Erzvätern — er erwähnt deren nur zwei — sagt er leichthin: ״Abraham weiss nichts von uns. Israel kennt uns nicht; du. o Herr, bis unser Vater, und unser Erlöser ist von ewig her dein Name.“ j An anderer Stelle zwar spricht er mit grosser Begeisterung ן von den Erzcltern: ,.Schauet auf den Fels, woraus ihr gehauen,; aus dem Brunnenschacht, woraus ihr gegraben seid, schauet i auf A b r a h a m euren Vater und Sarah euere Volksmutter.‘‘ J (51, 1.) Auch des Königs David gedenkt er einmal, (55, 3), als j Vorbild wahrer Frömmigkeit, als das Ideal eines Herrschers, ׳ aber nicht in bezug auf den Erlöstmgsgedankcn. isdicn und arabischen Idiome bildet, von vornherein ganz anders denken muss, als der Europäer, welcher dem pedantischen Bau der lateinischen Sprache seine grammatische und überhaupt seine philologische Selmlung verdankt. Gleichwohl will der semitische Geist, so sehr er in dem eigentümlichen Bau seiner Sprache zur Geltung kommt, auch, und zwar vornehmlich aus allen seinen anderen so gewaltigen Kulturschöpfungcn begriffen sein. Immerhin muss, wie an jeder gewissermassen humanistischen Anstalt, der Sprachunterricht der feste Grund sein, an den sich das übrige Wissen angliedcrn. und an dem sich der denkende Geist schulen und entw ickeln soll. Wenn demgemäss heute mit vollem Recht dem eingehenden und sorgfältigen Studium der Mutterspräche eine so grosse und weitgehende Bedeutung im modernen Schulunterricht beigelegt wird, so ist für uns, die wir an dem grossen, einzigartigen und nie dagcwesenen Werke sind, eine Sprache, die seit Jahrhunderten imd mehr im Volksmunde erloschen ist, zu neuem Leben zu erwecken, die Pflege der hebräischen Sprache von so eminenter Bedeutung, dass ihr und ihrer Literatur in allen Klassen des Gymnasiums ein weiter Raum eingeräumt werden muss. Nächst ihr sollte der arabischen Sprache besondere Pflege zuteil werden. Abgesehen davon, dass selbst für den geborenen Türken eine korrekte littcrnrische Beherrschung der eigenen Mutterspräche ohne genaue Kenntnis der arabischen Schriftspräche ausgeschlossen ist, kommt das ncuarabisehc Idiom als die Landessprache, deren man im Handel und jeglichem Verkehr nicht entbehren kann, in Betracht. Eine grosse Erleichterung für dieses Unterrichtsfach bictet jedoch von vornherein der hochwillkommene Umstand, dass den sephardisehen Kindern der neuarabische Volksdialekt ihrer jeweiligen Heimat nicht minder geläufig ist, als ihre spagnolischc Muttersprache, während andererseits Kinder sich ohnehin sehr leicht aus dem Umgange eine fremde Mundart aneignen, wobei noch die grosse Begabung der aschkenasischen Juden überhaupt für Sprachen ihren sephardisehen Brüdern gegenüber besonders schwer ins Gewicht fällt. Wer aber die jüdische Geschichte wirklich kennt, wer überhaupt nur einen tiefercu Blick in die mittelalterliche Geschichte Israels geworfen hat, der weiss, wie eng sich Judentum und IslAm, arabische Kultur und jüdischer Geist gegenseitig beeinflusst haben. Seit den Tagen Mtihameds und schon lange vor dem Auftreten des grossen Propheten von Mekka bis in die letzten Spätabende des klassischen Arabismus hat sich die Kultur der beiden Brudervölker so

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