Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651289-2651329--00738-2657545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 432. JÜDISCHE RUNDSCHAU. Eine Bewegung ist dann erst wahrhaft gross, wenn si» das bereits Geleistete möglichst klein und geringfügig, das noch zu Leistende möglichst gross sicht. Auf das Endziel kommt cs an, nicht auf den Ausgangspunkt und jeder Schritt vorwärts muss dem Wanderer das sein, was dem Turner die nach langen Mühen endlich gelungene L'cbung ist, nämlich nichts anderes als eilte Vorübung zu einer neuen und schwereren. So sollten auch uns Zionisten alle unsere bereits in der Vergangenheit liegenden Erfolge nicht als Siege erscheinen, für die man einen jährlichen Gedenktag cinsetzt, sondern als Vorarbeiten für unser letztes Ziel, die einmal geleistet sind und von denen deshalb nicht mehr viel die Rede sein sollte. Hüten wir uns solche Vergangenheits- und Gegenwartszionisten zu sein, wie unsere Freunde uns gern haben wollen. Zionisten, die das Ziel, auf da,s sic lossteucrteii, so weit aus den Augen lassen, dass sie in ihrem Baseler Programm nicht mehr einen Willen, sondern nur noch ■eine Hoffnung ausgedrückt sehen und diese ihre Hand* Inngsweise womöglich mich beschönigen, indem sic die walircn Judenstaatszit misten Theoretiker nennen, welche Wechsel au! die Zukunft anssclireibca, sieh selbst aber das cognomen des in der Gegenwart fussenden, Gegenwartspolitik treibenden gesunden Praktikers beifügen. Und von diesem Standpunkte aus sollten wir jenen unseren Freunden gegenüber, wcclhc unserer Bewegung ״sympathisch gegeniiberstehen“, endlich eine andere Miene aufsetzen. Nicht dass wir sie wie titbere Feinde bekämpfen, nicht dass wir ihre gewiss ehrlich gemeinte Sympathie höhnisch zurückweisen, — ach, Gott! Wir ״zionistischen Voiksbetriiger“ sind ja so dank* bar für jedes Tröpflein Anerkennung! — aber dass wir ihnen durch die Tat sagen: Wir wollen uns nicht als Blasebalg ge* brauchen lassen, um das verglimmende Eener eines Ofens an* zufachen, der uns nicht mehr wärmt, sondern wir haben cm neues Feuer angeziiudet, welches ewig brennen soll: uns und der Menschheit zum?egen. Wir gönnen cs gewiss einem jeden י sich an unserer Sonne zu wärmen, wie wir cs ja auch nie einem j Hunde verwehrt haben, unseren Stand anzubellen. Wenn man aber, da wir sehnsuchtsvoll mit jungen Armen die dunklen Mauert! unseres Ghettos iihcrklimmcn wollen, sich an unsere Beine hängt und ruft: ״Bleibt hier und sehnet euch hier!“ so sollten wir uns dagegen well reu. Wir sollten zeigen, dass es uns mit unserem Ideal vom Judenstaate bitter ernst ist, und dass dieses Endziel nicht nur unser flehentliches Gebet in der Nacht, sondern auch unsere Arbeit am Tage ist. Das sollten wir zeigen auf die Gefahr hin, dass heute, wo wir nach sieben; No. 40. , kurzen Jahren unserer Bewegung in dieser Richtung in der Tat entscheidende Erfolge noch nicht aufweisen können, jene unsere Freunde uns als Maulhelden und Pflastertreter der Gegenwart erklären. Wir sollten innerst tief durchdrungen sein, dass es nur ein׳* Gegenwart für uns gibt und diese blickt jn die Zukunft. Ein Zionist, der die Möglichkeit einer Herbei* führung der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina in absehbarer Zeit bezweifelt oder gar bestreitet, i־>J kein Zionist mehr, und wer mit solchen Auffassungen bei uns zu bleiben gedenkt, der übt am eigenen Lager Verrat. Um zum Schlüsse zu kommen, zu einem ״praktischen Schlüsse“, welcher unsere ״Gegenwartsarbeit“ betrifft, so sei hier der Rat gegeben, in Zukunft bei der Propaganda die Frage des Judenstaates und der Mittel zu seiner Verwirklichung meiir in den Vordergrund zu stellen, als dies bisher geschehen ist. damit bei Freunden und Feinden kein Zweifel darüber bleibe, dass uns unser Zukunftsstaat etwas anderes ist als den Sozialdemokraten der ihre. Videant consulcs, ne quid detrimeuti r.s publica capiat! Die Führer mögen zuscheu, dass der Staat zu seinem Rechte kommt. Jüdische Statistik. (Zur I. Publikation des ״Vereins iiir indische Statistik). Von Dr. jur. Brun o B1 a u. 112. Wenden wir uns den! weitere:! Inhalte des ersten Bandes der ״Jüdischen Statistik“ zu! Der Bericht über die Tätigkeit des ..Vereins für jüdische Statistik“ von Leopold zeigt, dass cs diesem Verein ge* lungen ist. während der kurzen Zeit seines Bestehens ein. ganze Reihe von Mitarbeitern zu gewinnet!, weiche viiL-uj sind, ihre Kräfte in den Dienst der jüdischen Statistik zu steilen. Der Bericht beweist auch, dass tatsächlich sw!!>n viel gearbei* tet wurde, und wir wollen hoffen, dass die Begeisterung nicht ,zu schnell verrauchen möge. Nur auf einen Punkt muss auf• merksam gemacht werden, auf die hier sehr Italic liegende Gefahr einer Dilettanten- und Laienwirtschait. diese würde das ganze Werk im Augenblicke, wo es begonnen wird, zerstören. Daher wird der Verein vor allem darauf bedacht sein müssen, die nötigen Mittel zu beschaffen, uni technisch geschulte Ber u f s Statistiker in seine Dienste zu nehmen. Und dann muss vor der Ueberdlung der Arbeiten, welche Mandelskenntnis genug besüssen, um einen jüdischen Kaufmannsstand würdig zu repräsentieren. Denn alle die KIcinkrämer und Kommissionäre, Hausierer und Handelsleute mögen vielleicht in harter Arbeit und unter drückenden Entbehrungen ihr kärgliches tägliches Brot erwerben, aber jeder Zug ins grosse fehlt, muss fehlen, da der kaufmännische Blick durch den Mangel an positiven Kenntnissen geschwächt und getrübt ist. Der Deutsche im Lande, auch der Armenier und Grieche sind im Handel kapitalskräftig geworden, während der jüdische Händler nur die Brosamen aufliest, die von jener Tische fallen. Nicht minder mangelt es an Jiidisehen Handwerkern in den Städten, an der Möglichkeit, ihre geistigen Fähigkeiten so weit auszubilden, um selbständig eigene Bahnen wandeln zu können, während sic jetzt genötigt sind, mit unvollkommenen ,Werkzeugen ihre Kräfte auf alte Muster zu verwenden. Daher muss auf der Elementarschule der Unterbau eines Lyceums in der Weise eingerichtet werden, dass er zugleich als eine Art Gewerbeschule dienen kann. Ja, dieses Progymnasium, das etwa vier Klassen haben dürfte, würde voraussichtlich in den ersten Jahren seines Bestehens weit mehr als Schule für Handel und Gewerbe, denn als Oelehrtenschule, wenn dieser Ausdruck überhaupt gestattet ist, dienen. Es ist dies sehr wohl damit zu vereinen, dass auf diesem vierklassigeii Unterbau ein Obergymnasiuni errichtet wird, das anderen noch weit wichtigeren und notwendigeren Zwecken dienen muss. Denn es wäre durchaus verfehlt, zu glauben, dass die Handelsschule der einzige oder auch nur der wichtigste Teil eines weiteren Ausbaues der Janaer Schule sei, obwohl auch diese allein schon eine weitgehende Vcrgrösserung derselben durchaus rechtfertigen würde. Vielmehr gibt cs noch eine ganze Reihe von Berufen, aut welche das ג' ת ספר die einzige Vorbereitung sein kann, soweit Palästina und das palästinische Judentum in Frage kommen. — Seit Jahrhunderten hat es im Türkischen Reiche eine immerhin nie sehr grosse Zahl von Juden gegeben, denen die Kenntnis der osmnnischcn Sprache die Möglichkeit gab, ihre ganze Kraft in den Dienst des sie schützenden und schirmenden Staates ztt stellen. Und wenn es kein Volk in den weiten Ländergebieten des Sultans gibt, das mehr seiner Huld und der Gnade seiner Vorgänger zu danken hat, als die Juden, so ist es ihre einiache Pflicht und Schuldigkeit, ihm ihre volle Dank־ barkeit zu beweisen, indem sie Bildung erwerben, die sie befähigt, in den höheren und niederen Beanitendienst cinzutrcten. Wir haben in der jüngsten Zeit die Türkei durch unredliche Beamte schwer geschädigt* gesehen,