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Jüdische Rundschau · 1903-10-02 · Heft 40 (2.10.1903) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 40. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 431. Gruppen spalten: erstens die, welche im Begriffe sind, zu uns zu kommen, und dann die, welche möchten, dass wir zu Ihnen komnwn., Die Freundschaft der einen besteht darin, dass sic sic*h in unsere Arme werfen; die der anderen, dass sie uns »n ihre Arme ziehen möchten. Diejenigen, welche sich uns nähern, sind meist solche, die dem traditionellen Judentum schon vollständig oder doch beinahe entfremdet waren, jetzt aber gern zurflckwollcn, sei cs aus negativen Gründen, weil sie am Antisemitismus Schifibrach gelitten, sei cs aus positiven, weil die neue Idee sic begeistert, umso mehr begeistert, als die alte sic abgestossen hat. Kurzum, als verlorene Sölmc Ihres Volkes kehren sie zurück, die einen schneller, die anderen langsamer, je nachdem ihr Temperament, ihre Vergangenheit, ihre Erinnerungen usw. sic antreiben. Sie sind unsere wahren Freunde und wenn wir aus dem Munde solcher Heimwegswanderer unsere Bewegung loben hören, so erfüllt uns das mit Stolz und Freude umso mehr, als wir Beweise haben, dass Männer, die auf solchem Wege zu uns gelangt sind, später zu den Besten und Opferfreudigsten unter uns gehörten. Natürlich! Sie habest ja auch allen Grund, dieser Bewegung dankbar zu sein, die ihnen itn allgemeinen Zusammenbruch iiircr Ideale von Freisinn und Gleichberechtigung ein neues und starkes Futtda* ment wurde. Ich komme zur zweiten Gruppe unserer jüdischen Freunde. Sie gehören nicht zu den schon einmal Abgefallencn, sondern zu den treuen Juden. Ihr Verhältnis zum Judentum charakterisiert sich als Anhänglichkeit an die religiösen Traditionen und Gebräuche unseres Volkes. Sic erkennen die Existenz der Juden frage an, glauben aber, dass sic unlösbar, oder wenigstcus nicht in absehbarer Zeit lösbar ist. Das Judentum hat itn Kampfe mit dem Mittelalter den Sieg da vor. getragen, es wird auch weiterhin siegen, selbst wenn 111:11 die Zukunft noch zehn Mittelalter bescheren sollte. Die soziale Tätigkeit dieser Juden besteht in der Gegenwartsarbeit, wie sie sie gern nennen. Heute die Schäden von heute und morgen die Scliüden von morgen zu heilen, das gibt genug Arbeit Und Mühe, als dass noch Zeit für die Verwirklichung irgend welcher Zukunftsidecn bliebe. Aber auch schon um solche ״Gegenwartsarbeit“ zu leisten, ist es nötig, das heute cingcschlafcne Interesse an jüdischen Dingen zu wecken, und liier kommt diesen unseren Freunden der Zionismus mit seiner Bcgeistcrung und seinem Idealismus gerade recht. Sic fühlen sehr wohl, dass er mehr als irgend etwas anderes fähig ist, die In Bezug auf Jüdische Fragen unter den Herren Israeliten berrsehende Indolenz zu brechen, und so soll er denn helfen, mit der weissen Fahne mit den a'cht goldenen Sternen die Risse zu flicken, die an dem alten Bau wieder hervortreten, nachdem die Stopflappen der Trikolore von 1789 zu Plunder zerfallen sind. Der junge Mut, die Schaffensfreudigkeit unserer Bewegung, die ihnen — wir freuen uns darüber — aufrichtig imponiert, sie sind es, dfe sie uns zu Freunden machen. Das Baseler Programm erkennen sie nicht an. Sic glauben nicht an seine Ausführbarkeit und halten es für eine utopische Träumerei, aus der einmal das Erwachen furchtbar sein wird. Das pflegen sic aber öffentlich nicht auszusprechen. Im Gegenteil, sie sind so sehr unsere Freunde, dass sie vielmehr sagen (vielleicht meinen sie cs ehrlich und merken garnicht die Inkonsequenz ihrer Anschauungen): ״Wir freuen uns, dass so viele Juden eine so reine Freude daran haben,“ — an dem utopischen Endziel nämlich mit dem darauffolgenden furchtbaren Erwachen. Wie verhalten sich die Zionisten zu diesen Freunden? Nun, was sollen sie tun? Sie fühlen sich höchlich geschmeichelt, wenn so ein Rabbiner oder so ein Herr Professor, die sich noch immer genieren,?1 zionistische Versammlungen zu ko;ninen, von der Kanzel oder vom Schreibtisch aus erklären, sie hegten die Hoffnung, dass vom Zionismus eine Ncub:!:bu1׳g des Judentums ausgeben würde. Es ist ja nur zu verständlich, dass sieb bei solcher Anerkennung nach Jahren der Verachtung und Verspottung unsere Brust schwellt. Eine Neubelebung des Judentums! Freilich, ob in der Heimat oder in der Diaspora, das verschweigen die Herren; die wackeren Zionisten können sich ja hinzudenken, was ihnen gefällt. Und sie denken sich hinzu, was ihnen geiäilt uni jubeln: Der bekannt1־־ N. N\ ist Zionist! Beim Baseler Programm; er ist Zionist! -׳- Und dann gebt man mit dem stolzen Bewusstsein zu Bett: Seht ihr? Jetzt endlich erkennt man es an: Wir haben eine historische Tat vollbracht! Es sind die schlechtesten Zionisten, die also sprechen und ihre Begeisterung mit Phrase!! füttern wie diese: ״Wir haben eine historische Tat vollbracht!“ oder: ״Würden wir in Zukunft nichts mehr!eisten, wir hätten schon genug geleistet, um ewigen Ruhm zu ernten!“ Ein derartiges Ausruhen auf dem Lorbeer beweist nur, dass man ihn nicht verdient hat. Einem wahnen Kämpfer ruft der Lorbeer nicht zu: ״Du hast gesiegt!“ sondern: ״Siege!“ Er ist ihm nicht ein Lohn, sondern eine auferlegte Pflicht, und manchen hat der Lorbeer schon gedruckt. den Untersehule erwachsen lässt. Dass eine solche Er- Weiterung der Schule nach oben hin zuerst grosse Anforderungen an die Opferwilligkeit aller Zionsfreunde stellen muss, unterliegt freilich umso geringerem Zweitel, als die Anstalt schon jetzt, wo sie eine jährliche Subvention von 3130 und 1400 Fr. seitens der Alliance bczieht, genötigt ist, mit Defizit zu arbeiten. Doch licsse sich diese Schwierigkeit Lei einiger-!nassen gutem Willen wohl beheben. Ferner aber erwachsen der Schulleitung neue Schwierigkeiten aus den örtlichen Verhältnissen. So ist cs selbst einer noch so primitiven Elementarschule im Orient unmöglich, mir eine einzige Sprache zu unterrichten. Vielmehr muss der Schüler von vornherein sich bemühen, mindestens die arabische Landessprache, sowie irgend ein eitropftisehes Idiom neben dem Hebräischen zu erlernen. Das Hebräische als Unterrichtssprache ist aber, selbst wenn man von jedem irgendwie gearteten nationalen Gesichtspunkte völlig absieht, eine unbedingte Notwendigkeit, ist cs doch der einzige Dialekt, der allen Kindern ausnahmslos gemeinsam ist. Auch war es keine künstliche Einführung, dass die Schüler und Schülerinnen sich der klassischreinen sephardischen Aussprache bedienen, vielmehr ist auch dieser uns hochwillkommene Umstand dem örtlichen Bedürfnisse entsprungen. Aber gerade die Schwierigkeit der Vielsprachigkeit verringert sich und schwindet mit der Erweiterung und Erhöhung der Schule, welcher ja so wie so jetzt eine weitere Klasse hinzugefügt werden muss. Auch ist das Hebräische den Kindern so sehr zur Muttersprache geworden, dass sie zum Teil bedeutend besser als ihre Lehrer sprechen und schon jetzt unbewusst die Sprache organisch fortentwickeln. So ist es denn ganz selbstverständlich, dass nur das Hebräische nach wie vor die Haupt- und Unterrichtssprachc darstellen muss. Im übrigen aber muss die Anstalt ganz auf den Zweck hin eingerichtet werden, zu dem sie bestimmt ist. Man muss sich bei der weiteren Einrichtung stets vor Augen halten, welche Laufbahn und welche Beruie die Jünglinge nach Absolvierung der Schule cinschlagen sollen. Denn wenn sie nicht von vornherein im Sinne einer gedeihlichen sozialen Fortentwickelung des Landes angelegt wäre, so würde die Schule niemals ein Segen, sondern ein Schaden der palästinischen Judenheit werden. Es gibt nun im ganzen Lande kaum einen oder zwei Juden, sowohl unter den Einheimischen wie unter den Eingewanderten, die kaufmännisches Verständnis und

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