Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1903)
- Date
- 1903-09-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 422. Jttdische Rundschau, No. 39. Messias entgeg-nharren und diesem nicht durch Selbsthilfe vorgreifen wollen, oder solchen, die die religiös-ethische Mission des Judenvolkes hur in der Diaspora für möglich ha!־ tcn. Es handle sich aber beim Zionismus nicht um metaphysische Fragen und nicht um religiöse Vorstellungen, wenn auch solche als treibende Momente mitwirken, sondern um praktische Realpolitik: einem Volk, das immer noch ein Volk sein will, die erforderliche Basis des eigenen Landes zu schaf• fcn. Die zweite gegnerische Gruppe halte jüdischen Nationalismus mit deutschem Staatsbürgertum nicht vereinbar; ihr gegenüber genüge der Hinweis darauf, dass die Deutsch- Amerikaner sehr gut Staatsbilrgertreue mit deutschem Nationalismus zu vereinen wüssten. Prinzipiell habe überhaupt der Staatsbegriff nichts mit dem nationalen gemein, der politische Staat könne sehr wohl verschiedene Nationalitüten friedlich vereinen. Die dritte Kategorie vertraue die Lösung der Jude.!• fr.agc dem Fortschritt der Menschheit an. Solange könne man nicht warten; die Verelendung der Ostjuden, die innere Zerrissenheit der Westjuden habe den Höhepunkt erreicht; es gelte schleunige Hilfe, sonst werde der Völkerfrieden nichts mehr voll dem alten Volke voriinden. Die letzte Gruppe der Antizionisten seien diejenigen, die die Bewegung prinzipiell billigen, aber au die Realisierbarkeit ihrer Wünsche nicht glauben, sie als eine ..Utopie" a*!sähen. Warum sei eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für Juden. *».Iso ein autonomes Staatsgebilde in Palästina nicht ebenso gut möglich wie in anderen Teilen des türkischen Reiches. Samos. Libanon? Tatsächlich befasse sich der Sultan ernstlich mit unseren Planen und habe mit den zionistischen Führern bereits mehrfach verhandelt, wenn er auch noch nicht alles zugestanden habe. Die Zustimmung der Grossmächte aber, auf di.־* de: Zionismus ebenso dringend angewiesen ist. sei schon heute sicher; das bezeugten die jüngst veröffentlichten Erklärungen : der englischen und russischen Regierung und die schon früher; mehrfach bekundetet! Sympathien der deutschen Regierung, i Alle Bedingungen also seien gegeben für den Sieg der zio; nistischcn Sache. Kur müsse das ganze Volk, auch diejengen. die zur Zeit keine Beschwerde iühiten. mitarbeiten. allen Bcdrückten Juda’s eine friedliche Heimstätte zu schaffen, ein! sicheres Leben u*.1d ruhiges Auslebcn zu ermöglichen. Redner 1 schloss mit einem Appell unter dem Beifall der Zuhörer, die , mit gespanntester Aufmerksamkeit seinen Ausführungen gefolgt waren. ' Dann folgte eine* zweistündige tebbaite Dtskussi(;*. die dennoch eine»! ruhigen und würdigen Verlaut nahm. Gegen j den Zionismus sprachen die Herren I)r. L. Kantormvicz, Rechts- ' anwalt Piaczek und Stadtverordneten-Vorstehcr Justizrat Pr. j Lewinski; ihre Einwär.de ventilierten die Gefahren für das \ deutsche Judentum, denen der Patriotismus werde abge- ׳ sprochen werden, die inneren und äusseren Föhrliehkeite!!.! denen ef.1 jüdisches Staatswesen allezeit ausgesetzt sein müsse. . die politischen und materiellen Unmöglichkeiten der zionistij sehen Ziele, die bald als freundliche. aber irreale Utopien, bald; als gefährliche Phantome dargestellt wurden. Ihnen entgegj netc Dr. Jeremias und besonders wirksam mehrfach Dr. Klee.! der njit seinem Schlusswort nochmals tiefen Eindruck machte. Um 12 Uhr wurde die Versammlung geschlossen. In die auf gelegte Mitgliederliste zeichneten sich ca. 40 Herren und Damen ein. So sind zu d<J.1 20 Schckclzahlcrn des letzten Jahres ebenso viel neue hmzugewonnen. unter ihnen einige ältere, reprüsentative Akademiker und mehrere junge, arbeitslustige Kräfte Nun dürfte eine lebensfähige Ortsgruppe hier gesichert sein. Ihre Konstituierung findet in den nächsten Tagen statt. Heri'1 Pr. Klee sei auch an dieser Stelle nochmals herzheh gedankt. Lübeck. Am!2. d. Mts. veranstaltete die hiesige Ortsgruppe eine Versammlung der Ortsgruppen- und Gcmeindemit• glieder. Etwa 150 Personen hatten sich eingefunden, um den Bericht des I>elegicrtcn Herrn Dr. Adler über den VI. K«i!gress entgcecnzunchmen. Pas formvollendete Referat, das an der Gesinnungstreue und jugeiulirischcn Begeisterung des Rcierentcn zeugte, entfesselte einen spontanen, stürmischen Beifall. Dem Vorträge folgten Absprachen von Rcf. Jacobsolm. Rabbiner Pr. Carlchach und Lehrer Stichel. Alsdann wussic Herr Pi. Adler durch einige farbenreiche Stimmungsbilder vom Kongress nochmals die gespannteste Aufmerksamkeit aller Zuhörer zu erzwingen. ־ Per Ortsgruppe traten zehn neue Mitglieder bei. L. J. l , : ז » t •׳: < 1,1 X *; ן ו ן ן «:!־ 1 Rundschau. * יי,/ •*׳> י׳י' 1• M י t• « Die Begründung der jüdischen Turnerschaft hat zu langen Auseinandersetzungen in der deutschen Presse geführt. Pie ״Kölnische Zeitung’* war cs, die deshalb zuerst den Juden konfessionelle Ahsondcnmgsgcliiste verwart’, wobei sie die Hoffnung aussprach, dass mau in jüdischen Kreisen selbst dieser ״Ausartung" des Zionismus, dem sic eine gewisse Berechtigui g nicht absprechen könne, entgegentreten würde. Per Schriftführer des Kölner Jüdischen Turnvereins sandte darauf genannten Blatte ein Schreiben, in dem er hervorhob dass nicht die gemeinsame Konfession, sondern die jüdischnationale Idee das Band sei, durch welches sich die jüdischen Turnvereine mit einander verknüpft fühlten. Nunmehr erneuerte die ״Kölnische Zeitung“ ihre Vorwürfe gegen die vermeintiiehen jüdischen Abschliessuugsbcstrebiuigen in lieftigeret Form au leitender Stelle und stellte die JüJischuationalen h eine Reihe mit den Patten und Polen im Deutschen Reiche. Besonders aber liess sic cs sich angelegen sein, das ״Höre Israel” des antisemitischen ״jüdischen Patriziers” Rathenau zu wiederholen und eine von Beleidigungen der jüdischen Rasse strotzende Stelle aus deh ״Impressionen” dieses Mannes ״Dennoch,“ sagt unser Heinrich Heine in seinen Reisebildern aus Polen, ״trotz der barbarischen Pelzmütze, die seinen Kopf bedeckt, und der noch barbarischeren Ideen, die denselben füllen, schätze ich den polnischen Juden weit höher als so manchen deutschen Juden, der seinen Bolivar auf dem Kopf und seinen Jean Paul im Kopfe trägt.“ Kulturelle Streifzüge im jüdischen Orient. Ein hebräisches Lyceum. Wenn in Jerusalem trotz einer sehr zahlreichen jüdischen Bevölkerung aus allen Teilen des Orients und des Okzidents fast nur das historische Moment in die Erscheinung tritt, so gilt das Gegenteil von Jaffa. Denn hier hat die geschichtliche Vergangenheit geringe Spuren hinterlassen, während sich neu aufstrebendes und ernporkeimendes Leben allerorten Geltung verschafft, dass sich kaum grössere kulturelle Gegensätze irgendwo örtlich so nahe berühren, wie zwischen Jaffa und Jerusalem. Ist dieses in erster Linie auch ein Sammelpunkt und Zentrum fast kulturfeindlicher Eiemente, so bildet Jaffa den ängstlich beargwöhnten Mittelpunkt der jüdischen Kolonisation, die wenn man auch alle ilire Schwächen, Mängel und Fehler in Rechnung zieht, doch auch das geistige Leben Palästinas und insbesondere des dortigen Judentums repräsentiert. W ie aber jeder gesunde Pulsschlag, dessen Blut und Bewegung die Dörfer jüdischer Bauern durchströmt, von Jaffa ausgeht, so ist hier auch der Ort, wo sich alle die geistigen Momente und kulturellen Elemente zusainmenfinden, von denen die Kolonien sittliche und zivilisierende Anregung empfangen. Von liier kommt stets neues Leben in die Ansiedlimgcn, hier ist sich jeder der grossen Auf-; gäbe vollbewusst, einen jüdischen Bauernstandschaffen zu müssen, liier allein ist dem hebräischen Idiom die Stelle cingerüumt, die ihm gebührt. Und wenn in Jerusalcm die vielen Schulen nichts wesentliches beitragen, um den kulturellen Stand der Juden zu heben, so liat die Stadt Jafia wohl Grund, den Gründern der Knaben- und Mädchenschule von Herzen Dank zu wissen. Denn wenn auch bei den beschränkten Mitteln die Schulen für eine jüdische Bevölkerung von schon mehr als dreitausend Seelen nicht mehr völlig ausreichen, so 9