Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1903)
- Date
- 1903-09-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 420. Jiidi8cl1<3 Rundscliau No. 39. man die Bergflflsse In die Gebirge einfassen, um aus ungeheuren Reservoirs das befruchtende Nass vorsichtig hcrabzuleiten, dass die dürre Steppe sich mit Weizen- und Maisfeldcrn schmücke, dann wird man d4s Netz von Kanälen, Chausseen und Eisenbahnen Uber das Land spannch, das für seinen vollen Reichtum unentbehrlich ist; dann werden die Hafen-, die Kaianlagcn entstehen, die unser verehrter Präsident zukunftsahnend erschaut hat, dann wird vielleicht auch wirklich das Wasser des Mitteimeeres 11 lene Salzpfütze des Totenmeeres geleitet werden, und auf seinen Wegen die riesigen Dynamos dieser blühenden Volkswirtschaft treiben. Dann aber ist es auch Zeit, eine wirkliche Massen-Ein- Wanderung ins Werk zu setzen, dann kann man zwischen den entstandenen Landstädten ansiedein, ganze Handwerker-Städte errichte(!, von Baumpfianzungen umgeben, in denen der verelendste Schneider und Schuhmacher der polnischen Schmutzncster ein trauliches Heim, gesunde Luft und eine ungedrficktc Existenz finden kann. Dann wird hier ein Arbcitermateria! vorhanden sein, das mit den Geldlöhnen des Londoner Ostendes und der SchwitzhöJien Ncw-Yorks eine zwar rieht reiche, aber dennoch würdige Existenz führen kann; und dann mag die in aller Weit berühmte kaufmännische Findigkeit der iüdischen Kapitalisten auf Grund dieser billigen und dennoch nicht verelendeten Lohnarbeiter-Bevölkerung liier Weltmarkt- Industrien errichten, die solange den Auswurf des europäischen Ostens ernähren werden, bis diese Unglücklichen ein sanfte־׳, Ende gefunden haben. Ihre Kinder aber, erzogen in Licht und Luft, bei kräftiger Nahrung und dem Vollgefühl ihrer nationalen Gleichberechtigung werden freie Siedler und freie Handwerker im Lande ihrer Väter sein können, mit der Kraft der Muskeln und des Geistes, die nötig sind um Menschen zu Menschen zu machen. Das, meine Freunde, ist der Weg. auf dem, wie ich glaube, allein zu u.iscrm Ziele zu gelangen ist. Es ist cm harter Weg voller Arbeit, Mühe und Opfer und ein Weg. der für die Ungeduld des nach Erlösung Schreienden und für das heisse Herz des Helfers viel zu lang scheint. Aber ich sehe keinen andern: keine organische Kraft der Welt und kein Reichtum der Welt scheint mir zur Lösung des Werkes auszureichen, das erwächst, wenn man Millionen jämmerlicher Stadtproictaricr :11 ein landwirtschaftliches Gebiet hinüberwirft: Das muss ein Chaos geben, das nur mit beispielloser Not enden kann und das die Ueberzähligen durch Hunger, Typhus unJ Chrdera aus dem Wege räumen muss, um den wenige!! Platz zu machen, die übrig bleiben w׳erden. Wie lange das Werk in Anspruch nehmen muss, das ich skizziert habe, lässt sich übrigens von vornherein nicht feststellen, die Mittel, die wir in der Hand haben, befähige! 1 uns, unsere Haken sofort an vielen Steilen einzuschlagcn, w0.1׳n nur die Vorbedingung jeder Sicdeiung und überhaupt jedes mensch* liehen Wohlseins gegeben ist; die Sicherheit unserer Siedler fiir Gut und Blut, der Schutz eines zivilisierten Staates, die öffentlieh rechtliche Sicherung der neuen Heimstätte. Aber wo auch immer, diese Grundlage muss geschaffen w׳erden und so ist cs dann Sache der Parteileitung uns eines Tages zu srgen. hier schlagt eure Zeitpflöcke ein. Dann aber braucht es gar nicht lange zu dauern, bis der Strom der Einwanderung in unser Lahd vom dünnen Fädelten wächst zum Bach, vom vollen Bach zum Fluss, zum Strom und bis die Reservoirs des Unheils in Halb-Asicn geleert sind. Hier ist nur der Anfang schwer, dann w'üchst das Werk ins Riesenhafte. Legen wir auf das erste Feld unseres Schachbretts nur wenige Weizenkörncr und verdoppeln wir von Feld zu Feld, wie jener persischc Dichter der Sage, dann wächst das Werk unserer Ko- Ionisation ins Ungeheure. Die Geldmittel strömen uns noen viel schneller zu als die Menschen und cs braucht keine dencration darüber zu sterben, bis der letzte Paria Europas zum freien Bürger seines eigenen Vaterlandes umgcwandelt ist. Wir selber werden das gelobte Land hoffentlich noch schauen, wie Josua es schaute, werden nicht sterben müssen wie Moses beim ersten Blick auf das Tal seiner Sehnsucht. Aller Anfang ist schwer und nur der erste Schritt kostet Kampf. Fangen wir daher an, meine Freunde, legen wir so bald als möglich den Grundstein zu den! Riesenbau, den unsere Besten leuc’.itend vor ihren! Auge stellen sahen; legen wir nicht die llü״dc in den Schoss, um eine plötzliche Erfüllung zu träumen. ׳ע;«- dern greifen wir zu und bescheiden uns das zu erreichen, . s des Menschen Kraft von der Natur verliehen ist. den Grund zu legen, den Keim zu pilanzen zu dem Baume, in dess.v Schatten unsere späteren Enkel uns einst segne«! werden. 68ha zu□ Und Gott sprach zu Moses: Gehe zum Pharao und rede mit ihm. dass er das Volk ziehet! lasse. Und Moses machte sich auf, um das Gebot Gottes zu erfüllen. Es waren aber etliche Jünglinge unter dem Volke, deren | Weisheit war gering wie die Zahl ihrer Jahre. Die sprachen! also zu Moses au! seinem Wege: Gehe nicht zum Pharao; denn Sprache zu El!ren kommen. ״Stoif an r e c h t c r Stelle“. Das lebhafte Gestikulieren, die spezifische Physiognomie werden als berechtigte Eigentümlichkeiten einer geachteten Nation rangieren. Wenn die arische Physiognomic als die vorherrschende, als ästhetische Norm gilt, so wird die Physiognomie einer fremden Rasse, der man — gleichviel aus welchen Gründet» — keine Sympathien entgegenbringt, sielt den Vorstellungen als unästhetisch cinprägen; aber man vergesse nicht, dass unter gegebenen veränderten Verhältnissen auch der umgekehrte Vorgang Platz greifen kann. Wir ahnen es vielleicht kaum, wie hässlich dem Indianer das ״Bleichgesicht“ des Kaukasiers erscheint. Darum ist cs lächerlich, das Gestikulieren des Juden — soweit nicht individuelle Ucbertreibungeu vorliegen — als unschön hinzuslcllen — des Juden, der ganz in seinem Volkstum aufgehettd, in einer spezifisch-jüdischen Atmosphäre lebt. Lächerlich aber ist es und unschön, im höchsten Grade, wenn der Jude, der sich vom jüdisehen Volkstum losgesagt hat und eitrig bemüht ist, die spezifisch-jüdischen Merkmale abzustreifen, sich von einigen körperlichen Eigentümlichkeiten nicht frei machet! kann, die die ganze Reformationsarbeit, die er an seiner Person vorgenommen, um so lächerlicher erscheinen lassen, je weiter sic ihn von seinem jüdischen Wesen entfernt hat, und je stärker daher der Gegensatz zu der alten, treubewahrten körperlichen Gewohnheit zu Tage tritt. Typen der ersten Art zu studieren hatte man auf dem BasclerKongrcsscs reichlich Gelegenheit. Typen der zweiteil Sorte liefert in grosscrMenge die im Ticrgartenviertcl Berlins stationierte Leibgarde des ״Berliner Tageblatts“. Der oben gekennzeichnete lächerliche Gegensatz führt dann zu jenen vor» den Witzblättern so eitrig gepflegten Vorstellungen über ״den Juden“, wie sie sich itt den Gehinten der meisten Westeuropäer als traditionell festgesetzt haben, zum Schaden jener Ganz-Juden, die mit diesen ihren ״Stammes- und Glaubensgenossen“ nicht verwechselt zu werden wünschen. Der Besucher des Kongresses, detn all dieses schon früher eingeleuehtet hat, konnte aber auf dem Kongress eine neue Beobachtung machen. Wie gestikuliert der Jude? Wie der Berliner Jude gestikuliert, brauchen wir nicht zu schildern. Nur wer die unglaublich mannigfachen reflektorischen Abwehrbeweguitgeti gesellen hat,