Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1903)
- Date
- 1903-09-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651289-2651328--00717-2657523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 418. «TUdisclie Rundschau No. 39. Wirtschaftsplan aulzustellen, den Etat zu entwerfen, die Zeichnun* der Gebäude, den Bedarf an Maschihen, an Saatgut, an Geräten, an Gespann und vor allem an Bauernfamilien festzustelicn. Zu gleicher Zeit müssen in Galizien, Rumänien und Russland aus der dort vorhandenen reichen Zahl jüdische Ackerbauer zur Uebersicdelung geworben und auf den Weg gebracht worden sein. Sie müssen bei ihrem Erscheinen aui der Kolotiie Wirtschafts- und Wohngebäude fertig vorfinden, und ihre Ankunft muss auf den Zeitpunkt fallen, in dem der eigentliche Betrieb der Landwirtschaft beginnt, so dass sie sofort an die Arbeit gehen können. Sic wcrdcii zunächst formell, um jeder wirtschaftlichen Katastrophe vorzubengen, fest besoldete Lohnarbelter der Kolonie sein, Leute die unter dem Befehle des leitenden Fachmannes für bestimmte Arbeit einen bestimmte:!, ortsüblichen, zur Existenz einer Familie voll ausreichenden Lohn erhalten. Man wird ihnen aber sofort sagen, dass etwaige Ucberschüsse des Betriebes, d. h. der Reinertrag nach Abzug der Lohne, Materialkosten, sowie der Zinsen des investierten Kapitals und der Abschreibungen auf lebendes und totes!11־ ventar und Gebäude, nicht den Kapitalisten, Begründern der Kolonie, sondern ihnen selbst Zufällen wird. Mau wird ihnen ferner sagen, dass man ihnen zur gesamten Hand, d. 11. der von ihnen zu bildenden Genosse! iscliait das Land samt Gebäuden und Inventar zum Selbstkostenpreise überlassen wird, sobald die Kolonie dauerhaft aktiv geworden ist, d. 11. sobald regelnilissig Ueberschiisse erzielt werden. Diese Form des Anfangs vermeidet jede in der Sache selbst liegende Schwierigkeit; sie wälzt die Verantwortung für die Wirtschaftsergebnisse der ersten schwersten Jahre von den Schultern der kapitaliosen und an diese Form der Wirtschaftsiührung *.!och nicht gewohnten Bauern auf die Schultern der Kapitalbegründcr bezw. auf die zionistische Bewegung selber ab. Es wird auf diese Weise jede Möglichkeit, Almosen zu fordern oder zu geben, vermieden, denn der Lohn deckt in guten und bösen Jahren die Bedürfnisse der Besiedelcr. Es wird aber gleichzeitig vom ersten Anfang an die Kraft der Selbstvcrantwurtung. das wirtschaftliche Selbstinteresse voll angespannt, kurz, cs wird nichts anderes geleistet als aristokratischc Hilfe. Um die bäuerlichen Siedcler einerseits für die spätere Ucbernahme des Landes gut genossenschaftlich zu erziehen, und um sic andererseits zu befähigen, für ihren festen Lohn möglichst viel Gomissgütcr zu erwerben, wird man vom Anfang an der Hauptgenossenschaft Untergenossenschaften angliedern, vor allem einen Konsum-Verein. Mau wird durch eine Orosshandelsgenosscnschaft alle diejenigen Produkte des Ackerbaues oder der Industrie, die im Lande nicht hergestellt werden, an der besten Quelle und gegen Barzahlung kaufen und wird sie ohne anderen Prcisaufschlag als die Transportkosten an die Konsum-Vereine der einzelnen Kolonien ablassen. Auf diese Weise entgehen die Kolonisten der Be- Steuerung durch einen Krämer, der einen um so höheren Aufschlag auf die einzelnen Waren erheben muss, je kleiner der Personenkrcls ist, der Ihn mit ernähren soll; nach deutschem Verhältnis 2u urteilen, erhöht man durch solche Konsum-Vereine die Kaufkraft des Lohnes um 30 bis 50 Prozent, oder was dasselbe ist, man erhöht den Reallohn um ebenso viel über den Nominallohn, ln die Verwaltung dieses Konsum-Vereins sollen von vornherein die Frauen und Männer der Kolonie in immer steigendem Masse zur Mitarbeit zugezogen werden, damit Ihnen die schwierige Aufgabe kaufmännischer Kalkulation und die noch schwierigere der Leitung und Lenkung einer genossenschaftlichen Generalversammlung allmählich geläufig wird, beides unerlässlich für die Leitung der Gatsgenossoh- Schaft, die Ihnen später zufallen soll. Daselbe gilt für eine Anzahl anderer Untergenossenschaften. Ich schlage aus einer Anzahl von guten Gründen vor, nicht das gesamte Land dieser Grossbetriebe in gemeinsamer Wirt- I schalt zu bestellen, sondern jedem einzelnen Kolonisten, der es wünscht, so viel Garten- und Feldland in eigene Regie und Verantwortung zu übergeben, als er In den Stunden, die ihm die Arbeitspflicht des Grossbctricbes bewirtschaften kann. Ich meine, dass durch diese Form der Organisation das Heimatsgefühl sich noch vertiefen wird, und dass manche freie Stunde des Hausvaters selbst und seiner Frau und seiner Kinder dadurch nutzbringend zur Hebung des Wohlstandes der Familie Verwendung finden kann, namentlich dann, wenn das Haus mitten auf dem kleinen Pachtstück steht, so dass letzteres leicht und bequem gedüngt und bearbeitet werden kann, und wenn der Grossbclrieb seine Maschinen und Gespanne gegen Erstattung der Selbstkosten für die groben Ackerarbeiten herleiht. Wir werden dann in diesem Falle um den Zcntralbctrieb einen Kranz kleiner bäuerlicher Betriebe haben, die sowohl in ihrer Erzeugung wie in dem Absätze der Produkte eine grosse Anzahl Genossenschaften bilden werden; sic werden mit dem Grossbetriebe zusammen zunächst eine Bezugsgenossenschaft bilden, die Saatgut, Stecklinge, Zuchttiere, künstliehen Dünger, Geräte. Kohlen, Futtermittel u. s. w. u. s. w. durch Vermittlung der Zentrale von der Grosshandclsgcnossen Schaft bezieht und zum Selbstkostenpreise an die einzelnen Betriebe weitergibt, so dass diese der Besteuerung durch den Zwischenhandel entgehen. Sie werden ferner Werkgenossen־ schäften bilden, die eine Dreschmaschine, Oelpresse, Keltereien utid Brauerei, eine Molkerei, eine Rüben- und Zuckerfabrik u. s. w. errichten und betreiben und den Gewinn des Betrieber an die Genossen zurückvergüten, denen auf diese Weise der Unternehmergewinn zuftiesst. Sie werden ferner Absatzgenossenschaften bilden, die die Produkte der grossen und k!einen Wirtschaften zweckmässig behandeln und verpacken und ihnen den besten Markt suchen, um den Genossen den Gewinn des Zwischenhandels zuzuführen. sie werden Vcrsiclierungshassen für Feuer, Leben, Krankheit, Alters, Unfall, Hagclschlag und Viehseuchen errichten und derart nur die Risikopräinien ohne einen Aufschlag für den Unternehmer zu zahlen haben, wobei zu vermuten und zu hoffen ist, dass die kleinen Versicherungskassen der einzelnen Kolonien durch Zusammen* Schluss untereinander mächtige Anstalten bilden werden, 1*1 denen das Risiko auf ein Minimum reduziert wird. Derart wird das ganze Leben dieser Kolonisten ablaufen in ciren: selbstgcspannten Rahmen, der ihnen gleichzeitig Panzer un i Stütze ist. Eine Bauernkolonie, die auf billigem Lande mit ausreichendem Kapital unter intelligenter fachmännischer Leitung arbeitet, deren Einkommen durch den Fortfall aller an Zwischenhandel, an Kapital zu steuernden Abgaben vermehrt ist, deren Besitzrecht unantastbar und deren wirtschaftliche Spannkraft durch das Bewusstsein gespornt ist, nur für sich selbst und für die Familie zu schatten, eine solche Gemeinde ist, das kann man mit Sicherheit aussprechen, einer privatkapitalistischen Kolonie vereinzelter Besitzer in einem ungeheuren Masse wirtschaftlich überlegen. Unter gleichen Verhältnisscu haben die Mormonen aus der Wassersteppe Utahs ein Paradies erschaffen voll *erstaunlichen Reichtums und unerhörten Bürgersinns. Diese ersten von Bauern, von dazu erzogenen Landarbeiten!, bewirtschafteten Besiedelungen, das, meine Freunde sind die Haken, die die zionistische Kolonisation in allen 4 Ecken des Landes fest einzutreibdn hat, um daran die Stricke liir ihr Netz zu spannen. Suchen wir uns ietzt klar zu werden, wie denn diese Stricke zu spannen sind. Wir werden von jeder Kolonie als einem Zentrum von Menschen, Tatkraft und Intelligenz aus, nach Massgabe der verfügbaren Mittel neue Siedlungen atilegen und mit neuen Immer!noch womöglich ausschliesslich landwirtschaftlichen Ansiedlern besetzen; wir werden ferner neues Land erwerben und für die Besiedelung vorbereiten, z. B. durch Entwässerung oder Anlage von Bewässerungswerken, die grössere Bezirke fruchtbar machen, Wir werden fetzt auch daran denken kön-