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Jüdische Rundschau · 1903-09-25 · Heft 39 (25.9.1903) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 39 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 416. «Jtidisclie Himdscliaiit No, 39. ' mus heraus eine weit intensivere Propaganda des ziel- ' gewussten nationalen Zionismus betrieben, als man von! den wenigen Personen hätte erwarten dürfen, so war doch erst der Boden einer grösseren zionistischen Propaganda speziell in Deutschland gcschafien, als Herzls ״Judenstaat״ das Wort ״Judennot״ als den mächtigsten Hebel der nationalen Bewegung in sie hineinwarf. Nichts Jüdisches ist in Herzls ״Judenstaat \ ausser der Judennot. Aber diese sollte die Kraft w erden, die in Westeuropa das Getriebe in Bewegung setzte. Und diese Judennct, die in Russland gebieterisch an die Tiircn klopft, hat dort kaum zur Belebung des Zionismus beigetragen, während sic in Deutschland die Angel wurde, um die sieh der politische Zionismus dreht. Und so wunderbar es klingen mag, cs ist doch eine Tatsache, dass die ״orthodoxen Ostern*‘ von Kischincw eine unendlich viel grössere Schwungkraft dem Zionisinus in Deutschland verliehen, als in dem Lande, wo jeden Tag in den verschicdensten Städten ein neues Kischincw dauernd zu befürchten ist. Es ist ein ungemein ehrendes Zeugnis für den idealen wie praktisch-politischen Charakter der zionistischen Bewegung, dass sic sich in Deutschland aui dem tiefempfundenen Mitgefühl mit den unterdrückten Brüdern gründet, während die russischen Juden den Zionismus in erster Reihe vom national jüdischen Standpunkte anschauen, ohne dabei freilich zu übersehen, dass für die unterdrückten Judcmnnssen eine Lösung der Judeinrage nur durch Gründung einer nationalen Heimat im alten Judenlande möglich ist. Dass diese historische Beurteilung der Quellen des Zionismus die allein richtige ist, wurde auf dem sechsten Zionistenkongress ins hellste Lieht gesetzt. Während fast alle westeuropäischen und amerikanischen Juden für eine Prüfung des von Herzl vorgelegten Ostafrikaprojektes stimmten, wandten sieh die russischen Juden, denen man doch hierdurch die Aussicht auf eine schnellere Hilfe eröffnen wollte, eben so entschieden wie einmütig dagegen. Sie wollten nicht einmal von der Prüfung eines Planes etwas wissen, der ihnen helfen soll, und den sic verwerfen, weil es sich nicht um Palästina handelt. In dieser Hinsicht ist das Votum der Kischincwer Delegierten von Bedeutung, die auf den Trümmern ihrer Habe stehen und die Leichen ihrer ermordeten Brüder kaum bestattet haben, und die sämtlich zu den schärfsten Gegnern der Ostafrikavorlage gehörten, deren Entstehung von dem Kischincwer Unglück gewiss nicht ganz unabhängig war. Dass sie eine baldige Rettung aus dem entsetzlichsten Elend w ünschen, ist sonnenklar. Diese grosse und vor kurzem noch reichste jüdische Gemeinde Russlands, in der die Hungersnot ein ständiger Gast geworden ist, sollte doch am ehesten geneigt sein, ein ferner liegendes nationales Ideal gegen eine nahe halbnationale Hilfe einzutauschen. Denn die überall gesammelten Hilisgclder kommen nicht zur Verteilung, sind auch zum grössten Teile in Berlin 11 sw. zuriickbchalten worden, während jeglicher Handel und Wandel stockt, während die gesunde jüdische Bcvölkerung arbeitslos und brotlos herumgeht. Und wenn die - Verzweifelten der Auskunft des Kischincwer Hillskomitees: ״Wir können Euch nichts geben, das Geld ist in Berlin'.“ nachgehen, so erhalten sie in Berlin von den dafür verantwortlichen Hilisgcsellschaiten, den ״guten Leuten", wie sie höhnisch von den Unglücklichen genannt werden, die unverantwortliche Entscheidung, dass man sie nacii Kischincw zurückschicken wolle, sonst aber keinen Pfennig geben. Dieser Sachlage gegenüber ist es doppelt bezeichnend, dass die in der Mördergrube selbst gewählten Delegierten ihr Zion so hoch stellen, dass sie jede Hilfe zurückw׳eisen, die vielleicht das Zionsideal ein wenig weiter hinausrückt. So macht es dein Herzen der deutschen Zionisten nicht minder Ehre, wenn sic dem Mitgefühl mit den unterdrückten Brüdern das Opfer bringen, ihrem Zionismus ein klein wenig Augcnblickshilfe heimischen zu wollen«׳■ wie cs den russischen Zionismus nicht minder ehrt, dass er ohne Rücksicht auf häusliches Leid das eine grosse allgemeine Ziel keinen Augenblick lang aus den Augen verlieren will. Und beide haben recht; denn eine Hilfe muss gcschaffen werden, die dem Elend steuert und in einer naticnalcn Heimat den Unglücklichen Ruhe und Besitz gewährleistct. Und auf der andern Seite ist nur die unge-!!eure und in ihren Triebkräften unermessliche Bcgcisterung für das Land der Väter im stände, die notwendige Umwandlung eines grossen Teiles der Juden in ein ßaucrnvolk zu bewirken. Auf der einen Seite die Judennot, auf der andern Seite neue hebräische nationale Kultur haben den Zionismus geschaffen, und es ist fiir die Macht der Bewegung von symptomatischer Bedentung. dass sich in Deutschland allein im letzten Jahre die Zahl der organisierten Anhänger des Zionismus verdoppelt hat. Die Quellen des *Zionismus sind nicht versiegt, sondern beginnen immer stärker zu fliessen. Demi die Lebenskraft des Jüdischen Volkes, das nicht tot war, sondern schlici und nun erwacht, ist eine so grosse, dass es noch lange nicht daran zu denken braucht, sich zu den Toten zu legen. Und diese Lebenskraft des Jüdischen Volkes trotz Judeunot und Judeticlcnd, ist die einzige und wirkliche Quelle des Zionisinus. Und so lange sie nicht versiegt, wird der Strom der neujüdischen Bewegung, die im Zionistenkongress organisiert ist, machtvoll weiter rollen. Darum haben wir die Zuversicht, dass wir in nicht zu ferner Zeit das Ziel unserer Sehnsucht erreichen, die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstatte für das Jüdische Volk in Palästina. Und dieser Tag der Sehnsucht und des Sieges w ird uns den Völkern nahe bringen, die uns fern hielten, so lange wir unter ihnen weilten. Dieser Tag, den wir mit dem Wunsche לדנה הנאד. בירוחם herbei sehnen, w ird sein ein Tag der Versöhnung mit den Völkern der Erde. Heinrich L o e w e. Ansiöusüug. Kongressreferat von Dr. Franz Oppenheimer. (Fortsetzung und Schluss.) Die Wirtschaftsgeschichte bew׳cist, dass ein solches Bewusstsein, Melier hinter sich zu haben, ganz von selbst, auch unter günstigeren üussern Umständen, Armut erzeugt, während umgekehrt das Bewusstsein, aut die eigene Kraft angewiesen zu sein, selbst in der Wüste Reichtum schafft Wehe also, dem allzuweichen Manne, der durch Güte an der imrechten Stelle das Riesenwerk verpfuschen würde, das hier zu leisten ist: nicht Güte durchbricht die Berge, sondern nur der stahlbewehrte Wille; und ״gute Leute gehören auf dda guten Ort“, sagt ebenso wahr wie hart das Sprichwort unseres Volkes. Der zweite Hauptgesichtspunkt der zionistischen Kolonisation muss der sein, dass ihre Grundlage eine agrarische zu sein hat. Alles Volkstum beruht auf der Verwurzelung einer Menschcnmassc mit dem Boden, aui dem sie ruht, und diese Verwurzelung schafft nur die Landwirtschaft. Will der Zionismus ein neues Volkstum schaffen, so muss er sein Fundament in einer jüdischen Baueriischaft, tief ins Land hinein legen, nur darauf kann der Weiterbau einer stolzen Kultur sicher ruhen. Alle menschliche Technik hat nur dann Erfolg, wenn sie die Natur selbst in ihrem Schaffen nachahmt: alles Werden vollzieht sich nach jenem gewaltigen Gesetze der Entwickelung, I wonach jedes Einzelwesen alle Hauptstufen zu durcheilen hat,

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