Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VIII (1903)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1903)
- Date
- 1903-09-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651289-2651328--00714-2657520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Abonnementspreis (Zusendung inbegriffen) Viertel jährlich• 1• darob di• BspedUioat a) In Berlin M. —,90. b) nach auswärts M 1.» c) für das Ausland M. 1,50. M. im Postaboanement M. 1,25 3. bot Sammolbozug duroh die Ortsgruppe M. —,60. Postaoltangollste No. 8944. Inserate die viergespaltene Pctiuelle 25 Pf. IneeratonbeUagen 15 M ״*• 'י" ״! V % Organ A 4w pi F/i H 1 , tji WL/UOC'jiiu Erscheint j edlen Freitag*. Adresse für Geldsendnngea and Bestellungen: Perlag Sfldlscfte Rundsdtau e a m. b. a Berlin n 51, Huguststrass« flr. 49 c Sprechstunden: v. ♦—5 Uhr nachmlttaga. Redaktion: Dr. Heinrldi üoewe, Berlin I1W. 40, üehrtersfrasse 14/15. Sprechstunden: Montag und Donnerstag 4—6 Uhr. No. 39. VIII. Jahrgan״. er.uis. Aii einem wichtigen Wendepunkte ist es von Bedeutung, den zuriickgelegtcn Weg zu überschauen. Dieser Grundgedanke aller Ncujahrsbetrachtungcn gewinnt an Wert, wenn man nicht an eine periodisch wiederkelirende Feier, als vielmehr dorthin angelangt ist, wo der Weg zu dem Ziele, das in gerader Linie vor uns liegt, seitwärts und abwärts zu führen scheint, während wir in Wahrheit uns in beschleunigtem Marsche dem Endziele nähern. Daher blicken wir am Ende dieser ersten Jahreswoche, die der Kongresszionisnuis durchlebt und durcharbeitet hat, auf die Gründe zurück, die unseren Zionismus geschahen haben, und suchen die Quellen, aus denen die Bewegung geflossen ist. Denn würden diese Quellen versiegen, so würde die Bewegung von selbst still stehen. Es ist nicht ein einziger Born, aus dem der Strom des Zionismus entspringt, wenn auch in letzter Linie alle Momente des wicdcrerwachtcn NationaÜudcntums kräftige Lehensäiisserungeii jener angeborenen Energie sind, die das Jüdische Volk durch alle Jahrtausende erhalten hat. In letzter Linie ist der einheitliche Grund des Zionismus die unverwüstliche Lebenskraft des Jüdischen Volkes. Aber abgesehen davon sind die Gründe, aus denen der Zionismus entstanden ist und immer neu geboren wird, je nach Erziehung und Bildung, nach Land und .Leuten, nach politischen und kulturellen Verhältnissen verschieden. Nur muss man nicht glauben, dass die Gründe dieser Verschiedenheiten vom ungeübten Auge leicht zu erkennen sind. So wird man vielleicht meinen, dass in den Ländern osteuropäischer Unterdrückung die machtvolle zionistische Bewegung aus dem materiellen Drucke erwachsen ist, der auf den jüdischen Massen lastet. Hier scheint die Judennot in ihrer entsetzlichsten Form die Freiheitsbewegung ins Leben gerufen zu haben. Es ist nicht zu leugnen, dass die sich immer noch steigernde Judennot ein mächtiger Hebel geworden ist, die indolenten Massen aufzuwecken und sie zum Anschluss an eine Bewegung zu veranlassen, die dein Volke eine neue Heimat geben will. Und doch ist gerade in Russland der Zionismus nicht aus der Judennot erwachsen, wenigstens nicht aus der Not der Juden, sondern aus der des Judentums. Es ist daher für das Werden des Zionismus im Reiche des Zaren bezeichnend, dass er dort nie wie in andern Ländern versucht hat. sieh in eine philanthropische Bewegung umzusetzen. Das Erstarken nationaljüdischer Gesinnung ist der Boden, auf dem dort die Bewegung auibaut. Denn so erstaunlich es auch ist, es hat sich unter dem Drucke, der aut den Juden in Russland im XIX. Jahrhundert in verstärktem Masse lastete, langsam und stetig eine Kulturbewegung entwickelt, die von dem ersten Werden jüdischer Kulturbestrebungen zur Zeit Mendelssohns ausgeht, und die unter veränderten Verhältnissen eine andere Bahn einsclihig als die Bildungsbestrebungen in Deutschland. In einem Lande, wo jüdische Massen sich aneinander anlehnten, und wo keine Goethe-Sehillersche Epoche zum Anschluss an die umgebende Kultur unter Aufgabe des stammestümlichen Wesens einlud, ging das Aufstreben der Kulturbewegung Hand in Hand mit der Pflege der nationalen Sprache und der hebräischen Litteratur. Es ist charakteristisch und zur Beurteilung des russischjiidischen Zionismus von grösster Bedeutung, dass die politische Bewegung von der kulturellen ganz ausschliesslich ausgeht. Die hebräische Sprache und Litteratur und die nationale Gesinnung der Juden waren früher da, als die politische Bewegung, und sie haben diese geschaffen, ehe im Entferntesten geahnt wurde, dass eine Zeit kommen möchte, in der der Druck grosser werden könnte. Der Zionismus in Russland ist vor den Bedrückungen und Beschränkungen geboren, die den ״Fortschritt“ des letzten Viertels im Jahrhundert der Humanität darstellen. Es hiesse im Dunkeln herumzutappen, wollten wir erörtern, ob der Zionismus auch die ganze nach Millionen zählende jüdische Masse so im Sturmestlug erobert hätte, wenn nicht jene entsetzliche systematische Judenverfolgung mit allen mittelalterlichen Schrecken eingesetzt hätte, die die grosse Mehrheit des jüdischen Volkes betroffen hat. Auch ohne dieses grauenhafte Elend wäre in den Ländern des aufblühenden Neuhebraismus die politische zionistische Bewegung als sinnfälliges Postulat einer aufblühenden jüdischen Volkskultur entstanden. Die Judenverfolgung aber, die im Osten den Zionismus fördernd und hindernd begleitete, wurde der Ausgangspunkt des westeuropäischen Zionismus. Wenn auch sehr früh kleine jüdischnationale Zentren in Wien und Berlin sich gebildet hatten, und einige deutschhurtige Juden von äusseren Gründen unbeeinflusst aus ihrem eigenen gewissermassen angeborenen Natioualis-