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Jüdische Rundschau · 1903-09-18 · Heft 38 (18.9.1903) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 38. «Jlidiselie Hundgcbau. Seite 409. zerbrechen und sagt: ״Hier stehe Ich, hier muss ich fallen." Das ist geschehen. Das haben dicldtigen, die Sic Ihre f'iihrer nennen und Ihres Vertrauens versichern, getan. Sic haben Ihre Schiffe verbrannt, ihre Brücken abgebrochen und stehen da. Ein Zurückweichen giht cs'für sic nicht. Zurückwcichcn heisst in ihrem Falle: ins Wasser! ersaufen!! Und da sagen Si״: .,Sie halien hier eine kleine Komödie gespielt. Sic wollten uns irgendwie mundgerecht machen, dass es auch ohne Zion geht. Ich qualifiziere dieses Vorgehen nicht weiter. (Beifall.) Und nun. da ich auch mich als Tcniperamentjude offenbart habe, da auch ich meine Gefühle ausgedrückt habe, wollen wir tun. wozu ich Sic in meiner ersten Rede einlud: Kühl, geschäftsmüssig, nüchtern die Frage behandeln. Ich will nur die Hauptargumente hervorheben, die im Laufe der Diskussion gegen den Antrag zur Einsetzung einer Konimission laut wurden. Einzelnes war so schöh, dass ich es eigentlich aus ästhetischen, aus Feinschmcckcrgrfinden hervorheben muss. Es soll doch auch ein lichter Sonnenblick auf die im ganzen düstere Farbensthmmmg der Diskussion fallen. Wortsmann sprach garnicht von der Kommission; er nahm schon als feststehend an. dass wir nach Ostafrika aus• wanden!, und wandte sich mit der ganzen Heftigkeit seines erregten Gemütes gegen die angebliche Auswanderung. Seine Besorgnis war, dass wir in die Wildnis Kultur tragen könnten, dass wir also infolgedessen England für sein Anerbieten garnicht dankbar zu sein brauchten, dass im Gegenteil England uns dankbar sein müsste. Denn wir verwandeln ja Wildnis in kultivierte Gegend. Da ist ihm eine kleine Verwechslung mit unterlaufen. Er dachte wohl, dass wir nach Sibirien ade•; nach Sachalin gehen sollten. Dort arbeitet man allerdings nicht iiir sieb, wenn man arbeitet: und wenn man in Sibirien oder in Sachalin eine Wildnis in eine Kulturstätte nmgcwandelt hat, dann hat derjenige, der das Werk getan, garuichts davon Wer/t man aber in einer britischen Besitzung unter c׳»cm Charter mit dem Rechte der Selbstverwaltung eine Wildni•: unter den Pilug nimmt und dort Kultur sehaiit, so hat man die Kultur iiir sich geschaffen. Der grosse Eiuwand lauft also darauf hinaus, dass Herr Wortsruaun sagt: ״Was. Ihr 1׳el:mt arme Leute und schickt sie in eine Weltgcgeml. wo si׳v• ulch werden? Das ist nicht zu dulden.“ - - Auch dafür kenne ich eine russische Geschichte. Es scheint, dass mau in RussEnd einen Kutscher um so höher schätzt und bezahlt, je stattlicher,!etter, grossbärtiger und schöner gekleidet er ist. (Heiterkeit.) Es kam nun ein armer Muschik zu einem vornehmen russischen Herrn und bat um eine Anstellung. Der Mann war in cP zerrissenes Däninnen gehüllt und sah miserabel, verhungert, dünn und schlottrig aus. Er bekam eine KutscherstcUe mit lü Rubeln im Monat. Nach drei Monaten war er ein Riese mit dreifachem Kinn, ulagchcurcm Bart, gewaltigem Bauch und einem wunderschönen Pelz. Da trat er vor seinen Herrn und sagte: Ich habe dir einen grossen Gefallen getan und du bist mir grossen Dank schuldig. Ich bin elend und beinschlotternd, abgelumpt und verhungert zu dir gekommen. Jetzt bin ich dick und’stark .und schön. Dafür, w iederhole ich. bist du mir Dank schuldig, und darum musst du mir inemen Gehalt erhöhen.“ (Heiterkeit.) Das ist ungefähr die Auffassung des Herrn Wortsmann. Herr Dr. Levin erinnerte an Argentinien und die andern Wohltätigkcitskolonicn. wo ebettsalls Juden hingcschiekt wur* den, allcrdingsvon Leuten, die keine Ziouistc»! waren. Er fragte: Was ist der Unterschied zwischen dem Projekt, womit Sie uns kommen, und jenen andern, die der Zionismus mit Recht immer bekämpft oder als durchaus unzureichend hingcstcllt hat? Ihm ist wieder ein kleiner Unterschied entgangen. Nach Argentimen und Canada werden Juden In nicht jüdische Um■ gebung geschickt, um dort als Juden zu verschwinden, sich zu assimilieren, weiter die entrechtete Minderheit zu bleiben, die sie auch in den alten Ländern waren. Hier aber -- wie konnte Ihnen dieses Moment entgehen! — handelt es sieh darum, Juden nicht irgendwohin ins Blaue nach Argcntiticn oder Canada zu schicken, sondern nach einer Stelle, wo die Juden sein, sich als Juden national auslcben. zu jüdischen Bürgern erzogen werden und ihren Kindern Gelegenheit bieten können, als Judcni jüdisch hebanzu wachsen. Glauben Sie wirklich, dass das dasselbe ist? Herr Dr. Lev in batte noch einen sehr mächtigen Einwatid, und ich stelle fest, dass, als er das sofort zu zitierende Wort sprach, der ganze Saal in ein dröhnendes Beifallklatschen ausbrach: ״Wozu brauclven wir Ostafrika?“ fragte er: ״wir haben Erez Israel." Ich freue mich, das zu erfahret!. Bitte, geben Sic cs uns doch, wenn Sie es haben. (Beifall.) Ich möchte jetzt, damit kein Irrtum besteht, eine Fest- Stellung machen: Ich persönlich habe kein Wort der Empfehlung für Ostafrika, ans einem ganz einfachen Grund: Ich weiss nichts von Ostafrika, ich ahne nichts davon. Ich habe über Uganda, über den Küimandsclmro und die andern in der N'älie de! in betracht kommenden Gegenden gelegenen Gebiete das gelesen,'was ein gebildeter Europäeür •darüber gelesen haben muss. Aber ich gestehe, dass ich cs mit zerstreutem Auge, ein bischen ohnehin gelesen habe: Ich empfehle Ostafrika nicht. Nie soll ein Jude sagen dürfen. Ich bi:: nach Ostafrika gegangen, weil Nordau mich hingeschickt hat. Ich schicke niemand hin. Das einzige, was ich sage, ist: Man spricht mir plötzlich von Ostafrika. Prüfen wir, was daran ist. Nun die zweite Frage: Also soll der Zionismus sich mit dein Nachtasyl beschäftigen? Das Nachtasyl! Ich habe nicht gesagt: Nur Nachtasyl, nicht gesagt: Gorkischcs Nachtasyl, wo Vagabunden Zusammenkommen und in poetischer Stimmung oder mit dem schönen Ton der Selbstverständlichkeit, der den Erzählungen Gorkis so tiefe Wirkung gesichert hat, miteinander über ihre vergangenen Verbrechen, über ihre künftig geplanten Morde, zw-ischaidurch über ihre Liebeserregungcn uml ihre allgemeine vage Menschenfreundlichkeit sprechen, nein, ich habe hinzugefügt -- und ich bin beschämt, fcstzusteileii. dass dieses Wort an Ihnen vorübergegangen, von Ihnen ab geglitten ist, obschon Sie es nicht nur gehört haben, sondern es seitdem auch gedruckt haben lesen können ־ . dass unser Nachtasyl ein eigentümliches Nachtasyl sei 1 soll, nämlich zugleich Nachtasyl und Erziehungsstätte. (Beifall.) Die' Juden, die zu unserem Nachtasyl kommen, werden nicht mit einer Pritsche und einem Bissen trockenen Brotes abgtv'Ptist. Sie werden als Vagabunden eingeiiibrt und drinnen zu Bürgern gcdril.it, zu jüdischen Biiiger:!. nicht iiir Ostafrika; wenn es Ojstafrika ist, nicht für ein anderes Land, wenn es ein anderes Land ist, sondern iiir Zion. Was machen Sie denn jetzt? Worin bestellt denn Ihre ganze zionistische Agitation? Darin, dass Sie hierher kommen und Lärm machen? Ist das alles? (Unruhe.) Ich werde Ihnen, wenn nötig, noch härtere Dinge sagen! - Sie arbeiten in aller Herren Ländern an der Erziehung von Zionisten. Sic arbeiten daran, eine formlose chaotische Masse zu Bürgern zu erziehen. Was ran Sie anderes, wer.': Sie autonome Kolo- 1;'en griiuJen. um dort dieses Erzkiusngswerk ungehinderter, gründlicher, zielbewusster, vollständiger aus/uführen? Beifall.) Einer der Redner. Herr Dizengoff. der mir, neNcnl'ei bemerkt, persönlich besonders sympathisch ist. hat ein Wort gesprochen, das ich gut kenne: .,Uns handelt es sich recht um die Juden, sondern um das Judentum." ..Das JmEmum ohne die Juden“: Jawohl. Gehen Sie mit d:esem Worte in eine Spiritisteuvcrsammlung! Unter Lebende'.’, die Lebert um sich und vor sieh haben wollen, werden Sie damit kein Gliiek bähen. (LaugnnhaUcnder Beifall.) Obwohl die 15 Mimitenzeit nicht aui mich anwendbar ist. werde ich sie doch selbst auf mich;?nvendeu. Ich habe mir Ihre Aufmerksamkeit mr noch für drei Minuten zu erbitten. Es wird besorgt, dass wir unsere mit so viel Mühe, mit so viel bitterer Not aufgebrachten Mittel für die provisorische Kolonisation verwenden könnten, so dass iiir unser eigentliches Ziel nichts übrig bleibt. Pas scheint mir vollkommen ausgeschlossen. Es handelt siel: nicht daium. die Mittel unserer Koh>!1ia!ba:1k, des Natioualionds und etwaige Zuwendungen für zionistische Zwecke dafür zu verwenden. Kein Pictmig davon! (Rauschender Befall.) Pas einzige, das sich rechtfertigen liesse. wären die im Ganzen wenig bedeutenden Kosten für die Entsendung einer Prüfungs- Kommission. Das wäre aber auch das Maximum a t finanzielle!: Opfern, das der zionistischen Kasse auferlegt werden dürfte. (Beifall.) Was riskieren Sie. wem! Sie eine Kommission eriicimcit , . . .? Was riskieren Sie, wenn Sie zunächst nur besehliesscii. eine Kommission zu ernennen, der Sie den strikten Auftrag geben, die ihr vom A. C. vorzulegendeii Pläne zu prüfe!!, von den dazu gehörigen Erläuterungen Kenntnis zu nehmen und allenfalls bei dieser Prüiuug s״ gründlich vorzugeilen, dass auch die Untersuchung der Verhältnisse an Ort und Stelle ein Element der Prüfung bildet? Einen eiidgiltigeit Be- Schluss wird dieser Ausschuss nie und nimmer fassen dürfen. Wenn nötig, wird dazu ein neuer Kongress zusammen treten. Das jüdische Volk selbst wird in seinen Wählerversani.nlungeii darüber schlüssig werden müssen. (Grosser Beifall.) Einstweilen aber werden Sie durch die Wahl eines Ausschusses zur Prüfung der Ihnen vorgetegteu Frage zwei Pflichten erfüllt haben. Sie wissen, dass Ich nicht Mitglied des A. C. hin: ich verlange für. mich kein Vertrauen. Aber Sie schulden Ihrem Führer einen Beweis Ihres Vertrauens. Sie schulde!! ihm das Aktions-Mittel, das er in seiner Einsicht von Ihnen verlangt. Sie sdiitfäetir: es iim, w־eun er Sic dann bittet es ihn! au die Hainf zi! .'geben, ohne dass Sie damit irgendwie praejuditzereitd. Viper späteren Entscheidung vorgreiien. Datut ‘cljt«‘zweiter Grund: Wir schulden diese Höflichkeit auch England. Sic würdigen nicht alle in diesem Augenblicke die Bedeutung der Tatsache, dass ein Weltreich sich mit dem jüdischen Volke in Verhandln 1gcn entlässt und uns einen Antrag macht, der beinahe keine Gegenseitigkeit in sich schlicsst. Man w ill nur geben. Das ist so schön, dass es mir aus meinen!

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