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Jüdische Rundschau · 1903-09-18 · Heft 38 (18.9.1903) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VIII (1903)
Issue
Heft 38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 408. . No. 38. ■ ׳ * «Jttdi&clie JEtiindscliau. Palästina begeistern, werden wir plötzlich kalt gestellt und vielen guten Freunden ruft man zu: Ihr seid Träumer, vergeudet eure Zeit mit dem Bauen von Luftschlössern. Seht her, was in der Zwischenzeit für euch gebracht wurde. Palästina ist für euch nichts realisierbares. Zion ist gut, aber die Erlösnng kommt nicht von Jerusalem, sondern von Ostafrika. Man hat mit der britischen Regierung verhandelt. Haben Sie aber deti Souverän befragt, der allein in prinzipiellen Fragen zu entscheiden hat? Sie haben mit Chanibcrlain verhandelt. Nehmen Sic sicli doch ein Beispiel an Chamberlain. Als er vor kurzer Zeit das so wichtige Projekt der fiskalischen Reform in England einführen wolhe, ging er so vor: Er kam eines Tages vor das Haus der Communs und von der Regicrungsbank aus lafizicrtc er die Idee. Dann aber sagte er, weil das eine su wichtige Sache sei. tyaclic er das Englische Volk zuerst von einem neutralcn Boden aus damit bekannt. Die englische Regierung werde, bevor das Parlament zur Abstimmung schreite, die Sache vor der Öffentlichkeit vertreten. Man werde vorerst das alte Parlament auflösen, Neuwahlen ausschreibe'1 und damit dein Englischen Volk Gelegenheit geben, seine Ansicht zu äussern. Wie aber ist es bei!jus zugegangen. Man hat die c wichtige Frage wie eine Bombe hineingeschleudert. und di? Wirkung war auch bombenartig. Bis vor 2 oder 3 Tagen haben wir von der ganzen Sache absolut nichts gewusst. Es sitzen hier manche - cs ist eine Scheide dies zu sagen * - die von British Ostafrika eine sehr nebelhafte Vorstellung habet!. (Beifall.) Und von diesen Herren wird nun plötzlich verlangt, dass sie chte Kommission ernennen und abstimmen. Schauen Sie doch, um was es sich handelt --- der Vorsitzende wird entschuldigen, wenn ich eitlen vielleicht wenig parlamentarischen Ausdruck gebrauche. (Präs. Hcrzl: Ich bitte keiner nnparlamentarischen Ausdrneksweise sich bedie- 1׳t:1 zu wollen.) Es ist das emer kleinen Komödie etwas ähnlich. (Präs. Hcrzl: Das werden Sie zurückzichen. — Oeschieht.י Man spricht von einer momentanen Hilfe oder wie unser hochverehrter Herr Dr. Nord.au das s<* schön uirschriebei! hat: Wir wollen ein ,.Nachtasyl’* für das jüdische Volk schaffen. Aber seit wann ist es Aufgabe des Zionismus geworden. Nachtasyle zu schallen? (Beifall.) Nein, wir haben bis jetzt Iw hellem Tag für eine Wohnung gekämpft, die wir sowohl bei Tag als bei Nacht benutz•.:1 können. Wir sind des hitiern Beigeschmacks der Nachtasyle satt, selbst wenn sie wie das eleganteste B ׳::.!< >;r ausgest.iuet sein sollten. Anderseits hören wir: Wem! wir auch für Ostafrika arbeiten. Palästina bleibt immer unser Ideal. Das erinnert mich an den besonders in Oesterreich üblichen Gebrauch der langsamen Abschiebung eines unliebsam gewordenen Beamten unter Ernennung zum Oehchnen Hofrutc. In religiöser Hinsicht muss die Kolonisation In einem andern Lande als Palästina für die Reiigionsjuden einen schwereu Schlag bedeuten. Ich weiss: Es werden sich Talmn Jwcise finden, die sagen werden: Im Gegenteil, wir ziehen ein anderes Land vor: denn an Palästina können und dürfen wir nur in Verbindung mit n'U*- denken, wenn auch glücklicherweise schon auf den Esc! verzichtet worden ist. (Heiterkeit.) Inzwischen ist jedes andere Land ebensogut. Den Washington- Jeruselmlaim-Rabbipen! ist Washington ihr Jerusalem geworden. Jetzt erleben wir in unserer Mitte plötzlich Ostafriknhierosolymiten. (Beifall.) Aber die wahrhaft Frommen im jüdischen Volke werden ein solches Zumutei! von sich weisen. W ir haben gestern hier das merkwürdige Schauspiel erlebt, dass ein Herr Rabbiner Ezra für Ostafrika ausniitzen wollte. Wenn Ezra heute in unserer Mitte wäre, diese Mauern würden wklcrhallen von harten und schweren Anklagen gegen die modernen Eiferer in Israel für Ostafrika. (Beifall.) Die Ostafrikasache ist eine pliilautropischc Privataugelegenheit. die uns Zionisten als Privatleute wohl interessicren kann und muss, ebenso wie ein grosser Teil von uns sich an der von der J. C. A. im Osten gegründeten pbiiantrooischcn Institution beteiligt. Aber nicht mehr als das. (Präs. Hcrzl macht den Redner auf den Ablaut seiner Redefrist aufmerksam.) Ich appelliere an Sie. Verlassen Sie die alte treue Mutter nicht, die seit 2000 Jahren auf unsere Rückkehr harrt. Kämpfen wir weiter. Unsere Vorfahren haben auf dem Sohciteriiaufen mit dem ייבראל VSti* ihren Atem ausgehaucht. Auch wir wollet! leiden lind kämpfen und bis zum letzten Atemzug wollen wir rufen:- JVYpi לא אביה *!'>' (Beifall.) Nordau (jubelnd begrüsst): Im Laufe der langen und leidenschaftlich erregten Erörterung, die eben zum Abschluss gekommen ist, habe ich liäufig l>ei einzelnen Acusscrungen g<elitten. Im ganzen aber hat sie in mir einen überaus erhel>enden Eindruck zurückgelassen. Gerade die Länge, gerade die Leidenschaftlichkeit dieser Erörterung war der lebendigste und überzeugendste Beweis dafür. wie sehr bei uns die tiefsten Quellen des Gefühls zu sprudeln, zu rauschen, stürmisch hervorsubrechen beginnen, wenn an die Zionsfragc gerührt wird. Ich freue mich, Sic in dieser Scclcnstimmung zu wissen. Temperamentvoll sind wir ja. Das ist bekannt. Wir sind cs in dieser Erörterung mehr als je gewesen. Und wenn das aus dem Gesichtspunkt parlamentarischer Ordnung nicht eben nützlich w׳ar, so schadete es im ganzen doch auch nicht viel. Jedenfalls ist mir die Erregung, die seit zw^ei Tagen in Ihren Reihen herrscht, ein vollgiltiger Beweis, dass Sic selbst in Ihrer Treue gegen Zion nicht wankend zu machen sind, und datss Sic dieses Gefühl der Treue auch Ihren Kindern vererben werden. (Beifall.) Nun aber gestatten Sic mir hinzuzufügen, dass Ihre Ernpfindlichkeit zu gross und Ihre Erregung meines Dafürhaltens unangebracht, weil, missverständlich war. Es handelt sielt bei der Frage, die Sie in diesen zwei Tagen erörtert haben, tatsächlich um drei verschiedene, wenn auch vielfach durcheir;- ander geschlagene Fragen. Von taltnudistisch geschulten Köpfen hätte ich doch erwartet, dass Sie dieses Gewebe der drei ineinander geschlungenen Fragen reinlich, säuberlich auseinander zu dröseln verstehen würden. Da Sic dieses zu meinem Erstaunen nicht getan־ haben ■ wenigstens die gegnerischen Redner nicht - so muss ich mit einigem Bangen -״ denn cs ist leider lauge her. dass ich mich mit dem Talmud beschäftigt habe,, und ich kann als Talmud ist mit dem schwächsten von Ihnen nicht ringen — mich der Mühe unterziehen, diese reinliehe Scheidung vorziiaehmc■?.!. Worum handelt cs sieh liier? Um die Beantwortung dieser drei Fragen. I. Still eine Kommission zur Prüfung einer gegebenen Frage ernannt werden. imvorgreifHcli. lediglieh zinn Zwecke der Prüfung dieser Frage? 2. Sollen wir nach Ostafrika umbrechen? 3. Darf mni soll der Zionismus au die Frage eines Nachtasyles litt'anireten? Da dieses W ort von mir leider unvorsichtig in die Diskussion geworfen wo!־- den ist. da cs von Ihnen sichtlich gründlich, bis zum Erumittelpuakt. missverstanden worden ist. werde ich mir gestatten dürfen, es zwar Jetzt noch zu gebrauchen. aber später zu erläutern. Aiso: eine Kommission ernennen, nach Ostatrika ziehen und die Frage erörtern, ob der Zionismus sich mit der Errichtung eines Nachtasyles wo das zu errichten ist. ist eine andere Fragt; .- beschäftigen darf und soll: das ist es. womit Sie befasst sind. Fast alle Redner, selbst die crbiuersieii Oppositionsreducr. begannen immer mit der Versicherung ihres Vertrauens zu nnscrtn verehrten Fiiltrer Dr. Hcrzl. Das war immer dis erste Wort. Viele von Urnen, die gebildeten Riesen, keim Tolstoi, in einem der rührendsten Teile sei! cs Gesamtwerks, in seinen Kindes- und Jugcndcritmertmgeu erzählt er ehe Szene, die mir unvergesslich geblichen ist. Es scheint, dass sein Vater die erste Frau verloren hatte und von einer Hetze kleiner Kinder umgeben war. die einer Pflegerin und Erzieherin nicht entbehren־ konntet. Er dachte daran, sic!! ein zweites Mal zu verheiraten. Eines Tages erschien eine Gouvernante, und wurde den Kindern vorgestellt. Nachdem die (louvernantc sich eigentümlich zärtlich gegen die Kinder erwiesen hatte, mehr als Gouvernanten bei ihrem ersten Eintritt in c?.1 Hans zu tun piiegou. rief der Vater die Kinder und fragte sie: .,Kinder, wie gefällt euch eure neue Gouvernante? Lieht sie euch? Glaubt ihr, dass ihr auch sie lieben könnt?“ Da brach der Älteste in Tränen aus und sagte: ״Vater, du willst uns eine Stiefmutter geben.‘* Das ist l!1 r Vertrauen. Wir sagen Ihnen bei jeder Gelegenheit, wir wiederholen cs Ihnen bis zur Lächerlichkeit ־-- denn wir sind als Stilisten keine Freunde der Tautologie: wir halten die Tautologie für das erbärmlichste stilistische Hilfsmittel eines Stümpers, und wir haben die Eitelkeit, uns nicht für Stümper zu halten —: Das Ziel bleibt üuverriiekthar. Dieses Ziel heisst Zion. Wir stehen auf dem Basler Programm. Man kann tms die Fasse abhauen: man kann durch äussere Gewalt das Basier Programm zerstören, niemals aber wird mau uns mit heilen Beinen, lebthdig. vom bestehenden Basler-Programm wegrücken. Und Sic sagen: ״Wir haben ungeheuer viel Vertrauen zu Ihnen; folglich nehmen wir an. dass Sie sicher vom Basler Programm abgeUeu wollen. (Beifall.) Sie iüreUtcu, wenn man Urnen von einer Kolonie, in Ostairika oder wo immer spricht, dass man Ihnen ein Stiof-Zion gehen will . . . Das ist ein Vertrauen mit seltsamen Vorbehalten, ein Vertrauen mit schweren Hypothesen. . Seien Sie ganz sicher: Niemand denkt daran, das Basler Programm aufziigeben oder nur cfn Haar breit davon ab/.uwcichcn. Was wollen Sie denn? Können Sie denn, etwa bis zum Augenblick des Mürtyrertodes ~~ der ist allerdings noch nicht von uns gefordert worden — als Beweis der Aufriehtigkeit mehr verlangen, als dass ein Mensch, der sicii einer hübschen Fahrzeuges erfreut, der eine gut gebame Brüche jiat, damit beginnt, die Brücke ahzubrechen, s<?iu Schilt zu

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